Tacke zieht in Hallenscheid neugeborenes Rehkitz auf

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Mit der Flasche tut sich das Rehkitz schwer, deshalb lässt Karl-Heinz Tacke das Tier die körperwarme Milch aus einer Schüssel saufen. ▪

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Jämmerliche Klagerufe aus dem Wald haben kürzlich Familie Geßler aufgeschreckt. Das Ehepaar durchstreifte das Dickicht und fand ein nur wenige Stunden altes Rehkitz. „Seine Mutter lag etwa 50 Meter neben ihm und war tot“, erzählt Karl-Heinz Tacke aus Hallenscheid, der den kleinen Rehbock seit dem vergangenen Sonntag großzieht. „Vermutlich hatte die Ricke noch ein zweites Kitz in sich, das sie nicht los geworden ist“, mutmaßt Tacke über den Tod des Muttertiers.

„Im Moment ist das Böcklein ganz gut dabei, aber er ist noch lange nicht übern Berg“, sagt der Senior und streichelt dem kleinen Findelkind dabei liebevoll über den Rücken. Einen Namen habe er ihm noch nicht gegeben. „Das kann ich erst, wenn er's gepackt hat.“

Ein Rehkitz durchzubringen sei nicht so leicht, weiß Tacke aus Erfahrung. In den vergangenen Jahren ist es ihm aber stets gelungen. Alle zweieinhalb Stunden rührt der Ziehvater nun 20 Gramm Lämmermilch in 100 Millilitern Wasser auf. „Das Schwierige ist, dass die Kleinen keine Magenverstimmung bekommen. Deshalb muss die Milch zwischen 39 und 39,5 Grad warm sein.“ Während Tacke dem Rehkitz das Schüsselchen Milch reicht, und der kleine Bock zaghaft anfängt zu trinken, streichelt die große Männerhand den zarten Körper. „Das macht die Ricke bei ihren Kleinen auch, während sie trinken.“ Anschließend streicht Tacke dem Böcklein mit einem weichen Tuch am weißen Steiß entlang, „damit es 'abkürtelt'“, erklärt er. Auch das darf nicht vernachlässigt werden.

In den nächsten Tagen wird es entscheidend sein, dass das Kitz an Gewicht zulegt und keine Darmprobleme bekommt. Zwei Kilo brachte das Findelkind bei seinem Fund auf die Waage. „Dann hatte es natürlich Stress, da ging das Gewicht erst einmal etwas runter“, erzählt Tacke. Probleme hat sein Bockkitz, die Milch mit der Flasche zu trinken. Damit es sich nicht verschluckt, was zu einer zusätzlichen Gefahr werden kann, füttert Tacke es aus einer Schüssel. Etwas wackelig steht das Kitz dabei auf den staksigen Beinen und legt sich nach dem Füttern wieder auf sein Strohlager im Wohnzimmer des Bauernhauses. „Das sieht zwar sehr gemächlich aus, aber wenn es draußen einmal Gas gibt, dann ist es weg. Dann kommt ihm keiner hinterher“, weiß Karl-Heinz Tacke, welche Energie in dem kleinen Körper steckt.

Doch soll das Kitz durchaus die echte Natur kennen lernen. Tacke baut ihm deshalb ein Gatter, das er im Garten an das Gehege seiner Resi angrenzen lässt. Das Reh lebt auf dem Hof Tacke, seitdem es ein Kitz ist, denn auch Resi gehört zu den scheuen Waldbewohnern, die Tacke mit viel Mühe groß gezogen hat. Jetzt bekommt Resi übrigens Nachwuchs. „So wie es aussieht, könnten es Zwillingen werden“, freut sich Tacke. Erste Annäherungsversuche zwischen dem kleinen Bockkitz und Resi sind für dieses Wochenende geplant. Sonne und frischer Boden, so meint Tacke, könnten dem Böcklein nur gut tun. Länger als eine halbe Stunde wird der „Ausgang“ jedoch nicht dauern – und der Ziehvater wird stets mit dabei sein, denn auch wenn das Kitz noch keinen Eigengeruch hat, also vom Fuchs nicht aufgespürt werden kann, lauern Gefahren aus der Luft. „Krähen gehen gerne auf die Augen, aber auch Raubvögel könnten es angreifen“, so Tacke. ▪ sr

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