Polizei beklagt dünne Personaldecke

Verkehrstraining mit Kindern: Polizist geht in Ruhestand - kein Nachfolger in Sicht

Verkehrserziehung in Corona-Zeiten: Verkehrssicherheitsberater Lothar Philipps (links) begleitete Schulanfänger der Awo-Kita einzeln.
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Verkehrserziehung in Corona-Zeiten: Verkehrssicherheitsberater Lothar Philipps (links) begleitete Schulanfänger der Awo-Kita einzeln.

„Es wird an den Schwächsten der Schwächsten gespart“, sagt Lothar Philipps. Der Verkehrssicherheitsberater geht in den Ruhestand und hätte so gern einen Nachfolger präsentiert. Doch den gibt es nicht. Wer übt jetzt mit den Kindern im Straßenverkehr? Die Polizei im Märkischen Kreis kann sich „keine Personen schnitzen“.

Nachrodt-Wiblingwerde – Es gab eine Eins-zu-eins-Betreuung, viel zu lernen und viel zu gucken: Verkehrssicherheitsberater Lothar Philipps war in dieser Woche mit den Vorschulkindern der Awo-Kindertagesstätte unterwegs. Aufgrund der Pandemie übte er nicht in der Gruppe mit den Kindern das richtige Verhalten im Straßenverkehr, sondern zwölf Mal mit jeweils einem Kind, wozu auch die Ampel-Überquerung an der B236 gehörte. Ob das wichtige Training für die Kleinsten in Zukunft auch noch stattfinden kann? Lothar Philipps geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Seine Stelle wird nicht nachbesetzt. „Es tut mir richtig weh, keinen Nachfolger präsentieren zu können“, sagt der 62-Jährige, der sich Gedanken macht, was aus seiner Arbeit wird. „Es wird an den Schwächsten der Schwächsten gespart“, sagt Lothar Philipps.

Arbeitsbereiche nicht schleifen lassen

Diese Sorge möchte Marcel Dilling, Pressesprecher der Polizei im Märkischen Kreis, so nicht stehen lassen. „Die Verkehrssicherheitsarbeit gehört zu den Kernaufgaben. Diese Arbeitsbereiche werden wir nicht schleifen lassen“, verspricht der Polizeihauptkommissar, der die Nicht-Nachbesetzung der Stelle aber bestätigt.

Die dünne Personaldecke mache sich in vielen Bereichen bemerkbar – auch an den Wachstandorten und bei der Kripo beispielsweise. „Wir können uns keine Personen schnitzen“, sagt Marcel Dilling, der aber einen Lichtstreif am Horizont sieht: „Die erhöhten Einstellungszahlen füllen langsam die Lücken. Aber eben langsam.“

Umfangreiches Themenfeld

Die Verkehrssicherheitsberatung ist ein sehr umfangreiches Themenfeld und beginnt bei den Schulungen im Bereich der Kindergärten und Schulen mit den Klassikern Fußgänger- und Fahrradpass, umfasst die Seniorenberatungen, die Kradprävention, die Verkehrspuppenbühne und auch Fahrsicherheitstrainings für junge Fahrer. Neun Polizisten und Polizistinnen sind im Märkischen Kreis mit Herzblut dabei.

Es war einer meiner besten Entscheidungen im Leben, diesen Job zu machen

Lothar Philipps

„Es war einer meiner besten Entscheidungen im Leben, diesen Job zu machen“, sagt Lothar Philipps, der in Nachrodt-Wiblingwerde, Altena, Werdohl, Neuenrade und Balve unzähligen Kindern und Eltern bekannt ist. „Man muss in die Gedanken der Kinder eintauchen. Der Straßenverkehr ist eine große Gefahr für die Kinder“, so der Verkehrssicherheitsberater.

Polizei-Pressesprecher Marcel Dilling kann den Kummer seiner Kollegen nachvollziehen. „Sie brennen für die Kinder. Da ist keiner, der da geparkt wurde. Und an diesen Kernaufgaben ist auch nicht zu rütteln. Die Frage für unsere Behörde ist, was wir noch in der Qualität liefern können. Die Kindergärten und Schulen müssen aber keine Sorge haben, dass die Termmine dauerhaft ausfallen werden.“

Politische Sünden der Vergangenheit

Fakt ist aber auch, dass der Bereich der Verkehrssicherheitsberatung im vergangenen Jahr schon Leute abgeben musste, jetzt steht der Ruhestand von Lothar Philipps an und im nächsten Jahr der nächste Ruheständler. „Wir müssen in anderen Bereichen gucken, ob wir umverteilen können und hoffen, dass in den nächsten Jahren eine Entspannung eintritt“, ist Marcel Dilling vorsichtig optimistisch.

Die politischen Sünden der Vergangenheit müssen die Polizeibeamten von heute ausbaden. NRW-Innenminister Herbert Reul hatte zur Personalsituation der Polizei im Juni 2020 erklärt: „Durch die massiven Investitionen in zusätzliche Stellen wird sich die Situation in den kommenden Jahren schrittweise weiter verbessern. Die Gesamtzahl der Beamtinnen und Beamten steigt bis 2024 voraussichtlich von derzeit rund 40000 auf mehr als 41000.“ Dass im Märkischen Kreis noch keine angekommen ist, stimmt zwar nicht, doch sie können die Zahl der Pensionierungen nicht auffangen.

Von 621 auf 603 Stellen

Im Gegenteil: Im Jahr 2016 lag der Stellenanteil der Polizeibeamten im Märkischen Kreis bei 621,84. Vier Jahre später, in diesem Jahr, gibt es 603,39 Beamtenstellen. „Das ist schon heftig, was wir an Personal abgegeben haben“, sagt Marcel Dilling.

Erhöht hat sich allerdings die Zahl der Regierungsbeschäftigten: 2016 gab es davon 61 Stellen, 2020 sind es 88,99. Diese Mitarbeiter unterstützen in vielen Bereichen – zum Beispiel bei der Kriminalprävention in Sachen „technische Beratung“, oder auch bei Verwaltungsarbeiten in der Verkehrssicherheitsberatung.

Externe sind große Unterstützung

Die „Externen“ sind eine große Hilfe, „aber sie füttern nicht den Streifenwagen“, wie es Marcel Dilling formuliert. Und so hofft er, dass die erhöhten Einstellungszahlen langsam die Lücken füllen werden. Bis dahin müssen die, die da sind, die alltäglichen Aufgaben bewältigen. Und nicht alle gesteckten Ziele werden erreicht werden

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