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Windräder in Veserde: „Strom für 3000 Haushalte“

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Die Windräder drehen sich – zu einer kleinen Einweihungsfeier kamen alle Investoren, Freunde und Befürworter. Der Letmather Eberhard Grote hatte einen Stick mit hunderten Fotos dabei, die er während der Bauzeit gemacht hatte.
Die Windräder drehen sich – zu einer kleinen Einweihungsfeier kamen alle Investoren, Freunde und Befürworter. Der Letmather Eberhard Grote hatte einen Stick mit hunderten Fotos dabei, die er während der Bauzeit gemacht hatte. © Krumm, Thomas

Gegen den Widerstand aus Bevölkerung und Lokalpolitik haben sich die Investoren von „Naturstrom Veserde“ durchgesetzt: Mittlerweile drehen sich die beiden Windräder und produzieren Strom. Im Interview blickt Naturstrom-Geschäftsführer Rainer Goeken auf den Prozess zurück – und schließt weitere Windräder nicht aus.

Wollen die Investoren von „Naturstrom Veserde“ jetzt, wo sich die beiden Windräder drehen, an anderen Stellen weitermachen? Und kann man mit dem Bau von Windrädern reich werden? Es gilt aber augenscheinlich: Über Geld spricht man nicht. Vor dem Interview mit Naturstrom-Geschäftsführer Rainer Goeken ein paar Fakten:

Turmhöhe bis zur Nabe: 102 Meter. Rotordurchmesser: 92 Meter. Gesamthöhe: 148 Meter. Man sieht in der Nähe bei strahlendem Sonnenschein den Schattenschlag, der im Vorfeld des Baus sieben Jahre lang immer wieder diskutiert wurde.

Man hört die beiden Windräder natürlich auch. Bei optimalem Wind liegt die Höchstleistung bei 2,35 Megawatt für jede der beiden Anlagen. Das sind bei Volllast 2350 Kilowatt pro Stunde. Allerdings läuft ein Windrad nicht das ganze Jahr über unter voller Last. Stattdessen ist die Zeit entscheidend, in der genügend Wind weht. Diese beträgt in der heimischen Region zwölf bis 25 Prozent.

E921850 und E921851 heißen die beiden Anlagen. Wie viel Strom können die beiden Windkraftanlagen produzieren?

Sie können grob über den Daumen im Jahr für 3000 Haushalte Strom liefern.

Wie viel Kilowattstunden (kWh) sind in der Stunde möglich?

Möglich sind 4700 Kilowattstunden.

Und wird das auch erreicht?

Um diese Jahreszeit eher nicht, zum Herbst hin aber hoffen wir das.

Zunächst waren die Anlagen gedrosselt. Auf wie viel Leistung und warum eigentlich?

Es wurde auf 1000 Kilowattstunden gedrosselt, weil die Enervie die Kabel noch nicht fertig hatte. Die Einspeisung ist in der Obernahmer Straße 9. Dort steht die Station und der Strom wird in das Netz der Enervie weitergeleitet.

Wie lang ist die Leitung von den Windrädern bis zur Station?

Das sind etwas mehr als 2000 Meter.

Vom Bauantrag bis zur Inbetriebnahme sind sieben Jahren vergangen. Wie viele Investoren haben aufgrund der vielen Hürden das Handtuch geworfen?

Niemand. Tatsächlich sind wir ins kalte Wasser geworfen worden, mussten uns freistrampeln, uns durchkämpfen mit allen Geschehnissen, mit Politik, Invest, Banken, Gutachten. Wir hatten uns ja breit aufgestellt. Wenn das einer alleine hätte machen wollen, der hätte das Handtuch geworfen. Und jeder wusste, dass es ein Risikokapital gibt, das weg sein kann, wenn wir die Baugenehmigung nicht bekommen hätten. Gott sei Dank ist es anders gelaufen.

Wenn eine Genehmigung angefochten wurde, wie im Fall der Veserder Windräder, war es früher so, dass die Genehmigung ausgesetzt wurde, bis ein Gericht entschieden hatte. Nun aber gibt es das Investitionsbeschleunigungsgesetz. Aufschiebende Wirkungen von Drittklagen sind nicht mehr zulässig. Sie haben deshalb munter weitergemacht. Aber das war eine schwierige Entscheidung, oder?

Nein, das war eine Entscheidung in fünf Minuten. Jörg Kohberg und ich waren uns schnell einig.

Aber es hätte passieren können, dass man die Anlagen wieder hätte abreißen müssen. Die Kosten wären ins Unermessliche gestiegen.

Ja, das war das Risiko. Und ja, wir wollten diese Räder bauen, weil wir den Sinn und Zweck der Sache als gut empfinden. Und natürlich haben wir mit unserem Anwalt eine Risikobewertung gemacht. Jeder, der hier in der Investorengruppe teilgenommen hat, hat uns den Rücken gestärkt.

Rainer Goeken (links) und Jörg Kohberg sind die Geschäftsführer von „Naturstrom Veserde“.
Rainer Goeken (links) und Jörg Kohberg sind die Geschäftsführer von „Naturstrom Veserde“. © Fischer-Bolz, Susanne

Das Thema Energie ist heute ein ganz anderes als damals, als Sie angefangen haben. Jetzt rufen alle nach erneuerbaren Energien. Wird Naturstrom Veserde nun die nächsten Anlagen planen?

Tatsächlich werden wir von außerhalb angesprochen, von Interessenten, die eventuell ein Baufeld für ein Windprojekt haben. Uns macht die Sache nach wie vor Spaß und es könnte sein, dass wir diese Sache noch weiter betreiben.

Auch in Nachrodt-Wiblingwerde?

Nein, nicht in Nachrodt-Wiblingwerde.

Wie sind die Leute denn auf Naturstrom Veserde aufmerksam geworden?

Es spricht sich einfach rum, dass es funktioniert hat. Ich glaube, da gibt es jetzt ein gewisses Vertrauensverhältnis.

Und jetzt, wenn sich die Windräder drehen, fließt das Geld?

Jetzt irgendwann fließt das Geld und das muss es ja auch.

Wie hoch ist die Einspeisevergütung?

Das sind 6,2 Cent pro Kilowattstunde. Wir sind dabei, eine Direktvermarktung anzustoßen, aber das ist ganz neu und in Vorbereitung.

Was bedeutet das genau? Also nicht über die Enervie?

Auf dem Strommarkt ist es so auf der ganzen Welt, dass der Strom dorthin gebracht wird, wo er gebraucht wird. Die Vermarktung ist tatsächlich interessant, aber da können wir erst in einem Jahr drüber sprechen. Dann wissen wir, ob das Modell funktioniert.

Man hat für solche Windanlagen sicher auch hohe Wartungskosten, oder?

Wir haben einen Wartungsvertrag mit der Firma Enercon über 15 Jahre, ein sogenanntes Sorglos-Paket. Das Team ist 24/7 unterwegs.

Möglicherweise wird die Abstandsregelung der Windräder zur Wohnbebauung fallen. Glauben Sie daran und ist das richtig?

Dort, wo Windräder hinpassen, sollten sie auch gebaut werden. Denn wo soll die Energie herkommen? Die Zeit der Befindlichkeiten, dass grundsätzlich hier und dort keine Windräder hindürfen, ist sicher vorbei.

Verständlich ist aber doch, dass man sie nicht vor der Nase haben möchte, oder?

Ja, absolut. Das verstehe ich auch. Deshalb gibt es die Abstandsregel. Deshalb gibt es Gutachten. Deshalb ist die Vorbereitungszeit immens lang. Zumindest war sie es in der Vergangenheit. Was ich nicht so recht glaube, ist, dass die Abstandsregel fällt. Was aber sicher verkürzt wird, sind die gerichtlichen Entscheidungen. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat für Windradeinsprüche einen eigenen Senat gegründet, damit einfach in kürzerer Zeit entschieden werden kann. Hier war es ja so, dass die Anträge erst mal in die Schublade gelegt wurden.

Was denken Sie: Sollten auf den Flächen, auf denen Dürre und Borkenkäfer Schäden angerichtet haben, Windräder entstehen? Und die Einnahmen aus der Stromerzeugung könnten in den Umbau des Waldes fließen.

Eine Windkraftfläche wird nicht damit begründet, dass es eine Borkenkäferfläche ist. Da gehört die Topografie dazu, da gehört der Wind dazu, die Ertragsgutachen und vieles mehr. Wir haben Rahmenbedingungen und Gesetze. Wenn ich aber an die Forstleute und Waldbesitzer denke, dann muss ich sagen: Vielen ist im Grunde genommen ihre ganze Existenz von Generationen durch den Verlust ihres Waldes genommen worden. Da kann man keinem böse sein, wenn er versucht, diese Flächen als Windflächen zu nutzen.

Man sorgt sich in Nachrodt-Wiblingwerde um eine Verspargelung der Landschaft.

Das kann ich nicht beurteilen, aber ob es am Ende eine Verspargelung geben wird, wage ich zu bezweifeln.

Die Windkraftgegner haben ihr Möglichstes getan, um den Bau der Anlagen zu verhindern. Die Politik hat sie in großen Teilen unterstützt. Hat Sie das beeindruckt, Ihnen schlaflose Nächte bereitet?

Nein, definitiv nicht, weil ich an Recht und Gesetz geglaubt habe.

Daran haben die Windkraftgegner auch geglaubt.

Ja, das ist ja eine Auslegungssache. Aber wenn die Rechtsgrundlage nicht mehr greift, dann frage ich mich, wie weit wir in Deutschland gekommen wären.

Es wurde Ihnen vorgeworfen, sie würden nur Geld scheffeln wollen. Wäre es nicht besser gewesen, die Bürger ins Boot zu holen?

Das haben wir der Gemeinde und der Politik am Anfang angeboten, gesagt, dass wir uns vorstellen könnten, einen Bürgerwindpark zu realisieren. Aber man hatte kein Interesse daran.

Und? Scheffelt man jetzt Geld?

Also reich werden kann man nicht, wenn man zwei Windräder hat und alles durch 23 teilt. Wir haben alle unsere Berufe. Wir haben es jetzt soweit geschafft, jetzt freuen wir uns erst einmal.

Windkraft: Der Rechtsstreit

Auszüge aus dem Rechtsstreit: Am 20. März 2016 entschied sich der Rat gegen eine Befürwortung der Windräder, mit der Begründung, dass die Konzentrationszone eine Ausschlusswirkung für die Errichtung von Windenergieanlagen im übrigen Außenbereich bewirke.

Auf die am 11. April 2018 erhobene Untätigkeitsklage der Investoren verpflichtete die 8. Kammer des Gerichts den Kreis dazu, zu einer Entscheidung über den Genehmigungsantrags vom 28. Oktober 2015 zu kommen. Zur Begründung führte es unter anderem aus, dass sowohl die 10. als auch die 19. Änderung des Flächennutzungsplans aufgrund fehlerhafter Bekanntmachung keine Ausschlusswirkung erzeugten, weshalb das Einvernehmen der Gemeinde insoweit durch das Urteil ersetzt werde.

Am 30. März 2020 erteilte der Kreis den Genehmigungsbescheid. Die Gemeinde beantragte, diese Genehmigung aufzuheben, scheiterte damit jedoch.

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