Ankunft eines Hauptdarstellers

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Karl-Heinz Lindenlaub mit der Kutsche aus dem Jahr 1880. ▪

NACHRODT-W‘WERDE ▪ Für seinen geplanten Nachrodt-Film will Dr. Karl-Heinz Lindenlaub mit einem alten Doppelstock-Pferde-Omnibus von 1880 durch die Gemeinde rollen. Bislang stand das Gefährt zur aufwändigen Restaurierung in Hagen.

Die Kutsche bekam neue Achsen und Räder, mit vier Scheibenbremsen, eine elektrische Anlage für Blinker und Warnblinker wurde installiert, die alten Blattfedern wurden überarbeitet und der verzogene und gerissene Rahmen wurde erneuert. Über ein Jahr nahmen diese Arbeiten in Anspruch. Nach mehreren Testfahrten kann es jetzt endlich losgehen.

Seit dem Wochenende steht das mächtige Gefährt in der Kutschenremise der Pferdepension Waldemey. Jetzt müssen nur noch – übrigens gemäß historischem Vorbild – die Außenflächen mit einer Werbung versehen werden. Dann kann es losgehen – wenn das Wetter mitspielt in diesem verregneten Sommer.

Präsentiert wird der Film von den Walzwerken Einsal, die sich, ebenso wie die Stadtwerke Iserlohn, an der Finanzierung beteiligen.

„Die Kutsche ist ein richtiger Hingucker“, freut sich K.-H. Lindenlaub. Es ist für Nachrodt eine absolute Premiere, dass so eine Kutsche durch die Gemeinde rollt. „Diese Großkutschen kamen im vorletzten Jahrhundert nur in Weltstädten zum Einsatz, Paris, Berlin, Hamburg, und nur auf flachen Strecken. Für etwas anderes sind sie einfach zu groß und zu schwer“, weiß der Besitzer. In bergigem Gelände wie bei uns konnte so eine Kutsche nicht fahren. Vorne saß der Kutscher auf seinem 3,20 Meter hohen Sitz und hinter an der Treppe stand der „Conducteur“ und verkaufte die „Billets“ (Fahrkarten). Außerdem mußte er einspringen, wenn der Kutscher betrunken war. Heute undenkbar, zur Kaiser-Zeit aber offenbar nicht selten, wenn man die alten Dokumente studiert.

2,2 Tonnen wiegt das imposante Gefährt – leer. Mit Menschenhand geht da nichts mehr, wenn man die Kutsche bewegen will. Zum Ziehen kommen die beiden mächtigen Shire Horse „Bumblebee“ und „Ernie“ zum Einsatz, zum Einparken in die Halle muß ein Trecker ran.

Zum Transport müssen die Geländer und Sitze des Oberdecks jedesmal abgebaut werden. Die maximale Höhe für Brücken-Unterfahrungen wäre sonst überschritten. Ohnehin genossen unsere Vorväter auf dem Oberdeck ein luftiges Fahrvergnügen: Wenn man sich (verbotenerweise) während der Fahrt hinstellt, könnte man heute ohne Probleme die Birnen der heutigen Verkehrsampeln auswechseln.

„Für mich war es immer ein Traum, so eine Kutsche fahren zu können, wie mein unbekannter Kutscher-Kollege vor 130 Jahren“, gesteht Dr. Lindenlaub, „und eigentlich kann ich mein Glück immer noch nicht fassen, dass eine von den vier in Deutschland noch existierenden Großkutschen dieser Art jetzt bei uns auf dem Hof steht. Ich hatte schon mehrere Anfragen, mit meiner Kutsche auf Kutschen-Corsos und anderen Pferde-Shows aufzutreten. Aber ich habe jedesmal dankend abgelehnt. Erst mal wird meine Kutsche ein Filmstar. Dann schauen wir weiter“, lacht Lindenlaub und fährt fort: „Außerdem habe ich dem im März verstorbenen Vorsitzenden des Heimatvereins, Klaus Potthoff, versprochen, für Fotozwecke auch einmal mit dem Pferdebus durch Wiblingwerde zu fahren, bergab an der Dorfkirche und am Kornspeicher vorbei. Weil so ein Gefährt garantiert noch nie durch die Gemeinde gerollt ist. Das mache ich auf jeden Fall noch, auch wenn es jetzt leider eine Gedächtnisfahrt wird.“

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