Einrichtung setzt auf Aufklärung der Eltern

Verdacht in Kita: Zwischen Doktorspiel und Missbrauch

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Wenn ein oder mehrere Kinder ein anderes bedrängen und übermächtig werden, muss man einschreiten. Solche Szenen stellte die Therapeutin mit Holzfiguren nach.

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein Junge soll in einer Kita ein jüngeres Mädchen sexuell bedrängt haben. Die Mutter schlug Alarm, der Verdacht schlägt hohe Wellen im Ort. Die Kita äußert sich nicht zu dem konkreten Fall – und setzt auf Aufklärung der Eltern.

„Wenn Kinder übergriffig werden, ist bei ihnen etwas aus dem Gleichgewicht geraten.“ Die Familientherapeutin Hildegard Falterbaum aus Nachrodt hat das oft genug erlebt. Sie rät Eltern: „Seien Sie mutig, machen Sie den Mund auf.“ Genau das hat eine Mutter getan. 

Der Verdacht: Ein älterer Junge aus der Kita soll ihre jüngere Tochter in der katholischen Kita St. Elisabeth in Nachrodt sexuell bedrängt haben. Mehrere Kinder sollen Zeuge dieses Vorfalls gewesen sein. Das erzählt die Mutter, die anonym bleiben möchte, im Gespräch mit dem AK. 

Sie wendete sich an die Kita-Verantwortlichen, es gab auch Gespräche mit dem Träger, dem Zweckverband Katholische Tageseinrichtungen für Kinder im Bistum Essen. 

"Wir nehmen solche Dinge sehr ernst."

Das bestätigt Iris Diedenhofen, Gebietsleiterin des Kita-Zweckverbands für den Märkischen Kreis. „Wir nehmen solche Dinge natürlich sehr ernst“, betont sie, äußert sich aber nicht weiter zu dem konkreten Fall, über den auch das Jugendamt informiert sein soll. Das Thema schlägt im Ort Wellen, die Gerüchte brodeln. 

Kita-Leiterin Sandra Schwieren kennt diese Gerüchte. Zum konkreten Fall sagt sie nichts, betont aber: „Wenn Eltern ein Thema anders empfinden als Kinder, dann müssen wir reagieren.“ Was wann wirklich geschah, lässt sich nicht mit endgültiger Sicherheit herausfinden. Die Mutter hat nach eigener Aussage von dem vermeintlichen Übergriff durch ein Gespräch zwischen Erziehern und beteiligten Kindern erfahren, das sie in der Einrichtung zufällig hörte. Auf Nachfrage habe ihre Tochter bestätigt, dass etwas passiert sei.

Unsicherheit nehmen

Die Mutter bekam Angst. Angst um ihre Tochter. Angst, dass ihr etwas Schlimmes widerfahren sein könnte. Angst, dass der Vorfall sie für ihr weiteres Leben zeichnen könnte. Und eine Frage ließ die Mutter nicht mehr los: Wie gehe ich mit diesem sensiblen Thema richtig um? Gegenüber der Tochter, gegenüber anderen Eltern, gegenüber der Kita. 

Diese Unsicherheiten und Ängste will die Kita Eltern nehmen. Sie lud einige Tage nach dem vermeintlichen Vorfall zu einem Elternabend ein. Thema: „Kindliche Sexualität. Zwischen Doktorspielen und Machtmissbrauch.“ Mehr als zweieinhalb Stunden sprach Familien-, Trauma- und Psychotherapeutin Hildegard Falterbaum mit rund zehn Müttern. 

Klare Grenzen setzen

„Kinderschutz muss für alle an oberster Stelle stehen“, betonte sie. „Da bin ich nicht kompromissbereit.“ Und dazu gehört für sie auch der Schutz derjenigen Kinder, die übergriffig werden. Denn sie seien oft selbst Opfer gewesen. Die Therapeutin berichtete von sexuellem Missbrauch in Familien, der erst bekannt wurde, als sich das Kind in der Kita auffällig verhielt. Ihre Schilderungen hinterließen die Mütter entsetzt und nachdenklich. 

Falterbaums Appell an die Eltern: „Sie müssen eingreifen, wenn etwas nicht ok ist und Grenzen überschritten werden.“ Diese Grenzen sind auch Kita-Leiterin Sandra Schwieren sehr wichtig. „Geküsst wird nur in der Familie“ laute eine Regel, die in St. Elisabeth gilt. Ebenso, dass die Hose erst auf der Toilette aus- und angezogen werde und nicht schon auf dem Weg zum Klo. 

Schutzkonzept für Kitas

Es gibt im Kita-Zweckverband ein Schutzkonzept, das sich mit sexuellen Übergriffen befasst, sagt Gebietsleiterin Diedenhofen. Zudem komme das Thema immer wieder in Dienstbesprechungen auf den Tisch, und es gibt jährlich Schulungen für Kita-Leiter sowie eine Schulung für jeden neuen Mitarbeiter. 

„Die Arbeit mit dem Thema kindliche Sexualität ist für uns alltäglich“, sagt Kita-Leiterin Schwieren. „Die Arbeit mit den Eltern ist bei diesem Thema deutlich schwieriger.“ 

Warum? Bei den Eltern spiele Scham eine große Rolle, bei Kindern nicht, sagt Falterbaum. Und weil es häufig so schwierig sei, den Unterschied zwischen Doktorspiel und sexuellem Missbrauch unter Kindern zu erkennen. 

Ruhe bewahren

Doch auch wenn der Verdacht auf einen sexuellen Übergriff besteht, mahnte die Therapeutin zu Ruhe und Besonnenheit. „Geraten Sie nicht in Panik.“ So schwer dies auch falle, wenn es um das eigene Kind geht. Denn Panik helfe niemandem.

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