Veserder wollen keine Riesenwindräder

Rechtsanwalt Albrecht Wrede, Leiter der Fürstlich zu Bentheim-Tecklenburgischen Kanzlei, brachte eine Bürgerbeteiligung an einem der Windräder ins Gespräch. - Fotos: Hornemann

NACHRODT-WIBLINGWERDE - 185 Meter hoch und ein Rotordurchmesser von 92 Metern – das sind die stattlichen Maße der Windkraftanlage E-92 des ostfriesischen Herstellers Enercon. Die Veserder Bürger sind nicht unbedingt erfreut darüber, dass ihrem kleinen Dorf solch stattliche Windräder zugemutet werden.

Die Gemeinde will an der Grenze zu Hohenlimburg eine Konzentrationsfläche für Windkraftanlagen ausweisen – und mit dem Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg gibt es einen Investor, der bis zu drei solcher Anlagen errichten lassen will. Über die Konzentrationsfläche im Allgemeinen und das Investitionsvorhaben im Besonderen informierte die Gemeinde am Montag in einer Einwohnerversammlung.

Knapp 100 Bürger sind gekommen an diesem Montagabend. Ein pfiffiger Kreis Veserder Bürger hat sich vorab schon schlau gemacht in Hilchenbach, wo mehrere kleine Schwestern der E-92 stehen. Auch die E-82 hat schon stattliche Ausmaße. Das hat Jürgen Walter fotografisch dokumentiert und in einer Powerpoint-Präsentation zusammengefasst. Den Antrag auf Vorführung zu Beginn der Informationsveranstaltung im Saal des Restaurants Holzrichter lehnt Bürgermeisterin Birgit Tupat ab.

Das ist ein ungeschickter Schachzug in Anbetracht der Tatsache, dass wenige Minuten später Diplom-Ingenieur Markus Burghardt aus dem Werler Planungsbüro Weidbusch GmbH den Beamer bedienen darf und die E-92 vorstellen kann. Auch den Veserdern, die sich bislang nicht mit den technischen Raffinessen des Modells beschäftigt haben, wird rasch klar: Dem Anblick, Geräusch oder Schattenschlag wird sich keiner der Anwohner so schnell entziehen können. Auch nicht bei Einhaltung der vorgeschriebenen Mindestabstände.

Nicht allein die Minderung der Wohnqualität und Grundstückswerte ist vielen Teilnehmern der Bürgerversammlung ein Dorn im Auge. Sie fürchten bleibende Schäden allein durch die Installation von bis zu drei solcher großen Windräder. Harald Laus richtet das Wort an Diplom-Ingenieur Markus Burghardt und den Rechtswalt Albrecht Wrede, Leiter der Fürstlichen Kanzlei: „Wie wollen Sie denn die Bauteile hier hin bekommen?“ Die K 24 im jetzigen Zustand scheint ungeeignet für den Transport. Ein Trecker mit Anhänger überschreitet schon jetzt die 3,5-Tonnen-Begrenzung, wie die örtlichen Landwirte betonen. Markus Burghardt hält mit moderner Transporttechnik dagegen und Albrecht Wrede bringt auch Gespräche mit privaten Grundstückseigentümern ins Spiel. Trotzdem fürchten viele Bürger, dass die K 24 wieder zerstört sein könnte, sich möglicherweise erst ein halbes Jahr nach dem Transport der schweren Turmsegmente und Rotorblätter absenkt und der Zulieferer sich dann nicht mehr haftbar machen lässt. „Dann haben wir wieder täglich einen Umweg von zehn Kilometern zu fahren. Und wer garantiert uns denn, dass sich die Stadt Hagen um die Sanierung ihres Anteils der K24 kümmert“, fragen mehrere Teilnehmer aus der Versammlung.

Interesse besteht auch daran, wer an der Installation von bis zu drei Windrädern

verdienen kann. Albrecht Wrede bringt auch die Bürger ins Spiel: Zu den Stadtwerken Iserlohn hat das Fürstenhaus Bentheim-Tecklenburg bereits Kontakt aufgenommen. Sie sollen für eines der Räder die Möglichkeit einer Bürgerbeteiligung ausloten. Die Fürstenfamilie selbst will wieder mit der ihr gehörenden Kyrill-Brachfläche im Grenzgebiet Veserde/Hohenlimburg etwas anfangen können und die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde kann durch den Betrieb der Windkraftanlagen Gewerbesteuern einnehmen. Bürgermeisterin Birgit Tupat und die Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU und UWG betonen zudem das Diktat der Landesregierung, dem sich die Gemeinde zu unterwerfen habe: Die Klimaschutz-Zielsetzungen sehen vor, bis zum Jahr 2020 15 Prozent der Gesamtenergie aus Windkraft zu gewinnen. Alternative Möglichkeiten zur Schaffung von Vorrangzonen seien ausgeschlossen worden: In Oevenscheid steht die Radarmessanlage und Brenscheid sei zu hanglastig, erklärt Birgit Tupat.

Anwohner Jürgen Walter wartet nach Schließung der Bürgerversammlung noch ein paar Minuten ab, bis er seinen Laptop an den Beamer anschließt und seine Präsentation doch noch vorführt. Ein Großteil der Gäste ist geblieben und blickt mit Erstaunen und Entsetzen auf die Fotografien, Montagen, Zahlen und gewollt überspitzten Szenarien. Entschieden und genehmigt ist noch nichts. Glücklich geht aber trotzdem niemand heim an diesem Abend. - Ina Hornemann

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