1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Nachrodt-Wiblingwerde

Trotz fallender Inzidenz: Immer noch viele Corona-Fälle bei den Hausärzten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jutta Rudewig

Kommentare

Zwischen zehn und 20 Impfdosen verabreicht Allgemeinmediziner Matthias Hartig derzeit noch in der Woche.
Zwischen zehn und 20 Impfdosen verabreicht Allgemeinmediziner Matthias Hartig derzeit noch in der Woche. © Fischer-Bolz, Susanne

Die Sieben-Tage-Inzidenz im Märkischen Kreis nähert sich wieder der Tausender-Marke und ist damit im Abwärtstrend. Dennoch haben die Hausärzte weiter viel zu tun mit dem Corona-Virus. Und es bleibt ein ernstes Thema.

Altena/Nachrodt – Die Inzidenz fällt, wenn auch nur leicht. Wer seit der vergangenen Woche Schule, Gastronomie, das Schwimmbad oder den Einzelhandel besucht, unterliegt nicht mehr einer Maskenpflicht. Die großen Supermarkt-Ketten haben bereits in Richtung Maskenpflicht Stellung bezogen. Das sagen zwei Hausärzte zur aktuellen Situation.

Matthias Hartig

Nachfrage bei Matthias Hartig, Allgemeinmediziner in Nachrodt-Wiblingwerde. Bei ihm ist die Sache klar: „Wir haben aktuell noch viele positive Fälle“, sagt er. „Meistens jung, meistens geimpft, meistens leichte Verläufe“, beschreibt er, wen es aktuell besonders trifft. Dennoch: Er geht davon aus, dass die Zahlen mit dem guten Wetter Richtung Sommer wieder fallen. Auch die Zahlen auf den Intensiv-Stationen gingen derzeit erfreulicherweise nach unten.

Mit der vierten Impfung – oder Booster Nummer zwei – sei er in seiner Praxis soweit durch. Bei den über 70-Jährigen sei diese ganz gut angenommen worden.

Zehn bis 20 Dosen würde er in der Woche noch verabreichen. Wer sich jetzt nicht habe impfen lasse, der lasse sich auch nicht mehr gegen Corona impfen, ist er überzeugt. Empfehlen tut er es dennoch – auch noch in Zeiten von der milderen Omikron-Variante. Ausschlaggebend dafür seien vor allem Long-Covid-Fälle – wie auch bei den Corona-Verläufen, seien hier Ungeimpfte häufiger von schweren Verläufen betroffen.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hatte in der letzten Woche mit der Ankündigung Schlagzeilen gemacht, eine Quarantäne nur noch freiwillig anzuordnen. Geben sollte es diese ab dem 1. Mai. Kaum einen Tag später machte er nach scharfer Kritik die Kehrtwende, große Verwirrung inklusive.

Maskenpflicht

Wenngleich auch viele (städtische) Einrichtung von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und weiterhin Maske und Testnachweise einfordern, so ist „oben ohne“ in den meisten Läden erlaubt. Seit dem 3. April herrscht Maskenpflicht nur noch für medizinische/pflegerische Einrichtungen, in Bussen und Bahnen, in Unterkünften für Asylsuchende oder Flüchtlinge oder auch in Gemeinschaftsunterkünften für Wohnungslose oder Justizeinrichtungen. Allerdings: Wer will oder sich nach all den Monaten des Mund-Nasenschutzes ohne ihn unwohl fühlt, darf auch weiterhin überall sonst Maske tragen.

„Das ist mir ein bisschen zu viel Hin und Her“, ist auch Hartig davon nicht begeistert. Er halte eine Quarantäne von einer knappen Woche weiterhin für sinnvoll, auch um solche zu schützen, die sich nicht impfen lassen könnten.

Auf Vorsicht setzt der Allgemeinmediziner auch beim Thema Masken – die Pflicht, eine zu tragen, ist zwar in der letzten Woche unter anderem in Schulen und im Einzelhandel nicht mehr da. Aber: „Medizinisch ist es dringend empfohlen, weiterhin eine Maske zu tragen“, meint er.

Die Impfpflicht, für die sich Lauterbach, aber auch Bundeskanzler Olaf Scholz (beide SPD), über Monate starkgemacht hatten, war am Donnerstag letzter Woche im Bundestag krachend gescheitert. Letztlich gab es nichtmal für den Antrag „Impfpflicht ab 60“ – meilenweit entfernt vom eigentlichen Ziel „Impfpflicht ab 18“ – eine Mehrheit.

Eine Pflicht sei aber nicht der beste Weg, so Hartig. „Der Aufwand wäre riesig.“ Man solle lieber versuchen, die Menschen so von einer Impfung zu überzeugen – viele hätten vergessen, wie wertvoll Impfungen seien.

Friedrich-Ernst von Seidlitz

„Ich denke, wir müssen wieder neu lernen, Rücksicht auf den Nächsten zu nehmen“, sagt der Altenaer Mediziner Friedrich-Ernst von Seidlitz mit Blick auf die gefallenen Corona-Restriktionen.

Auf die Eigenverantwortung des Bürgers zu setzen, hält er für richtig, auch wenn sich die positiv getesteten Fälle in seiner Praxis in den letzten Wochen nahezu verzehnfacht haben: „Es ist sinnvoll, den mündigen Bürger einzufordern. Der persönliche Schutz ist zu befürworten, um die generelle Ausbreitung eines Virus’ zu verhindern. Aber wenn ich krank bin, muss ich auch an andere denken.“

Bundesweite Corona-Einschränkungen seien nicht mehr umsetzbar, heißt es seitens der Politik. Eine bundesweite Gefährdung des Gesundheitssystems gebe es nicht mehr. Und von der Durchsetzung eines Systems mit Macht und Gewalt hält der Mediziner ebenso wenig wie von einer Pflicht, sich impfen zu lassen.

Schon gar nicht, solange noch etwaige Nebenwirkungen umstritten sind. Rund 50 Impfungen in der Woche werden in seiner Praxis im Durchschnitt verabreicht. Wer sich krank fühlt, gehöre in die Isolation und könne sich nach fünf Tagen freitesten.

Allmorgendlich nimmt der Altenaer Arzt Abstriche vor der Praxis ab, die zu 99 Prozent positiv sind, Woche für Woche: „Das wird jetzt vermutlich über die nächsten Monate besser werden, weil nicht mehr so viel Feuchtigkeit in der Luft ist.“ Aber zum Herbst hin könnten keine Prognosen getroffen werden. Die sogenannte vierte Impfung empfiehlt von Seidlitz allen Altenaern ab 60 Jahren – aber nur, und darauf legt er Wert, „allen, die das auch wollen“.

Auch interessant

Kommentare