Steinzeitlicher Siedlungsplatz in Wiblingwerde?

War das der Anfang von Wiblingwerde? So wie auf dieser alten Lehrtafel für die Schule aus dem Privatbesitz von Dr. Karl-Heinz Lindenlaub könnte das mittelsteinzeitliche Lager oberhalb von Brenscheid ausgesehen haben.

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Ist Wiblingwerde womöglich viel älter als bisher gedacht? Dr. Karl-Heinz Lindenlaub glaubt, Hinweise darauf gefunden zu haben.

Die Gründung von Wiblingwerde wird heute so beschrieben: Vor rund 1200 Jahren, zur Zeit Karls des Großen, wurde im Raum Wiblingwerde ein erster Bauernhof mitsamt Kapelle gebaut. Dies belegen Bodenfunde. Es war damals eine echte Grenz-Besiedlung. Wenige Kilometer weiter war Feindesland. Die christlichen Franken unter König Karl waren dabei, die heidnischen Sachsen zu unterwerfen. Dieser Kampf dauerte fast 30 Jahre. Die Sachsen hatten sich nur wenige Kilometer von Wiblingwerde entfernt jenseits der Ruhr in ihrer Festung Hohensyburg verschanzt.

„Wahrscheinlich ist diese Geschichte aber gar nicht der Beginn von Wiblingwerde. Die Anfänge der Besiedlung des Höhendorfs liegen sehr viel weiter zurück, viele Jahrtausende früher“, glaubt Lindenlaub. Noch sind die Beweise spärlich. Aber die Stelle, wo man nach diesen Ursprüngen suchen müsste, ist bekannt. Vor 55 Jahren wurde oberhalb von Brenscheid, in der Nähe von Lindenlaubs heutiger Pferdepension Waldemey, ein Flintstein entdeckt, etwa 6000 Jahre alt. Er wird im Museum in Lüdenscheid aufbewahrt.

Zufallsfund auf dem Acker

„Die Fundstelle ist optimal für einen steinzeitlichen Lagerplatz: Etwas oberhalb einer Quellmulde, an einem windgeschützten Südhang, in wildreicher Umgebung mit ausgedehnten Haselnussbeständen“, meint Lindenlaub. Die heutige Weide war 1958 Ackerland. Der Feuerstein war ein Zufallsfund bei der Felderbegehung. Eine intensive Nachsuche nach weiteren Siedlungsspuren hat offenbar nie stattgefunden. „Eine Grabung würde dem Weideboden sein Geheimnis entreißen“, ist Lindenlaub überzeugt. Er geht sogar noch weiter: „Je nachdem, was und wie viel man findet, müsste die Geschichte von Nachrodt-Wiblingwerde neu geschrieben werden. Die positiven touristischen und wirtschaftlichen Folgen wären kaum abschätzbar. Es wäre für die Gemeinde ein riesengroßer Schritt nach vorn.“

Der Flintstein ist nicht das einzige Werkzeug, das eine ganz frühe Besiedlung dieser Höhenlage belegt. In der Nähe der Brenscheider Mühle wurde 1928 ein Beil aus der Bronzezeit gefunden, 3500 Jahre alt. Es wird im Museum in Hagen-Werdingen ausgestellt, das Museum Schwerte besitzt einen Gipsabdruck davon. Auf eine jahrtausende-alte Grabstelle könnte der Fund eines früheisenzeitlichen, bronzenen Halsringes hinweisen.

Wie lebte es sich in der Mittelsteinzeit vor 6000 Jahren? Die letzte Eiszeit war vorbei, im Gebiet des heutigen Deutschlands konnten auf dem wieder frostfreien Boden Bäume wachsen. Es entstanden ausgedehnte, kaum durchdringbare Wälder. Mit der Eiszeit waren die riesigen Mammuts und Wollnashörner ausgestorben. Jetzt galt es, kleinere, flinke Waldtiere zu erjagen. Die Menschen lernten, zierliche Pfeilspitzen aus Stein herzustellen. Die Jagd mit Pfeil und Bogen wurde perfektioniert.

Hartes Leben für den „Sauerland-Ötzi“

„Aber man darf sich diese Zeit nicht allzu verklärt vorstellen. Der Alltag der zotteligen Sauerland-Ötzis war knochenhart“, weiß Karl-Heinz Lindenlaub, der sich mit dieser Menschheitsepoche befasst hat. Der Tagesablauf war demnach bestimmt von der Suche nach Nahrung und ihrer Zubereitung. Unterernährung war normal. Diese Jäger und Sammler aßen buchstäblich alles, was sie fanden: Pflanzen, Früchte, Samen, Wurzeln, Pilze genauso wie Honig, Eier, Fleisch, Fisch Insekten und andere Weichtiere wie Würmer, Käfer und Schnecken. Die Tierhaltung war noch nicht erfunden. Deshalb waren Milch und Milchprodukte unbekannt. Die Menschen lebten in kleinen Sippen. Dort, wo sie gute Jagd-Beute fanden, bauten sie ihre Lager. Wenn sie eine Gegend leer gejagt hatten, zogen sie weiter. Irgendwann, wenn der Wild-Bestand wieder angewachsen war, kamen sie zurück oder eine andere Sippe versuchte an gleicher Stelle ihr Glück.

Ein höchst ärgerlicher Verlust

Lagerfeuer konnte man mit Hilfe von Flintsteinen machen. Sie wurden gegeneinander geschlagen, die Funken entzündeten dann trockenes Moos oder Laub. Flintsteine eigneten sich wegen ihrer Härte als vielseitiges Werkzeug - zum Schneiden, Schaben und Behauen von weicherem Material, aber auch als Waffe. Und weil Flintsteine nicht überall vorkommen, musten sie von frühen reisenden Händlern getauscht werden. Sie waren also für die Steinzeitmenschen ein äußerst kostbares Gut. „Unser Vorfahr hat ihn keinesfalls achtlos weggeworfen. Er dürfte sich über den Verlust richtig geärgert haben, vielleicht war er sogar sehr verzweifelt“, versucht Lindenlaub, sich in den möglicherweise ganz frühen Wiblingwerder hinein zu versetzen.

„Zur Zeit des in der Nähe der Waldemey gefundenen Flintsteins begannen auch in unserer Gegend die ersten Versuche, sich sesshaft zu machen. Anderswo war es schon früher losgegangen. Es war ein langer, tastender Prozess, der sich über Jahrhunderte hinzog, mit vielen Rückschlägen“, glaubt Lindenlaub. Zunächst gab es nach seiner Auffassung Mischformen: Die Menschen jagten und sammelten weiter, bauten aber auch Gemüse und Getreide an und zähmten Wildtiere.

Die Behausungen der ersten Wiblingwerder waren höchstwahrscheinlich äußerst schlicht. Es gab Erdhöhlen, Erdmulden, einfache Zelte aus Holzstangen, die mit Fellen abgedeckt wurden. Doch der Innenraum war dunkel, von den Feuerstellen verrußt und verqualmt. Mit der Sesshaft-Werdung wurden die Behausungen zwar stabiler und ortsfester. Stein, Lehm und dicke Balken kamen als Baumaterial auf. Aber der Wohnkomfort blieb für heutige Verhältnisse grauselig.

Zerstörung wertvoller Zeugnisse droht

„Wie lange unsere Steinzeit-Großfamilie an ihrem Lagerplatz verweilte, ob sie dort sogar ansiedelte, ob sie weiterzog und Jahre oder Generationen später wiederkam, das alles ist im Boden unterhalb des beliebten und idyllischen SGV-Wanderwegs von Waldemey nach Leimbleck verborgen“, vermutet Lindenlaub. Er befürchtet jedoch, dass diese spannenden Fragen nie geklärt werden. Genau auf dem Fundort will ein Landwirt einen Rinderstall errichten. „Bei den Baggerarbeiten würden die im Boden ruhenden Zeugnisse der ersten Einwohnern von Wiblingwerde für immer vernichtet“, sagt Lindenlaub, der deshalb versucht, das Bauvorhaben zu verhindern.

Der Gemeinderat hat bereits seine Zustimmung zu den Bauplänen erteilt. Lindenlaub ist fassungslos: „Die Politiker wussten von dem steinzeitlichen Fund, zeigten aber null Interesse an der Geschichte und den Wurzeln des Ortes sowie an den im Boden verborgenen Überresten einer jahrtausendealten Besiedlung.“ Die endgültige Entscheidung liegt jetzt beim Kreisbauamt in Lüdenscheid. Dort wird der Bauantrag derzeit bearbeitet. Lindenlaub hat noch Hoffnung, dass das für ihn „unrühmliche Bau-Projekt“ gestoppt wird. „Ein Bodendenkmal zur Siedlungsgeschichte des Ortes – zerstört für einen Rinderstall? Wenn das durchkäme, hätten wir uns zum Gespött der Nachwelt gemacht!“

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