Logistische Herausforderung

Windradelemente fahren im Schneckentempo

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Zentimetergenau muss Randolf Peters (41) den 500 PS starken Selbstfahrer steuern, der noch bis Donnerstag Bauteile für eine Windkraftanlage von Wiblingwerde nach Veserde bringt.

Nachrodt-Wiblingwerde - Unter großem logistischen Aufwand schafft ein Transportunternehmen aus dem Siegerland seit Dienstagmorgen die Bauteile für eine Windkraftanlage nach Veserde. Noch bis Donnerstagnachmittag muss dafür die Kreisstraße 24 zwischen Wiblingwerde und Veserde immer wieder vorübergehend gesperrt werden.

Eigentlich hätten die Einzelteile des Windrades – wie schon die des baugleichen Vorgängers vor einigen Jahren – über die K 24 aus Richtung Hohenlimburg zum Standort gebracht werden sollen. Mittlerweile ist die schmale Straße aber in einem derart schlechten Zustand, dass dort nur noch Fahrzeuge mit maximal 3,5 Tonnen Gesamtgewicht fahren dürfen und der Investor der Windkraftanlage für sein Vorhaben keine Genehmigung mehr bekam. „Wir haben dann tagelang jede Zufahrtmöglichkeit geprüft, aber es wurde schnell klar, dass die Komponenten über keinen dieser Wege transportiert werden könnten“, sagte Projektentwickler Markus Burghardt. Die Lösung war schließlich ein Schwertransport mit einem so genannten Selbstfahrer über die K 24 aus Richtung Wiblingwerde.

Mehrere Monate Vorbereitung

Bis der losrollen konnte, gingen allerdings mehrere Monate Vorbereitung ins Land. Zunächst musste ein Platz gefunden werden, an dem die Einzelteile der Windkraftanlage von Tiefladern auf den Selbstfahrer umgeladen werden können. Dann musste die gesamte Strecke von Wiblingwerde bis Veserde genau ausgemessen und geprüft werden. „Dabei haben wir festgestellt, dass der Selbstfahrer zwar durch alle Kurven passt – aber nicht durch Veserde“, berichtete Burghardt. Der nahezu rechte Winkel im Übergang von der Wiblingwerder Landstraße zur Hohenlimburger Straße war mit den bis zu 26 Meter langen Turmelementen nicht zu schaffen.

Über eine Fernsteuerung lenkt Randolf Peters den Selbstfahrer, der die bis zu 54 Tonnen schweren Bauteile der Windkraftanlage von Wiblingwerde nach Veserde transportiert.

Das Dorf musste also umfahren werden. Dazu ließ der Investor noch vor dem Ortseingang aus dicken Stahlplatten eine fast 500 Meter lange mobile Baustraße Richtung Telegraph erstellen. Über diese Behelfsstraße und anschließend über die Todtenhelle sowie schließlich wieder über die K 24 können die Bauteile jetzt zum Standort der Windkraftanlage transportiert werden.

Selbstfahrer setzt sich gegen 9.15 Uhr in Bewegung

Mit wenigen Minuten Verzögerung setzte sich der Selbstfahrer am Dienstagmorgen gegen 9.15 Uhr erstmals in Bewegung, beladen mit Teilen für Generator und Nabe und beobachtet von gut zwei Dutzend Mitarbeitern der Transportunternehmen, des Windradherstellers, des Märkischen Kreises und Polizisten. Auf acht Achsen rollte das von Randolf Peters ferngesteuerte Fahrzeug dann Richtung Veserde. Den Verlauf der Strecke mit ihren zahlreichen Kurven hat sich der 41-Jährige schon Tage vorher mehrfach angesehen. Im Kopf hat er sich die Strategie für die insgesamt wahrscheinlich fünf Fahrten zurechtgelegt.

Kurz vor dem Ziel: Der Selbstfahrer nimmt fast die ganze Fahrbahnbreite der Kreisstraße 24 ein.Die übrigen Verkehrsteilnehmer müssen deshalb immer wieder warten. Foto: Griese

Die ersten beiden Fahrten sind noch keine besonders große Herausforderung für ihn. Schwieriger wird dann schon der Transport der beiden Turmelemente. Ihr Gewicht von 33 und 54 Tonnen bereitet dem Transporter, der von einem 500 PS starken Hydraulikantrieb bewegt wird, zwar keine Probleme. Die rund 24 und 26 Meter langen Röhren, ragen aber hinten noch ein ganzes Stück über die Ladefläche des Selbstfahrers hinaus. Deshalb muss Peters das Fahrzeug in den Kurven zentimetergenau steuern. Sechs computergesteuerte Lenkprogramme unterstützen ihn dabei. Läuft alles nach Plan, werden Donnertagnachmittag die drei jeweils 24 Meter langen Rotorblätter die letzten Bauteile sein, die den rund 3,5 Kilometer langen Weg vom Umladeplatz an der Ecke K24/Harpkestraße bis zur Baustelle etwa 700 Meter westlich vom Schlosshotel Holzrichter in Schrittgeschwindigkeit zurücklegen.

Windkraftanlage soll jährlich 1,5 Millionen Kilowattstunden erzeugen

Praktisch zeitgleich mit dem Transport bauen Experten des Herstellers Enercon die 100 Meter hohe Windkraftanlage auf. Sie soll zukünftig jährlich rund 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen, der über ein reaktiviertes Notversorgungskabel für Veserde ins Netz einspeist wird. Das war neben dem schwierigen Transport übrigens ein weiteres Hindernis für den Investor, der sich zudem noch gerichtlich mit dem Betreiber einer Richtfunkanlage auseinandersetzen musste. „Die sehr guten Windverhältnisse an dieser Stelle waren für uns die Motivation, alle Widerstände aus dem Weg zu räumen“, blickte Markus Burghardt auf seine drei Jahre währenden Bemühungen zurück. - Volker Griese

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