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Von der Hilfe für ukrainische Schulkinder bis zu hohen Kosten der Gemeinde

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Die ukrainischen Kinder Yaruslaw und Kirill üben mit Lyon Klapper die deutsche Sprache.
Die ukrainischen Kinder Yaruslaw und Kirill üben mit Lyon Klapper die deutsche Sprache. © Fischer-Bolz, Susanne

Die Integration der ukrainischen Flüchtlingskinder ins normale Schulsystem ist tatsächlich eine Herausforderung für alle. Da kommt die Unterstützung von Lyon Klapper wie gerufen. Unterdessen gibt es so gut wie keine Möbelspenden mehr. Und die Geldspenden sind im Vergleich zu den Gesamtkosten ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Nachrodt-Wiblingwerde – Jetzt geht es um Früchte, um Bananen zum Beispiel, Birnen und Trauben. Sie sind auf Kärtchen bunt abgebildet. Yaruslaw und Kirill versuchen, sie auf Deutsch zu benennen: „Das ist eine Birne.“ Lyon Klapper sitzt den Kindern gegenüber und hilft ihnen, arbeitet mit Bildern, kleinen Sätzen, mit Smileys, viel Lob und viel Freude. „Ich finde, sie machen das alle schon ganz super. Wenn man es immer wiederholt, können sie viele Dinge schon erlesen“, lobt er die ukrainischen Jungs aus der dritten und vierten Klasse, die gerade mit ihm an einem kleinen Tisch im Untergeschoss des Schulanbaus der Grundschule Nachrodt die deutsche Sprache üben.

Kinder lernen schnell

Lyon Klapper kommt an drei Tagen die Woche zur Unterstützung und Integration der ukrainischen Flüchtlingskinder in die Schule. Vermittelt wurde dies durch seine Mutter Katrin Klapper, Lehrerin an der Grundschule. Die Stelle war vom Schulamt ausgeschrieben. Wie schnell die Kinder lernen, beeindruckt Lyon Klapper. „Das merke ich besonders in der ersten Klasse, die Kinder denken sogar schon oft in Deutsch“, schmunzelt der 19-Jährige, der bei den Unterrichtsstunden der Erst- und Zweitklässler mit in der Klasse ist. Mit den Lehrerinnen der Dritt- und Viertklässler spricht der junge Mann ab, wann es sinnvoll ist, die ukrainischen Kinder aus dem normalen Unterricht herauszuholen, um mit ihnen gesondert zu üben, und wann sie „einfach mitmachen können“.

Lehrpläne passen nicht übereinander

Doch „einfach“ ist tatsächlich gar nichts. Denn neben der Sprachproblematik passen auch die deutschen und ukrainischen Lehrpläne augenscheinlich nicht übereinander. Das „Kleine 1x1“ können die ukrainischen Kinder beispielsweise nicht, während in der vierten Klasse bereits das „Große 1x1“ unterrichtet wird. Die Integration der Flüchtlingskinder ins normale Schulsystem ist tatsächlich eine Herausforderung für alle. In den vierten Klassen gibt es eine Stundentafel von fast täglich sechs Stunden. Die ukrainischen Kinder darin sinnvoll zu beschäftigen und zu fördern, ist ein wichtiges Anliegen, bei dem Lyon Klapper eine große Rolle spielt.

Studium beginnt

„Ich mache es gerne und es ist für meinen späteren Job super“, erzählt der junge Mann, der ab Oktober Grundschullehramt in Siegen studiert. Er kommt aus Altena, spielt in Nachrodt in der ersten Mannschaft der SpVgg Fußball. Drei Mal die Woche Training, Studium, Integrationsjob: Lyon Klapper ist sich sicher, dass er auch zukünftig alles unter einen Hut bekommt.

Google-Übersetzer hilft

14 ukrainische Kinder besuchen derzeit die Grundschule Nachrodt in unterschiedlichen Klassen, in der Wiblingwerder Schule ist im Moment kein ukrainisches Kind. Die Kommunikation mit den Eltern läuft oft und gern mithilfe des Google-Übersetzers auf dem Smartphone. „Die möchten sich integrieren, der Wille ist da“, freut sich Lehrerin Katrin Klapper. Und so fahren die ukrainischen Kinder natürlich auch mit auf Klassenfahrt.

Eltern entscheiden

Seit Juni ist Lyon Klapper an der Grundschule tätig. Seine Unterstützung hilft den Kindern und den Lehrkräften, weshalb sich auch Schulleiterin Carsta Coenen sehr zufrieden äußert. Einige Kinder nehmen übrigens auch am Distanz-Unterricht teil, den ihre ukrainische Schule anbietet. Ob und wie das in Anspruch genommen wird, hängt von den Entscheidungen der Eltern ab. Eltern aus der Klasse zwei haben sich beispielsweise aber dafür entschieden, dass ihre Kinder die deutsche Schule besuchen und nachmittags frei haben.

96 ukrainische Flüchtlinge / Gemeinde gibt bisher 206 000 Euro aus

96 ukrainische Flüchtlinge, darunter 39 Kinder leben zurzeit in Nachrodt-Wiblingwerde. Von der Bezirksregierung wurden lediglich drei Familien zugewiesen, die anderen sind über private Kontakte oder Ukrainer, die bereits Zuflucht in der Doppelgemeinde gefunden hatten, gekommen. Eine Familie ist wieder zurück in die Heimat gegangen, eine Ukrainerin ist nach Oberhausen gezogen. „Einige haben wohl auch eine Wohnung in Lüdenscheid gefunden, sind aber noch nicht umgemeldet“, sagt die Flüchtlingsbeauftragte Sabrina Lippert.

26 Wohnungen angemietet

26 Wohnungen hatte sie in Nachrodt-Wiblingwerde für die Flüchtlinge anmieten und ausstatten können. Mittlerweile gibt es so gut wie keine Möbelspenden mehr, wobei die ukrainischen Flüchtlinge nun auch vom Jobcenter Unterstützung bekommen und Leistungen beziehen. 206 000 Euro – inklusiver laufender Kosten – wurden von der Gemeinde bisher für die Hilfe der Ankömmlinge ausgegeben. Miete, Strom, Handwerkerkosten und, und, und. „Wir haben Küchen gekauft, Möbel, Lebensmittel-Gutscheine und Gutscheine von Schuh- und Bekleidungsgeschäften, weil viele hier mit nichts angekommen sind“, sagt Sabrina Lippert. Bei dieser Geldsumme ist der Spendentopf in Höhe von 17 309,47 Euro nur ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein. Das Sozialamt in Altena gibt monatlich eine Meldung über die Anzahl der geflüchteten Ukrainer an die Bezirksregierung. Danach setzt sich die monatliche Erstattungssumme für die Gemeinde zusammen: 875 Euro für jeden Flüchtling. Ein paar Ukrainer, so erzählt Sabrina Lippert, haben Arbeit in einer Wäscherei gefunden, die anderen „besuchen fleißig die Sprachkurse“.

Syrer mit Wohnsitzauflage

Neben den Ukrainern sind seit Juni auch wieder 14 Syrer nach Nachrodt-Wiblingwerde gekommen, eine weitere Syrerin wird in Kürze erwartet. „Das wird sehr eng, ich habe nur eine Frauen-WG“, sagt Sabrina Lippert. Bevor in der Ukraine der Krieg ausbrach, hatte die Gemeinde ihre Quote für anerkannte Flüchtlinge mit Wohnsitzauflage nicht erfüllt. Das Problem: Die Syrer haben eben diese Wohnsitzauflage, aber es gibt keine Wohnungen mehr in Nachrodt, die sie anmieten könnten. „Das ist nicht so schön, wie man es sich wünschen würde“, sagt die Flüchtlingsbeauftragte.

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