Auf Friedhof im MK

Tatort Friedhof: Diebe machen selbst vor Kindergrab nicht Halt

Die kleine Schwester des verstorbenen Mädchens am Grab auf dem katholischen Friedhof Einsal: Dort werden Blumen geklaut.
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Die kleine Schwester des verstorbenen Mädchens am Grab auf dem katholischen Friedhof Einsal: Dort werden Blumen geklaut.

Geschmacklos: Immer wieder treiben Diebe auf dem katholischen Friedhof in Einsal ihr Unwesen. Selbst vor Kindergräbern machen sie nicht Halt. Eine Kamera hat einen Dieb sogar gefilmt.

Nachrodt-Wiblingwerde – Nachts auf dem katholischen Friedhof in Einsal: Menschen nehmen Blumen mit, klauen ganze Kränze, stecken sich Andenken von einem Kindergrab in die Tasche. Schnittblumen sind besonders beliebt. Eine Kamera zeichnet das Geschehen auf.

Und ein junges Paar steht fassungslos vor dem Grab der kleinen Tochter, die in diesem Sommer verstorben ist. „Dieser Platz ist für uns etwas Besonderes. Es ist das Einzige, was wir noch von ihr haben außer den Bildern und den Erinnerungen. Es macht mich so wütend, wie Menschen so herzlos und respektlos sein können“, sagt die junge Frau an der letzten Ruhestätte ihres Kindes, das mit Teddybären, Rosen, Lichtern und einem Engel geschmückt ist.

Kränze nach Beerdigung gestohlen

Tapfer versucht sie mit ihrem Mann eine Situation zu ertragen, die nicht zu ertragen ist. Weil „alles schlimm genug ist“, möchte sie keine Anzeige erstatteten.

„Wir dürfen als Kirchengemeinde unser eigenes Grundstück überwachen“, sagt Klaus-Dieter Jacobsen über die Anschaffung einer Kamera, nachdem es im vergangenen Jahr immer wieder Vorfälle gegeben hatte. Nach einer Beerdigung fehlten tagsdrauf zwei große Kränze. Auch Gewänder vom Pastor wurden geklaut. „Wer macht so etwas?“, fragt Bestatter Helmut Kruse entsetzt.

Polizei: „Keine strafbaren Handlungen zu erkennen“

Mitten in der Nacht spielen sich in Einsal, so erkannte man auf den Aufzeichnungen, die „wildesten Dinge“ ab. Zu sehen waren auch Menschen, die augenscheinlich mit Drogen handelten. Anzeige wurde erstattet.

Besonders oft werden Schnittblumen von den Gräbern auf dem katholischen Friedhof in Einsal gestohlen.

Die Polizei erklärt dazu: „Das Videomaterial wurde damals gesichtet. Darauf waren keine strafbaren Handlungen zu erkennen“, so Marcel Dilling, Pressesprecher der Polizei im Märkischen Kreis. Das Verfahren wurde an die Staatsanwaltschaft weitergegeben und offensichtlich eingestellt.

Roller rast durch Blumen und Beete

Das nächtliche Treiben auf dem Friedhof ging weiter. „Einmal fuhr ein Roller mit zwei Personen mit Vollgas auf unseren Friedhof, der Polizeiwagen hinterher. Der Roller ist durch die Rabatten gerast, und dann hat die Polizei einen jungen Mann direkt vor meiner Treppe verhaftet“, erzählt Klaus-Dieter Jacobsen.

Auch der Diebstahl der Blumen ist auf dem jüngsten Videomaterial zu sehen – inklusive der Täterin, die nachts um 3 Uhr mit ihrem Hund auf dem Friedhof spazieren geht und das eine oder andere einsammelt. Man weiß also, wer es ist.

Videomaterial: Nutzbar oder nicht?

Möglichkeiten, die Leute „dingfest“ zu machen, sieht die Kirchengemeinde St. Matthäus/St. Josef trotzdem nicht. „Wir leben hier in einer Oase für gewisse Leute. Wenn wir sie nicht auf frischer Tat ertappen, haben wir ein Problem“, ist Klaus Dieter Jacobsen fassungslos über die Störung der Totenruhe und der Hilflosigkeit der Gemeinde.

Seit Anfang Dezember 2020 ist der obere Eingang des katholischen Friedhofs in Einsal geschlossen.

Denn das Videomaterial, so empfindet es die katholische Kirchengemeinde, will die Polizei nicht nutzen. Ein Missverständnis? „Bei einem Telefonat mit der Polizei wurde die Dame frech und meinte, was mir denn einfiele, solch ein Material von fremden Leuten zu schicken“, erzählt Bestatter Helmut Kruse. Er ist überrascht, dass die Polizei „plötzlich doch“ an den Aufzeichnungen interessiert ist. Und sie ist interessiert.

Opfer müssen sich an Polizei wenden

„Selbst wenn es Aufnahmen gibt, die aufgrund des Datenschutzes möglicherweise bedenklich sind, werden sie, wenn sie Straftaten zeigen, trotzdem von der Polizei erst einmal für Ermittlungen genutzt. Ob sie als Beweismittel zugelassen werden, muss dann die Justiz entscheiden“, so Polizeisprecher Marcel Dilling.

Er ergänzt: „Wichtig ist, dass diejenigen, die Opfer geworden sind, mit uns sprechen.“ Für den aktuellen Fall bedeutet das: keine Anzeige, keine Ermittlung. Und die katholische Kirchengemeinde kann keine Anzeige stellvertretend für die Geschädigten stellen.

Was bleibt, ist die Fassungslosigkeit. Aber nicht die Untätigkeit. Der obere Eingang des Friedhofes wurde jetzt geschlossen. Jeder muss durch den Haupteingang. Und seit einer Woche ist Ruhe.

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