Wirtschaftsgeschichte des Landes mitgeschrieben

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Vor der Handwerkskammer in Münster hat Alfred Wilke vor 50 Jahren seine Meisterprüfung im Schmiedehandwerk abgelegt. Das Dokument hängt eingerahmt in seinem Haus in Wiblingwerde.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Den Wandel der Zeit haben Alfred Wilke und Rudi Schröder vor allem in ihrem Berufsleben hautnah miterlebt. Beide Männer haben kürzlich von der Industrie- und Handelskammer zu Arnsberg ihren goldenen Meisterbrief erhalten.

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Video von der Meisterfeier

Während Rudi Schröder vor 50 Jahren seine Prüfung als Malermeister ablegte, ging Alfred Wilke 1960 zur Vorbereitung der Meisterprüfung nach Münster in die Lehrschmiede Warendorf. Heute blicken die beiden Rentner für unsere Zeitung auf ihre Berufe von einst zurück.

Gravierende Veränderungen

Die wohl gravierendsten Veränderungen hat Schmiedemeister Alfred Wilke miterlebt: Seinen Beruf gibt es heute nahezu nicht mehr. Bis in die 1960er-Jahre war Wilkes elterlicher Betrieb in der Wiblingwerder Dorfmitte zu finden. „Das Hauptgeschäft konzentrierte sich auf Hufbeschlag, Wagenschmiedearbeiten und die Reparatur von Landmaschinen“, erinnert sich Alfred Wilke. Als die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe zurückging, zog der Schmiedemeister mit einer Feldschmiede im gesamten Kreisgebiet umher, um Pferde zu beschlagen, erzählt er. Dabei sei er im Kontakt mit vielen Menschen gekommen. Zu ihnen gehörte auch Fritz Finkernagel, der Alfred Wilke auf die Idee brachte, Kronenstöcke, Beizkörbe und ähnliches für die Drahtindustrie zu fertigen. Im Zuge der Dorfsanierung 1969 folgte der Umzug der Firma an den heutigen Standort an der Harpkestraße. Dieser Schritt läutete außerdem den Wechsel von einer reinen Huf- und Wagenschmiede zu einem nach DIN-Norm zertifizierten Metallbauunternehmen ein. Heute sorgen statt Schmiedehammer und Amboss elektronisch gesteuerte Rohr- und Profilbiegemaschinen dafür, dass die Eisenteile in die gewünschte Form gebracht werden. Mit 66 Jahren übergab Alfred Wilke den Betrieb seinem Sohn Ernst-Alfred. Er erzeugt heute neben den Teilen für die Drahtindustrie auch künstlerisch gestaltete schmiedeeiserne Gitter oder Skulpturen – der 75-jährige Seniorchef ist aber auch noch täglich für die Firma aktiv.

Arbeiten sind weggefallen

Während der Wandel der Zeit das Berufsbild des Schmiedes vor allem im handwerklichen Können komplett umkrempelte, stellte Malermeister Rudi Schröder in erster Linie Veränderungen bei seiner Berufsausrüstung – dem Material – fest. „Beim Fassadenanstrich haben wir früher Kalkanstriche gemacht. Heute nimmt man Dispersionsfarbe, weil sie atmungsaktiver ist“, weiß der Goldmeister. „Wir kannten solche Produkte damals nicht. Also mussten wir sie erstmal ausprobieren und testen, wie sie sich verarbeiten lassen.“ Der Aspekt „Isolation der Häuser“ sei im Laufe seiner Berufsjahre immer mehr in den Fokus seiner Arbeit gerückt. Moderne Fassadenfarbe schafften den gewünschten Feuchtigkeitsausgleich und Wasserdampfdurchlässigkeit. „Das ist heute das Wichtigste“, weiß Schröder.

Malermeister Rudi Schröder blickt auf ein wechselvolles Berufsleben zurück. In Arnsberg hat er jetzt den goldenen Meisterbrief erhalten. ▪

Durch den Einbau von Fenstern und Türen aus Kunststoff fielen dagegen entsprechende Malerarbeiten weg. „Auch Treppenhäuser oder Fußböden werden heute nicht mehr mit Öllack gestrichen“, so Rudi Schröder. Generell sei die Verarbeitung der Materialien jedoch immer leichter geworden, wie beispielsweise das Tapezieren. „Früher mussten wir immer eine Kante abschneiden. Heute lassen sich die Schnittkanten bündig auf Stoß legen“, erklärt Schröder diese Entwicklung an einem Beispiel, dass sich dadurch oftmals eine immense Arbeitserleichterung ergeben hat. Auch Einrichtungstrends gingen am Malermeister nicht vorbei: Dekor- und Deckenputz waren Neuerungen, auf die er sich einzustellen hatte. Und die Entwicklungen schreiten immer weiter voran, wie Rudi Schröder weiß und sich auch mit 76 Jahren immer noch weiter informiert. „Hin und wieder werfe ich gerne einen Blick in Fachzeitschriften“, verrät er.

Beide Jubilare – und auch der ebenfalls mit einem goldenen Meisterbrief ausgezeichnete Radio- und Fernsehtechnikermeister Alfred Breuer aus Nachrodt sowie rund 130 weitere Jubilare – erfuhren bei einer Feierstunde in Arnsberg die Wertschätzung von Kammerpräsident Willy Hesse: „Sie gehörten zu denen, die das Handwerk aus Ruinen heraus auf den Weg in die Zukunft brachten und der ersten Nachkriegsgeneration den Weg ins Handwerk wiesen. Sie haben mit dem Meisterbrief in der Tasche die Wirtschaftsgeschichte unseres Landes mit geschrieben“ , unterstrich er die Lebensleistung mit Höhen und Tiefen und manchen Wendungen, die hinter den stolzen Jubilaren liegen. ▪ sr

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