Evangelischer Friedhof in Nachrodt

Wegen Unfall-Gefahr: „Hand auflegen“ auf dem Friedhof

Grabsteinprüfer Olaf Diembeck bei der Standfestigkeitsprüfung  auf dem evangelischen Friedhof in Nachrodt
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Grabsteinprüfer Olaf Diembeck bei der Standfestigkeitsprüfung auf dem evangelischen Friedhof in Nachrodt

Manche haben eine bedenkliche Schieflage, stehen aber bombenfest. Die meisten ragen gerade in den Himmel. Nur einer wackelt wirklich und bekommt gleich einen gelben Aufkleber. Ein Besuch beim „Rütteltest“ auf dem Friedhof, bei dem überhaupt nicht gerüttelt wird.

Nachrodt-Wiblingwerde – Die Grabmale auf dem evangelischen Friedhof an der Wiblingwerder Straße wurden auf ihre Standfestigkeit geprüft. Landläufig als „Rütteltest“ bezeichnet, wird tatsächlich gar nicht gerüttelt. Eher Hand aufgelegt. Olaf Diembeck macht das. Der Altenaer hat ein Vermessungsbüro und ist auf 40 Friedhöfen regelmäßig tätig, unter anderem in Altena, Nachrodt, Hagen, Soest, Witten, Solingen und Schwelm. Er macht Belegungs- und Vermessungspläne für die Friedhöfe und hat eine Ausbildung zum Grabsteinprüfer, ist zertifiziert von der deutschen Natursteinakademie.

Vom Grabstein erschlagen: Das ist die Horrorvorstellung, die aber tatsächlich real werden kann. Auf dem Friedhof in Meschede hat sich vor vielen Jahren solch ein Unglück ereignet, als sich ein Kind gegen einen Grabstein gelehnt hatte, der plötzlich umfiel und auf die Sechsjährige stürzte. Auch Olaf Diembeck kann solche Geschichten erzählen, von einer Frau beispielsweise, deren Fuß vom umgefallenen Stein eingeklemmt wurde. Niemand hörte die Hilferufe in der kalten Jahreszeit. Sie starb an Unterkühlung.

Prüfung in drei Phasen: Optik, Handtest, Kipptester

Um solche Unfälle und tragischen Vorkommnisse zu vermeiden, müssen Grabmale jährlich auf ihre Standfestigkeit geprüft werden. Natürlich nur die Stehenden. Die Standfestigkeit ist gegeben, wenn der Grabstein am oberen Ende der Breitseite mit einer Kraft von 500 Newton (50 Kilogramm horizontale Drucklast) belastet werden kann und dabei nicht schwankt.

Phase drei der Grabstein-Prüfung: Olaf Diembeck nutzt den Kipptester.

Um das herauszufinden, hat Olaf Diembeck ein Prüfgerät dabei. Er geht von Grab zu Grab, von Stein zu Stein. Dabei gibt es zunächst die optische Prüfung (wie sieht der Stein aus), die Handprüfung und die Untersuchung mit dem Kipptester. Ein Tonsignal kündigt an, ob der Stein fest ist. „Auf dem ganzen Friedhof hier gab es im letzten Jahr nur einen einzige losen Stein“, erzählt Olaf Diembeck.

Grabsteine:Gelber Aufkleber als Warnung

Später ist es eben genau dieser Stein, der wohl nur provisorisch hergerichtet wurde und immer noch wackelt. Fällt ein Stein durch die Festigkeitsprüfung, bekommt er einen gelben Aufkleber: „Grabstein lose. Nutzungsberechtigte haften bei Unfallschäden.“ „Die Leute gehen aber nicht jeden Tag auf den Friedhof.

Es ist also auch eine optische Warnung für den Friedhofsgärtner“, sagt Olaf Diembeck, der für Rückfragen auch seine Telefonnummer hinterlässt. Zudem gibt es ein Prüfprotokoll von ihm, das an die Kirchengemeinde geht, die ihrerseits die Nutzungsberechtigten anschreibt, wenn mit dem Grabstein etwas nicht in Ordnung ist.

Grabsteine: Steinmetz muss es richten

Dabei gibt es drei Kategorien: Der Stein ist lose im Fundament, auf dem Fundament oder lose auf dem Sockel. „Dann ist der Schwarze Peter bei den Nutzungsberechtigten. Oftmals gehen diese dann zum Friedhof, wackeln am Stein und sagen: ,Der ist doch gar nicht lose.’ Dann vereinbare ich noch einen Ortstermin“, erzählt Olaf Diembeck, der schließlich empfiehlt, einen Steinmetz hinzuzuziehen. Denn diese Reparaturen kann man nicht selbst machen. Mit einer Frist von sechs bis acht Wochen sollte der Grabstein wieder felsenfest sein.

„Wenn es nicht gemacht wird und der Stein umfällt und jemanden verletzt, haften die Nutzungsberechtigten.“ Die Kirchengemeinde selbst kann nicht tätig werden, nur wenn die Grabstelle abgelaufen ist. Dann wird der Stein abgeräumt.

Prüfung nur bei gutem Wetter

Es ist ein besonderer Ort für einen besonderen Job, den Olaf Diembeck macht. Ein Gefühl des Unwohlseins hat er nicht. Im Gegenteil: „Wenn ich hier bin, dann weiß ich, dass ein guter Freund von mir hier liegt, mit dem ich aufgewachsen bin. Natürlich denke ich daran. Aber ich denke nett daran. Ich bin gegen anonyme Bestattungen. Man braucht einen Ort zum Trauern. Wenn sich alle anonym bestatten lassen, geraten sie in Vergessenheit. Und man selbst hat weniger Respekt und Dankbarkeit vor dem eigenen Leben“, sagt Olaf Diembeck. Schwierig ist es für ihn bei Kindergräbern. „Dann frage ich mich, warum das sein musste.“

Die Sonne strahlt durch die Bäume. Die Atmosphäre ist ruhig, geradezu gelassen, als Olaf Diembeck von Grabstein zu Grabstein geht. Die Prüfungen macht er nur bei schönem Wetter, „bei strömendem Regen halten die Aufkleber nicht“, sagt er schmunzelnd.

Prüfer mit Versicherung

Einige Steine sehen aus wie der schiefe Turm von Pisa. Trotzdem gibt es bei den Prüfungen nichts auszusetzen, „weil das Fundament tief genug im Boden ist“. Wäre das nicht der Fall, würde Olaf Diembeck die Grabsteine abstützen und dafür Hölzer in den Boden schlagen. Manchmal fallen auch Steine bei der Prüfung um. Für den Fall, dass sie kaputt gehen, ist Olaf Diembeck versichert. „Aber ich habe noch nie meine Versicherung nutzen müssen“, so der 63-Jährige.

Viele Grabsteine auf dem Friedhof sind richtige Handwerkskunst, Steinmetz-Meisterarbeiten. Granitsteine, Sandsteine und Findlinge in verschiedenen Größen und Formen, gesandstrahlt, graviert. Auch Bilder der Verstorbenen sind in einige Steinen verewigt. „Ich finde das schön“, sagt Olaf Diembeck.

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