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Kostenlose Beratung und Hilfe: Hier gibt es Unterstützung im Pflege-Dschungel

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Pflegeberaterin Angela Lindenberg bietet eine Anlaufstelle in Nachrodt-Wiblingwerde.
Pflegeberaterin Angela Lindenberg bietet eine Anlaufstelle in Nachrodt-Wiblingwerde. © Fischer-Bolz, Susanne

Die Zahlen sind nicht ganz taufrisch, aber deutlich: Ende 2019 waren 339 Nachrodt-Wiblingwerder pflegebedürftig – im gesamten Märkischen Kreis waren es damals 22 386 Personen

Nachrodt-Wiblingwerde – Die Zahl dürfte mittlerweile erheblich gestiegen sein. Und: Rund 80,4 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Meist kümmern sich die Angehörigen.

Was sich erst einmal wunderbar anhört, ist beim genauen Hinsehen oftmals eine extreme Kraftanstrengung und eine emotionale Herausforderung. Doch es gibt keinen Plan A für alle, nicht mal Plan B und C, denn jede Situation ist individuell. Was es aber für alle Pflegebedürftigen und alle Pflegenden gibt, ist eine ganz persönliche Beratung, eine Unterstützung, um durch den Dschungel der Leistungen und Angebote zu steigen, und auch ein Anker in der Not, wenn mal alle Stricke zu reißen drohen. Kostenlos übrigens.

In Nachrodt-Wiblingwerde ist Pflegeberaterin Angela Lindenberg die Ansprechpartnerin. Sie gehört zum siebenköpfigen Team der Pflegeberatung des Märkischen Kreises. Dass man ihr bei den Sprechstunden im evangelischen Gemeindehaus an der Kirchstraße nicht die Türen einrennt, verwundert da ein wenig.

„Im Moment ist es noch verhalten, aber Corona geschuldet. Man konnte nicht eben spontan vorbeikommen. Es gibt ein paar Hemmschwellen, die man jetzt durchbrechen muss“, sagt Angela Lindenberg. Rat suchen zum Beispiel die Pflegebedürftigen, die einen Pflegegrad 1 oder 2 haben, und wissen möchten, was sie noch nutzen können. Oder es sind Betroffene, die gern wissen möchten, ob sie einen Pflegegrad beantragen können und wie man dies macht.

„Es werden immer die Bereiche der Mobilität, der kognitiven Fähigkeiten, psychische Problemlagen, die Selbstpflege und die Aktivitäten des Alltags bewertet“, erklärt Angela Lindenberg. Viele würden auch kommen, weil sie Hilfe beim Putzen benötigen. Doch das Putzen wird nicht bewertet, „aber wenn man damit Probleme hat, gibt es auch meistens andere Problematiken“, so die gelernte Altenpflegerin, und zählt auf: „dass man sich schlecht bücken kann, dass es schwierig ist, die Socken anzuziehen, die Schuhe zuzubinden, die Knöpfe zu schließen. Und das sind Hilfebedarfe, die bewertet werden.“

Eine Putzfrau vermittelt Angela Lindenberg nicht, aber sie kann an Anbieter weiterleiten, die in Nachrodt-Wiblingwerde tätig sind, also Hauswirtschafts- oder Betreuungsdienste beispielsweise, ebenso natürlich Pflegedienste.

Die Menschen benötigen in Akutsituationen Hilfe, keine Frage. „Was steht mir überhaupt zu, wo finde ich jemanden? Und da unterstützen und beraten wir. Wie kann man eine häusliche Pflegesituation gestalten, die Akteure zueinander bringen, mit welchen Pflegeleistungen kann man es finanzieren? Und wenn Angehörige die Pflege leisten, wie kann man sie so entlasten, dass die Situation zu Hause so lange wie möglich gut aufrecht gehalten wird“, verdeutlicht Angela Lindenberg, um welche Fragen – und Antworten – es in erster Linie geht.

Erholungsphasen einbauen

Der pflegende Angehörige ist 24 Stunden vor Ort. „Es ist wichtig, dass man Erholungsphasen von Anfang an mit einplant“, weiß die Pflegeberaterin um die erhebliche Belastung der Pflegenden. Die Tagespflege könne zum Beispiel eine große Hilfe sein. Es sei sehr wohl eine Entlastung, wenn man wisse, dass Mama, Papa oder der Partner gut betreut sei und man ohne Sorge mal einkaufen gehen könne. Die Tagespflege ist ein Tag in Gesellschaft. Oder mehrere Tage in der Woche. „Und die Menschen wissen, dass sie abends wieder nach Hause kommen. Das ist der entscheidende Faktor“, weiß Angela Lindenberg, wie wichtig genau das für die Pflegebedürftigen ist.

Es gibt aber auch die sogenannte Verhinderungspflege. Damit kann sich die Hauptpflegeperson stundenweise, tageweise und wochenweise vertreten lassen – zum Beispiel auch von Freunden, Verwandten oder von Mitarbeiter eines ambulanten Pflege- oder Betreuungsdienstes. Dafür gibt es ein festes Budget pro Jahr, und zwar 1612 Euro. „Da kann man wählen, ob man dies blockweise in Anspruch nimmt, zum Beispiel für den Urlaub, oder beispielsweise einmal in der Woche, um zum Sport gehen zu können“, so Angela Lindenberg.

Der Hauptwunsch der Pflegebedürftigen ist nach wie vor, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben, „weil es das gewohnte Umfeld ist und man seine Selbstbestimmung nicht aufgeben möchte. Das ist ein ganz hohes Gut. Und das höre ich auch ganz oft im Gespräch“, sagt Angela Lindenberg. Die Bereitschaft der Angehörigen, das mitzutragen und die Pflege zu übernehmen, ist nicht einfach selbstverständlich. Jede Situation ist individuell, die Motivation, die Pflege zu stemmen, unterschiedlich: die tiefe Verbundenheit zu den Eltern, das Gefühl der Verpflichtung oder die Erwartungshaltung des Pflegebedürftigen. All das spielt eine Rolle.

Im evangelischen Gemeindehaus an der Kirchstraße findet jede Monat eine Sprechstunde der Pflegeberatung statt.
Im evangelischen Gemeindehaus an der Kirchstraße findet jede Monat eine Sprechstunde der Pflegeberatung statt. © fischer-bolz

„Es ist unterschiedlich. Es gibt auch Situationen, die komplett über Dienstleister aufgefangen werden. Morgens kommt der Pflegedienst, dann gibt es einen Besuch in der Tagespflege, dann kommt die Hauswirtschaftskraft, Essen auf Rädern, das Hausnotrufgerät. „Auch wenn Familien sagen, dass sie selber pflegen wollen, ist es wichtig, dass ganz viele Akteure mit im Boot sind. Dass man die Pflege wirklich auf viele Schultern verteilt. Für eine stabile häusliche Versorgung macht das Sinn.“

Dass sich pflegende Angehörig aufopfern, ist nicht ungewöhnlich. Und auch nicht, dass sie irgendwann an ihre Grenzen kommen. Angela Lindenberg hilft, eine Lösung zu finden. Ein Besuch der Tagespflege ist auch möglich, wenn der Pflegebedürftige an einer Demenz leidet oder auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Die Tagespflege kann ab Pflegegrad 2 bis 5 genutzt werden. In Nachrodt-Wiblingwerde gibt es allerdings keine, in Altena ebenfalls nicht, „in Letmathe ist die nächste“, sagt Angela Lindenberg. Und genau dorthin werden viele Menschen vermittelt. Die Besucher werden von zu Hause abgeholt und zurückgebracht. Für die Tagespflege gibt es ein separates Budget zum Pflegegeld oder zu den Pflegesachleistungen. Tatsächlich ist es aber eine Kunst, über die Möglichkeiten genau Bescheid zu wissen.

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