Gegen Selbstherrlichkeit und Überlegenheitsdünkel

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Musikbeiträge gab es vom MGV Wiblingwerde während der Gedenkveranstaltung im Höhendorf.

Nachrodt-Wiblingwerde - Während einige mahnen, das Gedenken nicht zu vergessen, und sich große Mühe geben, aus den Gedenkveranstaltungen etwas Besonderes zu machen, treten einige den Volkstrauertag buchstäblich mit Füßen. Vor allem Autofahrer nahmen am Sonntag nur wenig Rücksicht auf die Veranstaltungen in Veserde und Wiblingwerde.

In Wiblingwerde stand die Feuerwehr mittig samt Kranz auf der Straße, davor der Posaunenchor und der MGV Wiblingwerde. Auf dem Bürgersteig und auf den Treppen der ehemaligen Bäckerei standen die anderen Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung. „Da passt doch ein Auto locker noch durch“, dachte sich wohl eine Autofahrerin und versuchte sich mitten hindurch zu quetschen. Erst ein Feuerwehrmann, der aus der Reihe schritt und durch Mimik und Gestik sehr deutlich machte, dass sie zurückfahren solle, konnte die Frau zur Umkehr bewegen, aber nicht ohne ein lautes Wendemanöver mit jeder Menge Kupplung.

 Immer wieder kamen sowohl in Wiblingwerde als auch in Veserde Autos, die bis wenige Meter vor die Versammlung fuhren – obwohl eine Umleitung gar kein Problem war.

 Von all dem ließen sich die Redner nicht beeindrucken – zum Glück, denn das, was sie zu sagen hatten, war anlässlich der aktuellen politischen Lage aktueller denn je. Barbara Kreft berichtete in Veserde von Zeitzeugen. Von dem Vater, der als Kind den Ersten Weltkrieg durchlebt hatte und als junger Mann im Zweiten Weltkrieg in russische Gefangenschaft geriet, von der Oma, die ihre Heimat verlassen musste und nie zurück kehrte.

„All diese Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Die Geschichten und das Gedenken bringen uns keinen Gefallenen zurück, aber sie können verhindern, dass die nächste Generation derartige Opfer beklagen muss“, erklärte Kreft. Der Volkstrauertag sei ein Tag des Engagements für das Miteinander in Europa. Pfarrerin Tabea Esch sieht das ebenso: „Wer Kriege verhindern will, muss dafür sorgen, dass alle wissen, was passiert ist“, mahnte sie in Wiblingwerde. Wer an Europa zweifle, der solle Friedhöfe und Gedenkveranstaltungen wie diese besuchen.

Bürgermeisterin Birgit Tupat mit einer sehr eindringlichen Rede am Ehrenmal in Nachrodt.

Bürgermeisterin Birgit Tupat mahnte in Nachrodt, die Zeichen der Zeit nicht zu verharmlosen. „Die Zuspitzung in der Vorkriegszeit, welche die Kriegsgefahr immer erhöhen, das leichtfertige Schüren nationaler Vorurteile und Ressentiments – sie haben ihren Ursprung in der Unfähigkeit oder im mangelnden Willen zur Verständigung“, sagte Tupat. Leider habe es in den vergangenen Jahren eine Renaissance von nationalen Vorurteilen gegeben. Gerade in Deutschland seien Selbstherrlichkeit und Überlegenheitsdünkel wiederentstanden. „Der Volkstrauertag gibt uns einen wichtigen Anstoß, diesen Irrweg um des Leids der europäischen Weltkriegsopfer willen entschieden wieder zu verlassen“, betonte Tupat. Mitgestaltet wurden die Gedenkveranstaltungen von der Feuerwehr, dem Posaunenchor, dem MGV Frohsinn, dem MGV Wiblingwerde und der Sekundarschule.

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