Schluss mit der Heimlichtuerei

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Helen (links) und Dina (2.v.l.) sind die Initiatorinnen des Trans-Treffs. Rafaela reist immer aus dem Hochsauerland an.

Nachrodt-Wiblingwerde – Manchmal fehlt ihr der Mann. Der Mann in der Lederjacke. Der Mann, den sie geheiratet hat. Aber das Leben geht manchmal ungewöhnliche Wege. Dina und „ihre Holde“, wie sie sie liebevoll nennt, sind seit 30 Jahren verheiratet. Nun erneuerten beide in weißen Spitzenkleidern ihr Eheversprechen. Das Besondere: Vor drei Jahrzehnten waren sie als Mann und Frau vor den Traualtar geschritten. Damals hieß Dina noch Dirk. Heute ist Dina das, was sie schon immer sein wollte: ganz und gar eine Frau. Die Ehe hielt trotzdem. „Sie ist ja derselbe Mensch“, sagt die Gattin beim Trans-Treff für Transsexuelle in der Rübezahl-Baude. Aus Nachrodt-Wiblingwerde war diesmal keiner dabei. Offen ist diese Zusammenkunft aber für alle – auch für Angehörige und Interessierte.

Transgender sind nicht krank. Transgender sind Personen, deren gefühltes Geschlecht nicht mit dem biologischen übereinstimmt. Und Transsexuelle sind diejenigen, die dauerhaft im gefühlt anderen Geschlecht leben möchten. Wie Patrick. Der 16-Jährige war zum ersten Mal beim Trans-Treff und kam in Begleitung seiner Mama. Patrick wurde als Mädchen geboren und wuchs als Melanie auf. Seit seinem Outing geht es dem Jungen besser. „Er hat Freunde, geht vor die Tür“, erzählt seine Mama und ist dankbar, dass nach vielen Jahren des Kummers endlich klar wurde, was ihre Tochter so quälte. Sie lebte im falschen Körper.

Selbstmordgedanken

Schon in der Grundschule hatte Melanie Selbstmordgedanken. Asperger Autismus war eine von vielen Falschdiagnosen, die im Laufe der Jahre gestellt wurden. Sie bekäme zu wenig Aufmerksamkeit, sonst wäre alles in Ordnung, hieß es ebenso. Melanie kapselte sich ab, zog sich immer mehr zurück. Erst, als es wieder darum ging, sich das Leben zu nehmen, und sie sich einem Schulpsychologen anvertraute, konnte nach und nach das eigentliche Problem aufgearbeitet werden. Melanie wollte nicht die Person sein, die sie war. Und so machte sie die ersten Schritte auf einen langen Weg, der jetzt noch vor ihr liegt. Genauer: der noch vor ihm legt.

Nur die Oma macht sich Sorgen

 Denn jetzt ist es Patrick, der diesen Weg geht, der in einer Whatsapp-Gruppe seinen 94 Mitschülern der Jahrgangsstufe mitgeteilt hat, dass er von nun ab Patrick ist. Ein recht kluger Schritt. Denn erstens wussten es sogleich alle, und zweitens wurden mögliche Angriffe gleich im Keim erstickt. „Bei so einer großen Gruppe schreibt ja keiner etwas Böses.“ Schwierig nur, dass sich Patrick für den Sportunterricht noch in der Mädchenumkleide umziehen muss. Denn rein körperlich ist er noch ein Mädchen.

Das Umfeld trägt es gelassen. „Mein Bruder hat auch ganz cool reagiert“, erzählt Patrick. Nur die Oma macht sich Sorgen über das, was Patrick alles noch bevorstehen könnte. Nicht nur Gutachter- und Psychologen-Gespräche noch und nöcher, auch Hormonbehandlungen und eventuell auch Operationen.

Weg vom Alkohol und hin zur Frau

 Helen hat diese Operationen alle hinter sich. Und fühlt sich pudelwohl. Helen wurde als Hendrik geboren. „Ich habe immer versucht, normal zu leben, aber von Innen wurde der Druck immer größer“, erzählt die Mendenerin. Ihre Ehe scheiterte, als ihre Frau auf einen Fundus weiblicher Kleidung stieß. Eine Therapieklinik, in der auch andere Transsexuelle waren, schenkte ihr ein neues Leben. Weg vom Alkohol und hin zur Frau: Zwei Dinge, die die Lebenswende einläuteten. Helen hatte am 26. November 2015 im Klinikum Essen eine geschlechtsangleichende OP. Und solch ein Eingriff, in dem unter anderem Hodensack und Samenstränge entfernt werden und aus der Eichel die Klitoris wird, ist wahrlich kein Zuckerschlecken. „Aber es ist alles wunderbar verlaufen“, strahlt Helen. „Ich habe festgestellt, was Männern so entgeht“, lacht sie. Froh ist sie auch, dass sie zu ihrer Exfrau einen guten Kontakt hat. „Ihr neuer Mann hat mich sogar zur OP gefahren.“

Schluss mit der Heimlichtuerei

Dina hat sich für eine kleine Lösung entschieden: für eine Orchiektomie (die operative Entfernung der Hoden) und für einen Brustaufbau. Als Diabetikerin muss sie sich um die Wundheilung bei einem noch größeren Eingriff sorgen. Dina arbeitet als selbstständige IT-Fachfrau und seit Juni 2017 auch rechtlich als Frau. 2016 beantragte sie die Personenstandsänderung.

Ihre Kunden trugen die neue Weiblichkeit gelassen. „Ich habe niemanden deshalb verloren.“ Und so war irgendwann überall Schluss mit der Heimlichtuerei, mit dem „Frau sein“ nur im stillen Kämmerlein. Und mittlerweile hat sie auch die nachgeholte Pubertät hinter sich, wie ihre Ehefrau schmunzelnd erzählt. Während Dina nämlich nach ihrem öffentlichen Outing anfangs gern stark geschminkt und mit Miniröcken durch die Gegend lief, ist sie heute eher chic und im Business-Outfit unterwegs. Bei ihrer Größe von sehenswerten 2,04 Meter sind meistens nur die Ärmel der Blusen und Jacken zu kurz. „Die krempel ich dann etwas hoch. Dann geht es“, schmunzelt Dina, die mit Helen den Trans-Treff initiiert. Dina ist zudem ausgebildete psychologische Beraterin mit Zusatzseminaren im Bereich Trans an der Akademie für Urologen.

„Ich bin zufrieden, wie ich jetzt bin“

Die fröhliche, lockere Atmosphäre in der Rübezahl Baude und die intensiven Gespräche sind es, die die Menschen aus nah und fern nach Letmathe ziehen. Auch Rafaela, die Jahrzehnte als Rainer gelebt hat, reist eigens aus dem Hochsauerland an. Als Ingenieur für Elektrotechnik hat er sich erst sehr spät selbst eingestanden, dass er eine Frau ist. Heute ist Rafaela 64 und hat ihr Ziel, als Frau glücklich zu leben, erreicht. „Ich bin zufrieden, wie ich jetzt bin“, sagt sie und freut sich, dass sie für viele Menschen auch als Frau angesehen wird. „Wenn ich Leute auf der Straße treffe, die mich als Mann kannten, so erkennen sie mich nicht.“ Heute traut sie sich auch, in ihrer Heimatstadt zu bummeln. Zu Beginn ihres Frauseins fuhr sie ins Allgäu. Hauptsache weit weg. Hauptsache nicht erkannt werden. Irgendwann wurde sie immer mutiger. „Und dann begegnete ich meinem Nachbarn im Hausflur. Er war auf dem Weg zur Nachtschicht. Er sah mich als Frau, schaute mich von oben bis unten an und sagte: ‘Sieht chic aus.“ Mit so einem Kommentar konnte Rafaela gut leben.

Dass nicht alle so „easy“ reagieren, versteht sich von selbst. Oftmals stieren die Leute. Manchmal kommentieren sie „ach ne Transe“. Und Helen hat sich schon angehört, dass ihre Perücke aussieht wie aus einem Kaumgummiautomaten. Dass man sich lustig macht, verletzt. Aber die Devise „leben und leben lassen“ sind in den Köpfen der Menschen augenscheinlich durchaus auf dem Vormarsch.

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