Notfallseelsorger muss Stille ertragen können

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Ulrich Slatosch ist Notfallseelsorger.

Nachrodt-Wiblingwerde – Wenn das Telefon in der Nacht klingelt, ist Ulrich Slatosch sofort da. Er springt auf, zieht sich an und fährt los. Es gibt einen Notfall. Eine Extremsituation, in der er als Notfallseelsorger gebraucht wird.

 „In dem Moment funktioniere ich. Ich bin schließlich darauf geschult“, sagt Slatosch, der auf Einladung der KFD einen spannenden Vortrag im gut besuchten katholischen Vereinshaus hielt. 

Wenn der Notfallseelsorger ins Auto steigt, weiß er noch nicht viel. Er bekommt lediglich kurze Einsatzinfos. „Ich habe keine große Zeit; mich vorzubereiten. Ich kann auch nicht erst Kollegen anrufen, einen Arbeitskreis bilden und überlegen, was zu tun ist“, scherzt der Altenaer. Er wird gerufen, wenn es eilt. Wenn schreckliche Dinge passiert sind. Er überbringt mit der Polizei zusammen Todesnachrichten, hilft Einsatzkräften in traumatischen Situationen, wie beispielsweise in Menden als ein Fahrzeug in den Schützenumzug fuhr. 

Er ist aber auch da, wenn jemand stirbt und der Angehörige im ersten Moment Hilfe braucht. „Ob meine Arbeit Spaß macht? Nein, wohl nicht. Aber sie macht zufrieden“, sagt Slatosch. Das Überbringen von Todesnachrichten sei ein extremer Moment. „Ich habe nur wenige Sekunden, idealerweise maximal vier, um auszusprechen, dass jemand gestorben ist“, sagt Slatosch. Denn eines sei wichtig: Die Angehörigen müssen verstehen, dass jemand wirklich tot ist und dafür müsse er es auch genauso aussprechen.“

 Natürlich wüssten die meisten schon, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn die Polizei klingelt und auch er dabei ist. „Wir überbringen Nachrichten nie im Stehen oder an der Tür. Wir gehen immer erst rein und setzen uns. Aber dann muss die Nachricht auch ausgesprochen werden“, sagt Slatosch. Das klinge oft nach einer Hammermethode. Aber sie sei wichtig. Wenn ein Arzt beispielsweise beschreibe: „Wir haben alles versucht, auf die Maßnahmen hat Ihr Mann leider nicht reagiert. Dann haben wir Medikamente gegeben und hatten keinen Erfolg“ weiß man, was die Nachricht dahinter ist. Aber sie ist nicht so klar. Und in dieser für Angehörige extremen Situation sei es ganz wichtig, dass sie sofort verstehen, um was es geht. 

Was danach passiere, sei ganz unterschiedlich. Die einen schreien, andere sagen gar nichts mehr und andere weinen. Slatoschs Aufgabe sei es, dann einfach nur da zu sein. „Was ich dann mache, muss ich sehen. Das, was richtig für die Betroffenen ist“, sagt Slatosch. So scanne er schnell die Wohnung. Hängen viele Fotos von Kindern dort, sei es wichtig, sie mit ins Boot zu holen. Seien christliche Dinge zu finden, helfe vielleicht ein Gebet. 

„Eine Wohnung erzählt viel über die Menschen. Ich bin dafür ausgebildet, entsprechende Dinge zu erkennen und für meine Arbeit zu nutzen.“ In der Regel habe er keine Erwartungen an die Betroffenen. Er setze sich neben sie und warte erst einmal ab. „Ich setze mich nie gegenüber. Das sieht immer so aus, als würde ich etwas erwarten.

 Ein Notfallseelsorger muss Stille ertragen können. Manchmal dauert es einfach ein paar Minuten bis die Betroffenen bereit sind, zu reden“, sagt Slatosch. Wichtig sei zudem das Abschiednehmen. Den Verstorbenen noch einmal zu sehen und auch anzufassen. „Ich versuche, den Angehörigen die Angst vor dem Toten zu nehmen. Wer möchte, kann ihn anfassen, sich verabschieden“, erklärt der Seelsorger. Das helfe unheimlich beim Begreifen.

 Slatosch selbst ist spezialisiert auf die Betreuung von Einsatzkräften bei Extremlagen. Dafür ist er im gesamten Bistum Essen unterwegs. Also in einem Gebiet, das im Durchmesser locker 100 Kilometer umfasst. „Wir sind fester Bestandteil im Einsatz. Unsere Hilfe wird inzwischen als wichtig angesehen und auch oft in Anspruch genommen“, sagt Slatosch. Denn Unfallopfer seien meist noch einmal eine ganz andere Nummer als Menschen, die an einem Herzinfarkt sterben.

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