Turnverein feiert: Das halbe Dorf ist dabei

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Bernd Stahlschmidt, Vizepräsident des Westfälischen Turnerbundes, überreicht dem Vorsitzenden Jörg Grote eine Ehrenurkunde. ▪

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ „In meiner Jugend war nicht jeder in einem Turnverein“, erinnerte sich LVG-Vorsitzende Renate Friedrichs in ihrem Grußwort anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Turnvereins Wiblingwerde (TVW). „Aber alle konnten ein Rad schlagen.“

„Und heute?“, fragte sie ins Publikum. „Die Gesellschaft sitzt sich zu Tode“, gab sie selbst die Antwort. Diese Gefahr allerdings besteht in Wiblingwerde nicht. Rechnerisch ist jeder Zweite dort Mitglied des TVW, der immerhin gut 750 Beitragszahler in seiner Kartei zählt.

Und diese bleiben wohl länger jung, mutmaßte Günther Nülle, KSB-Vorsitzender, in seiner kurzen Rede, denn Sport halte fit. „Einer hat zwar mal gesagt ‘No sports’. Winston Churchill war das“, lenkte Nülle ein. Doch dann winkte er ab und sagte: „Aber der ist auch nur 91 Jahre alt geworden.“

Wer länger leben möchte, hat im TVW Gelegenheit dazu, alles dafür zu tun. Der 1. Vorsitzende des Vereins, Jörg Grote, betonte, dass die Dorfgemeinschaft auch im Verein weiter lebt. „Wir sind zwar keine reiche Gemeinde, aber wer will, der kann bei uns auch mitmachen“, streckte er die Hand aus in Richtung aller, die finanziell vielleicht nicht unbedingt auf Rosen gebettet sind.

Mit einem 90-minütigen Festakt begingen am Samstag zahlreiche Mitglieder des TVW und reichlich Ehrengäste den runden Geburtstag des Vereins. Vor einem Jahrhundert, so lernten die Zuhörer im Festzelt am Alten Sportplatz hinter der Grundschule, hießen alle, die sich bewegten, noch Turner. Der Begriff Sportler war absolut noch ungebräuchlich. So stand damals auch Geräteturnen noch weit höher im Kurs als die Leichtathletik.

All dies erläuterte der Ehrenvorsitzende des Vereins, Helmut Heiermann, der dem Verein auch vier Jahrzehnte lang als Kassierer diente. Historisches gab er in seiner launigen Rede zu bedenken.

Am 9. September 1912 wurde der TVW von 45 Männern gegründet. Frauen begannen erst Mitte der 60er-Jahre, Sport zu treiben, erinnerte sich Heiermann.

Nach den Weltkriegen, im Juli 1945 waren sogar alle Sportvereine in Deutschland verboten worden, stand der TVW vor den Trümmern: Lediglich 13 Mitglieder aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg lebten noch, Sportgeräte waren konfisziert oder zerstört.

Mit Hilfe der Gemeinde und des Bezirks gelang der Wiederaufbau. Zunächst wurde in einer Halle mit morschem Boden, undichtem Dach und darin lagernden Kartoffelsäcken geübt. Am 9. Mai 1969 wurde eine neue Dorfhalle eingeweiht. Und am 26. März 1976 bekam der Verein eine eigene Turnhalle.

Heute unterhält der TVW sogar zwei Fußballmannschaften und auch Tischtennis wird in Wiblingwerde gespielt. Der TVW, so das Motto des Festaktes, ist längst „eine ganz besondere Familie“. So lobte auch Bürgermeisterin Birgit Tupat: „Die Gemeinde blickt mit Stolz auf den Jubiläumsverein.“ ▪ kol

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