1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Nachrodt-Wiblingwerde

Vergnügliche Trostlosigkeit: Kabarettistin gibt Einblicke ins Leben alter Paare

Erstellt:

Von: Thomas Krumm

Kommentare

Wechselte nicht nur zwischen verschiedenen Rollen, sondern auch zwischen den Geschlechtern: Kabarettistin Lioba Albus. Sie trat am Samstag als Mia Mittelkötter (links) auf und auch als deren Partner Gustav Mittelkötter.
Wechselte nicht nur zwischen verschiedenen Rollen, sondern auch zwischen den Geschlechtern: Kabarettistin Lioba Albus. Sie trat am Samstag als Mia Mittelkötter (links) auf und auch als deren Partner Gustav Mittelkötter. © Thomas Krumm

Wandlungsfähig bis in die Gestalt eines männlichen Schwerenöters zeigte sich die Kabarettistin Lioba Albus am Samstagabend bei ihrem Auftritt im Gemeindehaus der evangelisch-reformierten Gemeinde Wiblingwerde.

Nachrodt-Wiblingwerde – André Gütting vom Ortsverband der SPD und die SPD-Landtagskandidatin Anja Ihme begrüßten viele Frauen und einige Männer im ausverkauften Saal, was der Stimmung natürlich sehr zuträglich war. „Liebe Freundinnen und Freunde des guten Geschmacks“, begrüßte Lioba Albus das Publikum und verklärte den frisch gefallenen Schnee zu „Konfetti des Himmels“.

Natürlich hatte auch diese Künstlerin es nicht leicht in den vergangenen zwei Jahren, die sie in der „Käfighaltung“ der Corona-Maßnahmen verbrachte. Der Hausarrest hatte Folgen für die Figur, in die sich Lioba Albus an diesem Abend mehrfach verwandelte: Mia Mittelkötter. Sie bemerkte plötzlich, dass ihr Mann, ein gewisser Gustav Mittelkötter, mit ihr in einem Haushalt lebt. Es war nicht nett, dass sie ihn einen „grobmotorischen Tölpel“ nannte. Warum hatte sie ihn dann geheiratet?

„Wenn wir Frauen uns nicht etwas ganz anderes erträumen könnten, hätten wir unsere Männer nicht genommen“, lobte sie jene weibliche Fantasie, die aus Tölpeln scheinbar Filmstars wie „Pit Brad“ oder Richard Gere zu machen imstande ist. Die Corona-Käfighaltung kreierte jedoch ein Problem: „Mein Mann will plötzlich mit mir reden. Dafür habe ich ihn nicht genommen.“

Ausverkauft war der Gemeindesaal der evangelisch-reformierten Gemeinde.
Ausverkauft war der Gemeindesaal der evangelisch-reformierten Gemeinde. © Thomas Krumm

Noch schlimmer: Er ist nicht mehr taufrisch: „Wellfleisch“ oder wahlweise auch ein „Neunmonatsgerstensaftspoiler“ hängen in seiner Körpermitte, er ist „spärlich möbliert“ in seinem Oberstübchen und seine amourösen Annäherungsversuche lösen nur noch „Mitleid statt Begehren“ aus. Und eine offenkundige Lüge: „Gustav, ich schlafe!“

So ging es mitten hinein in die vergnügliche Trostlosigkeit gealterter Ehepaare: „Wenn man bestimmte Männer sieht, dann fragt man sich: Was hat der liebe Gott sich dabei gedacht?“

Mia wusste immerhin einige Auswege aus dieser Misere: „So eine Ehe ist ohne Auswärtsspiel gar nicht auszuhalten.“ Und so verwandelte sie sich in einen heißen Feger, denn in einem Salsa-Schuppen mit anderen paarungswilligen Gestalten „brauchst du ja nicht viel – ist ja dunkel“.

Und dann gab es handfeste Empfehlungen, wie die hüftschwingenden Kerle durch traurige und erotische Bedürftigkeit signalisierende Blicke eines Weibchens zur Annäherung animiert werden können. Klare Ansage: „Es ist nicht so, dass ich schlecht auf Männer zu sprechen wäre.“ Nein, es gebe Exemplare, für die sie „sonntags auch mal beichten gehen würde“.

Auch die Vertreter anderer Altersstufen haben es nicht leicht: Mia lästerte über ihren Enkelsohn Thorsten, der sich mitten im Alter zwischen „niedlich und imposant“, also in der Pubertät, befindet. Sein Hinweisschild „wegen Umbaus geschlossen“ verhinderte nicht den Austausch mit seiner Oma über die schönsten Blüten der Jugendsprache.

Ausnahmsweise bekam auch ein Politiker sein Fett weg: das „Frettchen“ Friedrich Merz. Lioba Albus wusste aus unbekannten Quellen von seiner letzten Beichte und zitierte genüsslich daraus: „Ich bin geldgierig, machtgierig, frauenfeindlich und homophob. Und ich leide offensichtlich an Selbstüberschätzung.“

Intensiver Beifall veranlasste die Künstlerin noch zu einer Zugabe, in der sie einen Verdacht äußerte: Könnte es sein, dass der Widerwille der Besucher und Besucherinnen, nach Hause zu gehen, den Wunsch befeuert, noch länger in dieser heiteren Stimmung im Gemeindehaus zu verweilen? In einem Dorf, in dem Anja Ihme sich „aufgehoben in einer verlässlichen und starken Gemeinschaft“ fühlte, war ein solcher Verdacht wohl eher abwegig.

Auch interessant

Kommentare