Verwaltung einst und jetzt: Bürgermeisterin Birgit Tupat hält launigen Vortrag

Tipp-Ex ist längst ausgestorben

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Mit Geschichten aus dem eigenen Berufsleben, angefangen von der Verwaltungsausbildung bis zur Spitzenposition als Bürgermeisterin, würzte Birgit Tupat (stehend) ihren launigen Vortrag.

Nachrodt-Wiblingwerde - Birgit Tupat musste schmunzeln, als letztens die Auszubildende eine Kiste mit Kohlepapier fand und nicht wusste, was das war. ,,Auch das Tipp-Ex ist ein Büroprodukt, das im Amtshaus ausgestorben ist”, erklärte die Bürgermeisterin am Montag , 6. März, in einem launigen Vortrag in der Heimatstube.

Besuch kommt auch immer weniger: Als Birgit Tupat vor 32 Jahren im Amtshaus ihre berufliche Karriere begann, kamen fast täglich Verlagsvertreter, die Druckvorlagen anpriesen. ,,Heute gibt’s vielleicht noch eine oder zwei, die wir nicht digital abrufen können. Die liegen in einer Datenbank, auf die jeder Mitarbeiter Zugriff hat. Da kramt keiner mehr nach Papier…” Die Digitalisierung kann aber auch zu befremdlichen Szenen führen: Da kommt ein Bürger, der sich seinen neuen Ausweis abholen möchte. Er liegt schon bereit, doch wenn das System der Gemeindeverwaltung streikt, darf ihn kein Mitarbeiter aushändigen.

Gut besucht war der Vortrag in der Wiblingwerder Heimatstube. Eine Diskussion schloss sich an

 „Die Ausgabe muss durch eine digitale Signatur bestätigt werden. So etwas hat sich noch vor 30 Jahren keiner im Haus vorstellen können”, berichtete Birgit Tupat ihren 23 Zuhörerinnen und Zuhörern beim Heimat- und Verkehrsverein. Damals gab’s einen einzigen Computer und einen Drucker. Digitalisierung fand auf Mikroplanfilm statt. ,,Es gibt für diese Dokumente auch noch ein Lesegerät im Amtshaus, das wir hüten, wie einen Schatz.” Denn manche Akten, darunter auch die großen, noch per Hand gefüllten Standesamtsbücher, dürfen per Gesetz einfach nicht vernichtet werden. Manchmal kommt es noch vor, dass ein inzwischen ins europäische Ausland verzogener ehemaliger Nachrodter einen Nachweis erbringen muss, dass er vor Jahrzehnten mal Bürger der Gemeinde war.

Archiv-Suche

Dann geht die Suche im Archiv los. Nachfolgende Generationen von Amtshausmitarbeitern werden wohl kaum noch per Hand suchen müssen, denn die digitale Akte ist bereits in Planung. Birgit Tupat verflucht die Digitalisierung nicht: „Auch für den Bürger ist sie ja ganz praktisch. Man kann auf der Gemeindehomepage seinen Bauantrag herunterladen und noch viele andere Angelegenheiten klären, für die man sonst extra ins Amtshaus kommen musste.”

Amtshaus

 Den Bürgerkontakt schätzten die Mitarbeiter jedoch weiterhin: „Wir sind Dienstleister und das nicht erst seit 2007, als das Neue Kommunale Finanzmanagement eingeführt wurde. Damit wurde Nachrodt-Wiblingwerde zu einem eigenständigen Wirtschaftsunternehmen. Und diese neuen Formen der Abrechnung haben uns auch arm gemacht…” Jeder Bürger mit Grundbesitz erinnerte sich mit Schrecken an das Jahr 2012, als die Grundsteuer horrend angehoben wurde. Als Stärkungspaktkommune mussten harte Einschnitte hingenommen werden, das Gartenhallenbad konnte nur durch einen Trägerverein gerettet werden.

Einnahmeseite

„Auf der Einnahmenseite ist Nachrodt-Wiblingwerde gar nicht ärmer geworden”, räumte Birgit Tupat auf Nachfrage mit einem Vorurteil auf. Gewerbesteuereinbrüche seien kompensiert worden, die Wirtschaft sei entgegen anderslautender Meinungen nicht geschrumpft. „Wir können heute aber nicht mehr steuerliche Abschreibungen machen wie früher und müssen auch Rückstellungen im Haushalt berücksichtigen. Wäre das nicht so, hätten wir den Haushalt mit einem Plus von 450 000 Euro abschließen können.” Damit hatten einige von Birgit Tupats Vorgängern noch nichts am Hut. Gelder verwalten, das wusste auch einer ihrer Amtsvorgänger Herbert Ferreau, war früher weitaus einfacher. Zudem gab’s für repräsentative Aufgaben eine Doppelspitze: Gemeindedirektor und ehrenamtlicher Bürgermeister teilten sich Bereiche, die Birgit Tupat und ihre Stellvertreter Schliek und Schröder heute allein bewältigen müssen. „Aber Geburtstagskinder und Ehejubilare zu besuchen gehört ja zu den schönsten Aufgaben bei uns!”

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