„Wir wissen zu wenig voneinander“-Ratsherr Aykut Aggül im Gespräch

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SPD-Ratsherr Aykut Aggül (2.v.r.) während einer Sitzung des Schulausschusses – hier mit Matthias Lohmann (links), Christian Pohlmann (2.v.l.) und Ronny Sachse (rechts).

Nachrodt-Wiblingwerde -  „Wer dauerhaft bei uns leben und sich in unsere Gesellschaft integrieren will, der sollte sich auch für unsere Staatsbürgerschaft entscheiden.“ Das ist der Beschluss gegen den Willen der CDU-Parteispitze. Die christdemokratische Basis will den Doppelpass abschaffen. Den Antrag hatte die Junge Union gestellt. Ein Thema, das auch in Nachrodt-Wiblingwerde für einige Aufregung sorgt. Und eigentlich wollte das AK mit SPD-Ratsherr Aykut Aggül nur genau über dieses Thema sprechen, doch dann ging es auch um Integration, Sprache, Miteinander, Vorurteile. 

„Wir wissen zu wenig voneinander“, sagt der junge Mann und meint die Deutschen und die Deutschen mit türkischen Wurzeln, Deutsch-Türken und Türken. „Wir können uns darüber streiten, ob ein Pass und damit ein Stück Papier Identitäten formt. Für mich ist das nicht so. Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft. Und in einer Einwanderungsgesellschaft gibt es keine eindimensionalen Menschen wie Nur-Türken und Nur-Italiener. Es gibt auch Deutsch-Araber, Deutsch-Türken, Deutsch-Italiener, Deutsch-Russen“, sagt der 21-Jährige Nachrodter, der sich fragt, warum die CDU genau jetzt die doppelte Staatsbürgerschaft in Frage stellt. „Mein erster Gedanke war: typisch Wahlkampf“, sagt der Soziademokrat. „Sie brauchen Stimmen.“ 

Sind Deutsch-Türken loyal zur Bundesrepublik?

Massendemos für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland wieder auf die Agenda gebracht. Die Kundgebung Zehntausender Erdogan-Anhänger in Köln führte zu der Frage: Sind Deutsch-Türken loyal zur Bundesrepublik? Nach Ansicht von Aykut Aggül sind sie das durchaus. Man würde nach Problemen suchen, die es nicht gebe, man würde schauen, was die Türken alles falsch machen würden. „Hat Deutschland kein Vertrauen in seine Menschen? Hat Deutschland kein Vertrauen in mich? Ich bin zwar Deutscher, aber ich bin sicher, dass ich nicht als 100prozentiger Deutscher bei den Menschen ankomme.“ Aykut Aggül selbst hat die deutsche Staatsbürgerschaft, ist in Iserlohn geboren und hatte bis zu seinem 18. Lebensjahr den türkischen Pass. 

„Ich habe mit 16 angefangen, die ganzen Papiere auszufüllen, um mich hier einbürgern zu lassen. Dass ich mit der Volljährigkeit die türkische Staatsbürgerschaft abgebe, hatte ich da schon unterschrieben. Das Gesetz kam später“, sagt Aykut Aggül. Er hat nie mit dem Gedanken gespielt, ob er, wenn er denn seinen türkischen Pass abgibt, kein Türke mehr sein kann. Eine innere Zerrissenheit habe es bei ihm nie gegeben. Doch er sagt auch: „Von 100 jungen Leuten, die sich jetzt entscheiden müssten, würden zurzeit 60 die türkische Staatsbürgerschaft nehmen, 20 die deutsche und 20 würden sich nicht entscheiden können.“ Es sei wichtig, dass man beide Pässe haben dürfe. „Viele haben den Hintergedanken, dass ihnen etwas fehlen würde, wenn sie den türkischen Pass abgeben würden. Und vielleicht ist es auch die Frage, ob man dann anders im Umfeld angesehen wird. Es gibt viele Menschen, für die beide Länder sehr wichtig sind“, versucht Aykut Aggül zu erklären, was in den Mitbürgern vorgeht.

„Vielleicht bin ich nicht angenommen worden, weil ich einen türkischen Pass habe“

Zudem habe der Doppelpass durchaus Auswirkungen auf die Integration, wenn man allein das Thema Bewerbungen anschaue. „Wenn man sich mit Ahmet sowieso bewirbt und nur mit einem türkischen Pass, hat man weniger Chancen“, glaubt Aykut Aggül. „Ich höre von diesen Problemen.“ Die jungen Leute hätten Sorge. „Vielleicht bin ich nicht angenommen worden, weil ich einen türkischen Pass habe“, so die Vermutung vieler. „Es kann ja nicht überall der deutsche Bewerber besser sein“, sagt der Sozialdemokrat, der auf seinen eigenen Bewerbungen immer auf ein Foto verzichtet. „Wer Interesse an meiner Person hat, kann mich einladen. Dann sehe ich, ob ich wertgeschätzt werde als Bewerber oder nicht.“ Aykut Aggül studiert Wirtschaftsinformatik in Gummersbach. Seine Familie ist in der dritten Generation in Deutschland. Während sein Opa eigentlich immer zurück in die Türkei wollte, haben seine Eltern nie davon gesprochen. Heimat ist Deutschland. Und doch: „Das Problem bei uns, die hier geboren sind und hier leben: Hier bin ich der Ausländer. Und in der Türkei bin ich auch der Ausländer“, sagt Aykut Aggül, der fließend beide Sprachen spricht. Und auch Arabisch kann. 

Aykut Aggül ist der jüngste Ratsherr im Märkischen Kreis, auf Landesebene ist er der drittjüngste. Integrationsprobleme hat er nicht. Und doch gibt es sie, auch in der dritten Generation. „Das liegt alles an der Erziehung“, ist sich der Sozialdemokrat sicher. „Ich kenne das von der weiterführenden Schule. Ich war der einzige in der Klasse, bei dem zu Hause Deutsch gesprochen wurde.“ Aykut Aggül ist zweisprachig aufgewachsenen. Die Mama kann kein Deutsch – „bis heute nicht. Ich finde das sehr traurig. Sie hätte das schaffen können. Sie macht alles selber. Mama ist ganz jung nach Deutschland gekommen, hat mich mit 20 zur Welt gebracht.“ Die deutsche Sprache ist bei ihr in den Hintergrund getreten. Aykut sprach mit seinem Vater immer Deutsch, mit seiner Mutter Türkisch. „Parallelgesellschaft? Dafür brauche ich Beweise“ Dass die türkischstämmigen Bürger in einer Parallelgesellschaft in Deutschland leben, will Aykut Aggül auf keinen Fall unterschreiben. 

Türken in Deutschland haben mehr für Erdogan gestimmt und ihn gewählt als die Türken in der Türkei

„Dafür brauche ich Beweise. Für mich ist das ein Vorurteil“, sagt der Ratsherr und sieht eine Reihe von angeblichen Fakten, die nicht stimmen würden. Fakt ist aber: Die Türken in Deutschland haben mehr für Erdogan gestimmt und ihn gewählt als die Türken in der Türkei. „Das stimmt“, sagt Aykut Aggül, selbst kein Fan von Erdogan. „Es ist so, dass die Menschen hier, die nur die türkische Staatsbürgerschaft haben und an ihr Vaterland gebunden sind, die Türkei höher als die dort lebenden Menschen wertschätzen. In erster Linie möchten sie, dass er die Türkei nach vorn bringt. Ich bin kein Fan von dem Herrn, weil ich mir nicht einreden lassen möchte, was ich wann zu tun habe. Er stellt Regeln auf, die mir nicht passen. Aber es gibt sicher auch viele gute Sachen, wenn man sich zum Beispiel die Infrastruktur anschaut.“ 

In den Augen von Aykut Aggül ist Erdogan kein Diktator und auch nicht auf dem Weg dahin. „Meiner Meinung nach müsste man mal in Deutschland auf die eigenen Probleme gucken, zum Beispiel auf das Thema Berliner Flughafen.“ Es ärgert ihn, dass man in Deutschland die Türken immer skeptischer betrachtet, sich „Dinge herauspickt“, die angeblich falsch laufen. Zum Beispiel auch das Thema Kopftuch. „Ich sehe auch Nonnen. Ich bin ein Mensch, der das akzeptiert.“ Und das angebliche „Unter-sich-sein“ der Türken stimme auch nicht. „Ich kenne viele Landsleute, die sich in vielen Bereichen engagieren und integrieren.“ 

„Wir wissen zu wenig voneinander“

Das wirkliche Interesse der Deutschen aber an den türkischen Mitbürgern halte sich in Grenzen. „Wir wissen zu wenig voneinander“, ist sich der Ratsherr sicher. „Wir treffen uns einmal im Jahr auf dem Weihnachtsmarkt und dann gibt es einen türkischen Stand. Alle freuen sich, dass es Kebap gibt. Aber danach hat man das ganze Jahr keinen Kontakt mehr“, bedauert Aykut Aggül und ruft jeden auf, der Interesse an der türkisch-islamischen Kultur hat, diese auch mal kennenzulernen. Auch Schulen sollten vielleicht einmal eine Themenwoche anbieten. „Es wird auch eine Leseprojektwoche gemacht. Sinnvoll wäre auch eine Projektwoche Türkei, eine Projektwoche Islam. Und die Moschee ist auch 24 Stunden geöffnet“, hofft Aggül auf Neugier statt auf Ablehnung und Ängste. Der Glaube ist dem jungen Sozialdemokraten wichtig. „Ich gehe regelmäßig zum Freitagsgebet.“ Aber er habe auch schon die katholische Kirche besucht. 

Weihnachten hat Aykut Aggül nicht gefeiert. „So Deutsch bin ich nicht, dass ich einen Weihnachtsbaum aufstelle“, lacht der 21-Jährige, der den katholischen Kindergarten besucht hat. Aber einen Weihnachtsbaum hat er seiner Nachbarin geschenkt. Übrigens: Bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland stoßen die CDU-Pläne auf deutliche Kritik. Der Bundesvorsitzende Gökay Sofuoglu sagte, damit verliere die CDU nicht nur die Nerven, sondern auch ihre eigenen Werte. Mit den christlichen Werten und dem Demokratieverständnis sei es nicht zu vereinbaren, dass man ein eigenes Gesetz wieder rückgängig machen wolle. „Allein die Diskussion darüber schafft neue Unsicherheiten in der Gesellschaft in einer Zeit, in der wir mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt brauchen.“

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