Umfrage in Nachrodt-Wiblingwerde

Großer Impf-Frust und harsche Kritik

Eine pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte bereitet eine Impfspritze mit Covid-19-Impfstoff vor.
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Das Impfen dauert zu lange: So empfinden die Befragten in Nachrodt-Wiblingwerde.

Der Impfstopp ist das Tüpfelchen auf dem i, der das Fass der Unzufriedenheit überlaufen lässt. Der Frust ist groß, wenn es um das Impfen gegen Corona in Deutschland geht. Deutliche Worte aus Nachrodt-Wiblingwerde.

Nachrodt-Wiblingwerde – Deutschland kommt und kommt beim Impfen nicht voran – und niemand hat augenscheinlich mehr Verständnis dafür. „Moralisch gesehen ist Astrazeneca jetzt mausetot. Egal, was nun passiert: Die Leute meinen, dass da was faul ist“, sagt Martin Neumann.

Er kann den Stopp nicht nachvollziehen und würde sich mit Astrazeneca auch impfen lassen. Eine Sicht, die im Rahmen einer Umfrage alle teilen. Die „schleppende Situation“ im Vergleich zu vielen anderen Staaten ist Thema in jedem Zuhause. Auch in der Gemeinde. Bilder aus den USA, wo in Supermärkten, in Fußballstadien und auch in Kirchen geimpft wird, sorgen für ordentlich Diskussionsstoff.

Neumann: „Deutschland scheitert an seiner Bürokratie und seinen Formalien“

„Da wird man fast neidisch“, sagt Martin Neumann und hat eine konkrete Erklärung: „Deutschland scheitert an seiner Bürokratie und seinen Formalien. Wenn man sieht, wie elegant manche Länder Regularien einfach umgehen, um den Fortschritt zu gewährleisten, kann man nur mit dem Kopf schütteln, welche Fisimatenten man uns hier aufzwängt, damit man nur jeden Kleinscheiß berücksichtigt.“ Die ganze Hoffnung aller Deutschen hänge am Impfprozess. Und der Riesenwirbel um Astrazeneca wegen einzelner Fälle sei kontraproduktiv.

„Ich glaube, dass das Risiko von Corona um ein Vielfaches höher ist als das Risiko der Nebenwirkungen“, sagt auch Siegfried Kruse. Und es komme darauf an, welche Berichte man lese, um zu einer Einschätzung zum Thema Astrazeneca zu kommen. „Manche Meldungen sind dramatisch.“ Aber wenn man alle Eventualitäten ausschließen wolle, dürfte man sich auch keiner Operation unterziehen.

Kruse: „Fragen, was man tun muss, damit es vorangeht“

Grundsätzlich stellt Siegfried Kruse den Verantwortlichen des Krisen-Managements kein gutes Zeugnis aus. „Wir sind zu sehr auf das fixiert, was uns erlaubt ist, und nicht, was geht. Man sollte nicht fragen, was man darf, sondern was man tun muss, damit es vorangeht. Aber wenn man fragt, wird daraus sofort eine Verordnung und ein Erlass“, sagt Siegfried Kruse, der seine zweite Impfung bekommen hat. Auch Astrazeneca hätte er genommen. „Ich hätte aber gern meinen Impftermin an meine Tochter abgegeben.“

Siegfried Kruse (r.) fordert mehr Pragmatismus.

Hauptproblem, so sehen es die meisten befragten Nachrodt-Wiblingwerder, ist nicht in erster Linie die Impfstoffbeschaffung durch die EU, sondern der fehlende Pragmatismus und die fehlende Flexibilität in Deutschland.

Impfung: Probleme für MS-Patienten

Die langsame Terminvergabe spreche Bände. „Grauenhaft“, urteilt Martin Neumann. Hinzu komme völliges Versagen beispielsweise bei einigen Krankheiten wie Multiple Sklerose. Die Empfehlung ist, Biontech und Moderna bei MS-Patienten zu favorisieren. „Aber man darf nicht sagen, dass man Astrazeneca nicht will, sonst wird dann ersatzlos von der Liste gestrichen. Dabei würde ein Dreizeiler vom Gesundheitsministerium reichen, um das Problem zu lösen“, sagt Martin Neumann.

Im internationalen Vergleich steht Deutschland nicht gut da: Spitzenreiter Israel hat bereits pro 100 Einwohner 99 Impfdosen verabreicht (Stand 5. März). Gemeinsam will die EU die Corona-Krise bewältigen – eine Tatsache, die Christiane Lange skeptisch sieht. „Das hätte Deutschland alleine durchziehen sollen.“

Lange: „Deutschland kommt nicht aus dem Quark“

Die Lage in den Mitgliedsstaaten ist sehr unterschiedlich. Deutschland wurde dabei längst von anderen überholt. Das schnellste Impftempo legte von Beginn an Dänemark vor. Seit Anfang März hat ein Land alle EU-Partner beim Impftempo überholt: Ungarn. Regierungschef Viktor Orban ist ausgeschert aus dem europäischen Bestellprozess und ordert Impfstoff in China. Trotz anfänglicher Skepsis sind 11,9 Prozent der Ungarn inzwischen geimpft.

„Und Deutschland kommt nicht aus dem Quark, das finde ich ganz schrecklich“, versteht Christiane Lange die Welt nicht mehr. Man sollte nach weiteren Impfstoffen suchen „und nehmen, was man kriegt, und von dem man weiß, dass es wirkt“. Dabei bringt sie beispielsweise den russischen Impfstoff Sputnik V ins Gespräch, der bereits in 50 Staaten verimpft wird. Christiane Lange selbst ist geimpft.

Großes Lob fürs Impfzentrum in Lüdenscheid

„Dadurch, dass ich ehrenamtliche Sterbebegleiterin bei den Johannitern bin, hatte ich das Glück, geimpft zu werden“, sagt sie und hätte selbst vorher nicht gedacht, welch gutes Gefühl man nach der Impfung hat. „Es beruhigt total“, sagt die Wiblingwerderin, die ein großes Lob an die Akteure im Impfzentrum Lüdenscheid schickt. „Das hat dort super geklappt.“ Allerdings findet sie auch, dass die Hausärzte längst mit im Boot sein müssten. „Und jetzt verzögert es sich wieder.“

Wenig Entscheidungsfreudigkeit, Lahmheit und Trägheit: Diese Stichwörter nennt Klaus-Dieter Jacobsen beim Thema Impfungen. Die Entscheidung für den Stopp von Astrazeneca kann er nicht nachvollziehen. „Es hat acht Fälle von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Astrazeneca-Impfung gegeben, bei mittlerweile 1,6 Millionen Impfungen in Deutschland. Da ist man mit dem Stopp deutlich über das Ziel herausgeschossen“, findet Klaus-Dieter Jacobsen.

Impfung für Prüfer abgelehnt

Richtig wäre seiner Meinung nach eine Entscheidungsfreiheit des Einzelnen. Grundsätzlich kann er die Impfstrategie in Deutschland nicht nachvollziehen. „Wir sind ein Land der Bedenkenträger“, sagt der Nachrodter, fachlicher Leiter der Bildungseinrichtungen der SIHK-Akademie. Die 50 Dozenten und Ausbilder, die in der gerade anstehenden Prüfungszeit jeden Tag zwischen 30 und 50 Leute zusätzlich betreuen, hatten nach einer Impfmöglichkeit gefragt – „erst bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Aber die war nicht zuständig. Dann bei Herrn Schmidt. Die Antwort: Wir könnten ja Schnelltests machen.“

Klaus-Dieter Jacobsen wünscht sich Entscheidungsfreiheit des Einzelnen beim Impfen.

Niemand wolle sich in irgendeiner Form angreifbar machen. „Es geht immer um hätte, sollte, könnte. Richtig wäre: machen“, sagt Klaus-Dieter Jacobsen und schließt sich der Meinung des Nachrodter Hausarztes Matthias Hartig an, der ganz dringend den Einsatz der Ärzte beim Impfen fordert. „Vieles wäre so einfach, aber es gibt immer Leute, die irgendetwas auszusetzen haben.“

Röding: „Wir bewegen uns auf unbekanntem Terrain.“

Nicht so schlecht wie er allgemein beurteilt wird, beurteilt Dirk Röding den Impffortschritt. „Insgesamt sind wir bis jetzt doch gut durch diese Pandemie durchgekommen. Ich habe immer noch die Bilder aus Italien im Kopf, wo ein Lkw nach dem anderen mit Leichen fahren musste. Sicher haben wir auch Tote zu beklagen und das Impfen geht zu langsam voran, aber wir können uns eigentlich über die Krisenbewältigung nicht beschweren. Jetzt erwartet Hinz und Kunz, dass sofort Impfstoff für 80 Millionen Deutsche vorhanden sein müsste, wobei wir vor Weihnachten noch die Situation hatten, dass gar kein Impfstoff zugelassen war.“

Dirk Röding zieht den Hut vor den Entscheidungsträgern, die die Ruhe bewahren und das Bestmögliche versuchen. „Wir bewegen uns auf unbekanntem Terrain“, sagt Dirk Röding, der sich einen Blick auf andere Länder, auf Ungerechtigkeiten bei der Verteilung oder Bestellung von Impfstoffen erspart. „Das bringt uns ja nicht voran.“ Voran bringe allerdings der Stopp von Astrazeneca auch niemanden. Dirk Röding hält ihn für falsch. „Der Schutz von vielen Menschen ist wichtiger als einige Komplikationen.“

Impfung: Kritik an Terminvergabe

So sieht es auch Annette Heumann, die sich mit Astrazeneca impfen lassen würde und den Stopp als übervorsichtig bezeichnet. „Sonst dürfte man im Grunde auch keine Medikamente mehr nehmen.“ Der schlechte Ruf werde Astrazeneca aber hinterherhängen. Die grundsätzliche Impfstrategie sei nicht nur zu bürokratisch, sondern werde immer mehr politisch, weil alle auf die Bundestagswahl blicken würden. Persönlich raufte sich Annette Heumann die Haare, als sie für ihre Mutter und ihren Schwiegervater versuchte, Impftermine zu organisieren. „Das hätten sie nie und nimmer alleine geschafft.“ Mit dieser Kritik steht sie nicht allein im MK.

Sollte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wegen des Impf-Dilemmas abgesetzt werden? Die Forderung wurde am Mittwoch laut. „Nein“, sagt Stefan Herbel. „Die Probleme kann man nicht an einer Person festmachen. Es gibt viele Dinge, die im Hintergrund eine Rolle spielen, wie die Lieferfähigkeit der Hersteller.“ Jeder schiebe sich gerade den schwarzen Peter zu. Zu wenig bestellt oder zu wenig geliefert? Es wäre einfacher gewesen, wenn Deutschland eigene Wege gegangen wäre, „aber es ist richtig, es in der Europäischen Union zusammen zu machen, damit nicht diejenigen, die Geld und Macht haben, den Armen und Machtlosen alles abgreifen“, sagt Stefan Herbel.

Krummenerl: „Einfallsreicher agieren“

Das Grundproblem sieht er darin, „dass man sich eine 200-prozentige Sicherheit in einer Situation wünscht, in der es keine Sicherheit gibt. Der Einzelne scheint bereit zu sein, größere Risiken einzugehen, als es die Politik dem Bürger zutraut.“ So würde sich auch Stefan Herbel mit Astrazeneca impfen lassen.

Ebenso Peter Krummenerl, der sich langsam Sorgen um den Impffortschritt macht und – wie die meisten – die Bürokratie zur größten Hemmschwelle erklärt. Dass Israel beim Impfen ganz vorn liegt, wundert Peter Krummenerl nicht. Dort gebe es eine andere Mentalität: „Das Land ist von Feinden umzingelt und hat gelernt, flexibler und einfallsreicher zu agieren.“ Jetzt sei es dringend an der Zeit, auch in Deutschland die Hausärzte impfen zu lassen. Ihnen würden die Bürger vertrauen. Auch Apotheker könnten mit ins Boot geholt werden. „Es muss jetzt vorangehen.“

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