Viele Ältere sind heimlich arm

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NACHRODT-WIBLINGWERDE- Frau Mustermann ist alleinstehend. Sie bekommt jeden Monat eine Rente von 281,85 Euro. Davon muss sie zahlen: Miete, Heizkosten, Versicherungen und andere Lebenshaltungskosten.

Das reicht vorne und hinten nicht aus. Eigentlich stände Frau Mustermann Grundsicherung zu. Aber sie hat ihr ganzes Leben noch keine Unterstützung gebraucht. Also wird sie auch jetzt nicht zum Amt gehen und welche erbitten. So wie Frau Mustermann geht es vielen älteren Menschen. Altersarmut hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Dennoch bleibt Altersarmut ein Thema. Auch in der Doppelgemeinde gibt es Menschen über 65 Jahren, die in ärmlichen Verhältnissen leben, nur bekommt das kaum einer mit.

„Nach dem Motto „Keine Feier ohne Meier“ führen die meisten ärmeren älteren Leute nach außen ein scheinbar normales Leben. Blickt man aber hinter die verschlossenen Türen, bekommt man oftmals einen Schreck“, weiß Angelika Braun, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Altena. Sie blickt quasi von Berufs wegen hinter die Kulissen und weiß, dass der Schein oftmals trügt: „Wir haben beispielsweise Patienten die die Zuzahlungen für Medikamente nicht bezahlen können. Die nehmen dann ihre Medizin einfach nur alle zwei Tage, anstatt täglich und versuchen so zu sparen.“ Gerade bei pflegebedürftigen Menschen, die noch nicht so bedürftig sind, dass sie eine Pflegestufe bekommen, haben oftmals Probleme. Die Pflege beschränke sich da häufig nur auf das absolut notwendigste. Eine Intimpflege die bei inkontinenten Patienten beispielsweise notwendig sei, sei da aus Kostengründen meist nicht möglich. „Da blutet einem manchmal schon das Herz, aber uns sind die Hände gebunden“, so Braun.

Auch den Behörden ist das Thema der Scham bekannt. „Früher wollten viele auf keinen Fall zum Sozialamt um ihre Kinder und Angehörigen nicht zu belasten“, weiß Andrea Schüler vom Fachdienst Soziales vom Märkischen Kreis. Daher spreche man häufig auch von verschämter Armut. „Daher wurde vor einigen Jahren die Grundsicherung eingeführt. Diese kann beantragt werden, wenn die Einkünfte im Alter oder bei voller Erwerbsminderung nicht für den Lebensunterhalt ausreichen. Angehörige werden hier nicht belastet“, so Schüler. Aus dem aktuellen Sozialhilfebericht geht hervor das im Märkischen Kreis derzeit 3833 Menschen Grundsicherung erhalten. 1951 davon sind Rentner, deren Einkommen nicht reicht um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Im Durchschnitt erhalten sie eine Aufstockung von 288 Euro auf die Rente.

Auch Thomas Becker von der Caritas kennt das Problem der Scham: „Diese Generation geht nicht mit ihren Problemen hausieren. Sie gucken, dass sie irgendwie klar kommen, wollen niemanden auf der Tasche liegen.“ Gerade verwitwete Frauen kämen oftmals nur schwer über die Runden. Sie erhalten 60 Prozent des ursprünglichen Gehaltes des Mannes. Das Problem der Scham führe dazu, dass sie mehr und mehr verarmen würden. Das Problem kennt auch Ernst Heinrich Winkelmann, vom Nachrodt-Wiblingwerder Sozialverband: „Oftmals sagen die Leute, sie hätten keine Zeit, oder finden andere Ausreden. Ihnen ist es peinlich, wenn sie beispielsweise Fahrtkosten nicht bezahlen können.“ Ein Phänomen, das alle Vereine kennen. „Wir haben das beispielsweise in der Frauenhilfe, wenn es um Fahrten geht. Oftmals ist das kein Geiz, wenn es um Beitragserhöhungen geht, sondern die Frauen können das wirklich nicht bezahlen“, weiß auch der Wiblingwerder Pastor Gerald Becker.

Er geht sogar noch weiter und vermutet, dass das Problem Altersarmut hier im Dorf eine größere Rolle spiele als angenommen. „Die Leute kennen sich noch besser, also ist die Scham auch noch einmal größer.“

Jedoch sei die Armut nicht immer nur materiell zu sehen. Dadurch, dass die Leute weniger Geld hätten, seien sie von vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen ausgeschlossen. „Das geht ja schon beim Stück Kuchen kaufen los. Die ärmeren Leute gehen dann nicht dort hin und ziehen sich so mehr und mehr zurück. Hinzu kommt, dass es gerade in den kleineren Dörfern kaum Möglichkeiten gibt einfach mal unter Leute zu gehen.“ Der Pastor sieht aber auch Vorteile. „Der Zusammenhalt ist hier schon größer. Man gibt mehr aufeinander acht.

Die Leute rufen auch schon mal an, wenn sie wissen, dass vielleicht jemand Hilfe braucht.“ Auch Angelika Braun sieht Vorteile: „Im Dorf gibt es schon noch mehr Generationenhaushalte als in der Stadt, sodass häufig wenigstens kein Wohngeld anfällt und doch noch Ansprache durch Angehörige da ist.“ ▪ Lydia Machelett

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