„Das unfassbare Leid beschämt mich zutiefst“

Pfarrer Ulrich Schmalenbach zur Studie über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

„So traurig es ist. Vollständige Aufklärung wird es sicher nicht geben können“, sagt Pfarrer Ulrich Schmalenbach.

Nachrodt-Wiblingwerde - Die deutschen Bischöfe haben Maßnahmen zur Bekämpfung des Missbrauchs in der katholischen Kirche beschlossen. „Es darf keine Tabuthemen geben“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zum Abschluss der Herbstvollversammlung. Die Bischofskonferenz hatte am Dienstag eine Studie zum tausendfachen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche von 1946 bis 2014 der Öffentlichkeit vorgestellt. Was sagen die Pfarrer vor Ort? Das AK sprach mit Pfarrer Ulrich Schmalenbach.

Zwischen 1946 und 2014 sollen mindestens 3677 überwiegend männliche Minderjährige Opfer sexueller Übergriffe geworden sein. Wenn Sie dies hören, was geht in Ihnen vor?

Ulrich Schmalenbach: Es fällt mir sehr schwer, meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Das unfassbare Leid, das Kindern und Jugendlichen durch Kleriker angetan wurde, beschämt mich zutiefst. Ich kann den Schmerz nur erahnen, den die Betroffenen zum Teil ihr Leben lang aushalten müssen.

Die Datenanalyse, deren Auswahl und die Anonymisierung stammt nicht von den externen, kirchenfremden Autoren der Studie, sondern von der Kirche selbst. Selbst die Verfasser der Studie monieren, dass in mindestens zwei Bistümern Akten manipuliert und vernichtet worden seien. Kann man dennoch von Aufklärung sprechen?

Schmalenbach: So traurig es ist: Vollständige Aufklärung wird es sicher nicht geben können. Für den Koordinator der Missbrauchsstudie, Professor Harald Dreßing, bilden die ermittelten Daten deshalb nur die „Spitze des Eisberges“.

Das Bistum Essen – zu dem auch unsere Pfarrei gehört – hatte schon vor dem Start der bundesweiten MHG-Studie bereits im Jahr 2012 die Kölner Anwaltskanzlei Axis beauftragt, alle Personalakten von Priestern und Diakonen mit dem Ziel zu untersuchen, jegliche Anhaltspunkte auf gegebenenfalls in Betracht kommende sexuelle Missbrauchsfälle durch nicht verstorbene Kleriker ohne Anonymisierung zu dokumentieren. Auf die Ergebnisse der Untersuchung dieser insgesamt 1549 Personalakten konnten nun auch die MHG-Forscher zugreifen.

Der Opferverband Eckiger Tisch kritisierte, dass der Missbrauchsskandal nicht umfassend genug aufgeklärt wird. Vor allem würden in einer Studie der Kirche dazu keine Namen fallen, weder von Tätern noch von ihren Vorgesetzten. Wäre es nicht besser, Ross und Reiter zu nennen?

Schmalenbach: Ich habe die Bischöfe nach ihrer Vollversammlung so verstanden, dass sie sich dieser Frage stellen werden. In ihrer Erklärung zu den Ergebnissen der Missbrauchsstudie heißt es wörtlich: „Wir wollen klären, wer über die Täter hinaus Verantwortung institutionell für das Missbrauchsgeschehen in unserer Kirche getragen hat.“

Wenn die Kirche das Vertrauen der Gläubigen wieder zurückgewinnen will, müssten auch personelle Konsequenzen gezogen werden. Stimmen Sie mir dazu?

Schmalenbach: Um Vertrauen zurückzugewinnen, muss die Kirche alles tun, damit sich solche Verbrechen nicht wiederholen. Neben der bestmöglichen Aufklärung von Missbrauchsfällen durch eine Verfahrensordnung, die in jedem Fall die Einschaltung der Staatsanwaltschaft vorsieht, und der intensiven historischen Aufarbeitung hat das Bistum Essen eine strukturierte Präventionsarbeit auf den Weg gebracht, von der auch wir als Pfarrei profitieren.

Rund 2000 Personen in Diensten des Bistums wurden mittlerweile entsprechend geschult, alle Kleriker im aktiven Dienst sowie Bistums-Mitarbeiter in leitender Verantwortung haben spezielle Intensiv-Schulungen erhalten, zudem haben zahlreiche Teilnehmer bereits die routinemäßigen Vertiefungsschulungen besucht, zu denen die Beschäftigten mindestens alle fünf Jahre eingeladen werden. Ebenfalls alle fünf Jahre müssen Bistums-Mitarbeiter zudem ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.

Die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) forderte ebenfalls Veränderungen innerhalb der Kirche: „Die Bedingungen für den Machtmissbrauch, für den Gewissensmissbrauch, dürfen nicht so gut sein, wie sie anscheinend bislang waren. Es braucht tiefgreifende Veränderungen, die das Klima in der Kirche anders werden lassen, als es in der Vergangenheit war“, so Schavan. Wo konnte man Ihrer Meinung nach da ansetzen? Oder ist dies zuviel gefordert?

Schmalenbach: Ich stimme Frau Schavan uneingeschränkt zu. Bereits vor der Veröffentlichung der Studie hatte unser Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck in einem Schreiben an alle Gemeinden versichert, dass er sich dafür einsetzen wolle, die Ergebnisse der Studie und die Empfehlungen der Wissenschaftlicher sehr ernst zu nehmen. Und er verwies dabei ausdrücklich auf die „alarmierenden Hinweise, dass einige Vorstellungen und Aspekte unserer katholischen Sexualmoral sowie manche Macht- und Hierarchiestrukturen sexuellen Missbrauch begünstigt haben und noch über begünstigen“.

Darüber müsse in der ganzen Kirche offen und angstfrei gesprochen werden und in einem offenen Dialog herausgefunden werden, welche grundsätzlichen Veränderungen in unserer Kirche erforderlich sind.

Der Missbrauchsskandal lastet nicht erst seit heute auf der katholischen Kirche. Welche Auswirkungen hat er auf Ihre Arbeit vor Ort? Gibt es Diskussionsbedarf in Ihrer Gemeinde? 

Schmalenbach: Ich spüre bei vielen Gemeindemitgliedern eine große Betroffenheit, ja auch Scham. Und es ist gut und wichtig, dass wir unsere Trauer und Wut auch artikulieren und darüber miteinander ins Gespräch kommen.

Muss sich die katholische Kirche für eine Debatte öffnen, wie ein menschenfreundliches Verhältnis zur Sexualität aussieht? Oder wo ist der Kern der Problematik? 

Schmalenbach: Keine Frage: Die Kirche muss und wird sich dieser Debatte stellen.

Wie bewerten Sie den Zölibat?

Schmalenbach: In der heutigen Zeit löst diese besondere Lebensform in der Regel Befremden aus. Das kann ich gut verstehen. Die bewusste Verpflichtung zur Ehelosigkeit um sich ganz in den Dienst Gottes und der Menschen zu stellen, scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Dennoch wird der Zölibat mit Blick auf die gesamte Weltkirche nicht von heute auf morgen zur Disposition stehen. Aber ein Tabuthema ist der Zölibat vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse ganz sicher nicht mehr.

Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ machte unter anderem die katholische Sexualmoral für den Missbrauch durch Geistliche verantwortlich. Das Machtgefälle zwischen Priestern und Gläubigen ermögliche die Vertuschung, sagte der Sprecher der Bewegung, Weisner.

Können Sie das nachvollziehen?

Schmalenbach:  Das kann ich sehr gut nachvollziehen und ist ja auch ein wichtiges Ergebnis der MHG-Studie. Umso mehr muss über Macht und Machtmissbrauch in unserer Kirche gesprochen werden.

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