Schwierigkeiten ja, aber nicht existenzbedrohend 

Walzwerke Einsal: Corona spitzt angespannte Lage zu

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In den Walzwerken Einsal gibt es weiterhin den Drei-Schicht-Betrieb.

Nachrodt-Wiblingwerde – Bei den Walzwerken herrschte schon vor der Corona-Krise eine angespannte Situation samt Kurzarbeit. Die Pandemie macht's nicht leichter.

Doch sie werden die Krise meistern, ist Geschäftsführer Dr. Bodo Reinke zuversichtlich. Die Walzwerke Einsal mit ihren 300 Mitarbeitern kommen in Schwierigkeiten, sind aber nicht existenzbedroht. 

Allerdings hält Bodo Reinke die Prognose, dass mehr als jeder zehnte deutsche mittelständische Betrieb durch die Coronavirus-Krise von einer Pleite bedroht ist, für sehr realistisch. 

Drei-Schicht-Betrieb bleibt

Die Arbeit ist reduziert. Wenn auch alle Abteilungen besetzt sind, so „arbeiten wir aktuell mit 80 Prozent der Leistung“, sagt Dr. Bodo Reinke. „Wir hatten auch ohne Corona viele Probleme, da uns der internationale Wettbewerb – mit anderen Arbeitbedingungen als bei uns – stark zu schaffen macht. Darüber hinaus gibt es Probleme in der Stahlwirtschaft. Corona macht es nicht einfacher. Und wir merken, dass einige unserer Kunden nicht mehr voll arbeiten und dementsprechend auch die Nachfrage nicht mehr so da ist.“ 

Aufträge weltweit: von Amerika bis Asien, aber auch zu 50 Prozent in Deutschland. In Italien, Spanien, Frankreich gibt es Kunden und Lieferanten, die aktuell geschlossen haben. Die Walzwerke fahren weiterhin den Drei-Schicht-Betrieb. 

Aber: Einzelne Abteilungen arbeiten nur vier Tage die Woche. 100 Prozent arbeitet so gut wie kein Mitarbeiter. Dennoch ist Dr. Bodo Reinke guter Dinge: „Stahlkrisen haben wir schon häufiger gehabt, und wir wissen, dass es dann wieder einen Aufschwung geben wird. Wir werden die Krise überstehen, weil unsere Produkte weltweit eine starke Nachfrage haben.“ 

Kosten laufen weiter

Die Spezialwerkstoffe mit hohen Anforderungen werden unter anderem in Automobil-, Chemie-, Logistik-, Turbinenbau- und Maschinenbaubranchen benötigt. Eine Schließung des Betriebs soll unbedingt vermieden werden. 

„Es gibt so viele Kosten, nicht nur Personalkosten, sondern auch Anlagenwartung, Lizenzen und andere Kosten, die weiterlaufen. Wenn man den Umsatz über einen längeren Zeitraum nicht hat, dann sind das ruckzuck Millionenverluste, die man kaum herausholen kann.“ 

Dann darf aber niemand am Virus erkranken. „Wir haben es so organisiert, dass wir auf der einen Seite im Schichtmodell arbeiten und auf der anderen Seite Arbeitsplätze entzerrt haben. Ein Drittel der Verwaltung arbeitet permanent von zu Hause, wobei sich die Mitarbeiter abwechseln“, sagt Dr. Bodo Reinke. 

Geschäftsführer Dr. Bodo Reinke

In der Produktion gibt es den Schichtbetrieb und viele Einzelarbeitsplätze. Die Pausenräume sind geschlossen. Die Mitarbeiter sollen untereinander Abstand halten. Markierungen sind eingerichtet. Besprechungen wurden auf das Minimum reduziert.

„Manche Besprechungen machen wir digital, schicken Dateien herum, E-Mails. Man kann auch Telefonkonferenzen von zu Hause aus machen. Kollegen, die sonst zusammen im Büro sitzen, tauschen sich dann so aus“, erklärt der Geschäftsführer, wohl wissend, dass Homeoffice für kurze Zeit okay ist, aber auf Dauer die sozialen Kontakte fehlen. 

"Mitarbeiter pflegeleicht"

„Manches ist mühsam. Jeder freut sich, wenn er wieder hier ist.“ Dr. Bodo Reinke selbst arbeitet nicht so gern von zu Hause. „Da bin ich zu nah am Kühlschrank“, gibt er schmunzelnd zu. Außerdem ist er am liebsten morgens der erste und abends der Letzte. „Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn hier noch welche sind und ich geh’ nach Hause.“ 

Als Chef mit Verantwortung für die Mitarbeiter ist die jetzige Zeit eine besondere Herausforderung. „Die Situation kennen wir alle nicht. Es gibt zum Teil nur unklare Anweisungen von Behörden und anderen Ratgebern. Und so muss man häufig Verhältnismäßigkeit abwägen. Ist es besser, dass die Pausenräume zu sind? Es ist für die Mitarbeiter eine Einschränkung. Kann ich das zumuten? Aber unsere Mitarbeiter sind flexibel und pflegeleicht“, meint Dr. Bodo Reinke. 

Und natürlich gibt es wie allerorts auch die Ängstlichen, die Besorgten in der Corona-Zeit. „Sie steigern sich hinein, wenn jemand niest. Dann muss man sie beruhigen.“ Mit der Art, wie die Politik die schwierige Situation aktuell angeht, ist der Walzwerke-Chef zufrieden. „Sie ist hinreichend konsequent.“ Beides, der Schutz der Bürger, aber auch die Aufrechterhaltung der Wirtschaft, spiele eine Rolle. 

Mittelstand fehlt Hilfe

Auch das Hilfspaket findet Dr. Bodo Reinke sinnvoll. „Es richtet sich an Einzelunternehmen und Kleinunternehmen. Da gibt es viele, die betroffen sind.“ Dann gebe es wieder einmal große Pakete für Banken und Großunternehmen, wie die Lufthansa, aber „dazwischen gibt es sehr wenig Unterstützung. Theoretisch gibt es die Möglichkeit, Kredite leichter zu bekommen, aber das war es. Beim Mittelstand verlässt man sich darauf, dass es Familienunternehmen sind, die das aus den eigenen Rücklagen schaffen.“ 

Aus der Krise kann man auch lernen, findet Dr. Bodo Reinke. „Man sollte überlegen, ob wir unsere Wirtschaft nicht so organisieren müssen, dass sie etwas flexibler ist. Die nächste Krise kommt vielleicht nicht als Corona-Krise, nicht als Finanzkrise, sondern vielleicht als Krieg, der die weltweiten Warenströme unterbricht. Ich glaube, dass wir nicht nur bei den Atemschutzmasken, sondern auch in anderen Bereichen europäische Wertschöpfungsketten etwas besser schützen müssen, und nicht, weil es drei Prozent günstiger ist, uns auf China und Indien verlassen."

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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