Interview mit einem Marktleiter

Supermärkte: Zweiter Lockdown bringt erstaunliche Veränderung

Kai Kantimm berichtet von Höhen und Tiefen in seinem völlig umgekrempelten Berufsalltag. Und von einer erstaunlichen Veränderung, die er im zweiten Lockdown erlebt.
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Kai Kantimm berichtet von Höhen und Tiefen in seinem völlig umgekrempelten Berufsalltag. Und von einer erstaunlichen Veränderung, die er im zweiten Lockdown erlebt.

Die Auswirkungen der Corona-Krise haben Händler in vielfältiger Weise getroffen. Ein Supermarktleiter aus Nachrodt-Wiblingwerde berichtet von Höhen und Tiefen in seinem völlig umgekrempelten Berufsalltag. Und von einer erstaunlichen Veränderung, die er im zweiten Lockdown erlebt...

Nachrodt-Wiblingwerde – Kai Kantimm leitet die Edeka-Filiale in Nachrodt und hat eine zweite Filiale am ehemaligen Bahnhofsgelände in Lüdenscheid-Brügge eröffnet. Er spricht im Interview mit Kevin Herzog über die Auswirkungen der Corona-Krise auf sein Geschäft. Für ihn hat die Pandemie nicht nur Nachteile.

Herr Kantimm, wie hat sich der Arbeitsalltag durch Corona verändert – auch im Vergleich zwischen erstem und zweitem Lockdown?
Der erste Lockdown war natürlich für uns alle ein bisschen wie eine Mutprobe. Es war nicht einfach die ganze Ware zu beschaffen, weil die Leute wie irre gehamstert haben. Die Situation war für uns alle neu. Die Läden waren voll und das Gedränge war groß. Jetzt im zweiten Lockdown hat sich alles etwas relativiert, weil man gesehen hat, dass die Ware doch immer wieder nachgeliefert wird. Es gibt natürlich einige Artikel, die aus dem Ausland zugeliefert werden, die zwischendurch nicht da waren. Aber alles, was in Deutschland hergestellt wird, war auch immer da.
Was sind das für Artikel, die aus dem Ausland importiert werden?
Am Anfang waren es zum Beispiel Aufbackbrötchen, die aus Polen kamen. Die waren länger nicht lieferbar. Ein anderes Beispiel sind Wasser aus Frankreich oder Produkte von Bonduelle. Besonders stark betroffen war der Bereich Obst und Gemüse, weil natürlich viele Produkte aus Spanien oder Frankreich kommen. Da hat man dann auch direkt gemerkt, dass die Preise angestiegen sind.
Worauf ist dieser Preisanstieg zurückzuführen?
Das lag daran, dass die Transporte viel umständlicher geworden und dadurch auch teurer geworden sind. Es war zum Beispiel so, dass ein Lkw in Spanien losgefahren ist. An der Grenze zu Frankreich musste die Ware dann in einen französischen Lkw umgepackt werden. Das Gleiche passierte dann noch einmal an der deutschen Grenze, wo ein deutscher Lkw auf die Lieferung gewartet hat. Deshalb hat ein Blumenkohl zwischenzeitlich 4,99 Euro gekostet.
Wie hat sich der Kontakt zu den Kunden entwickelt? Haben Sie den Kontakt vielleicht zum eigenen Schutz gemieden oder war es gerade in diesen außergewöhnlichen Zeiten wichtig, das Gespräch zu suchen?
Der Kontakt ist insgesamt ein bisschen weniger geworden. In der Verständigung fehlt auch einfach die Gestik und Mimik. Auch innerhalb des Mitarbeiter-Teams ist der Kontakt weniger geworden. Eigentlich ist der gute Kundenkontakt etwas, wofür wir stehen.
Gab es dafür denn Verständnis seitens der Kunden oder gab es auch Kritik?
Eigentlich gab es hauptsächlich positive Stimmen. Im Nachhinein haben wir viel Wertschätzung für unsere Arbeit erfahren. Das ist ähnlich wie mit den Pflegekräften gewesen.
Was macht diese Wertschätzung mit einem? Das muss doch sicherlich guttun...
Das fühlt sich natürlich gut an. Es zeigt, dass man sich den richtigen Job ausgesucht hat. Die Corona-Pandemie hat für alle aber auch mehr Arbeit bedeutet, weil der Andrang so groß war.
Was hat das für Ihre Mitarbeiter bedeutet?
Wir mussten alle mehr arbeiten. Wir mussten mehr Ware in die Regale räumen, es mussten mehr Mitarbeiter an den Kassen arbeiten, um das Ganze etwas zu entzerren, indem wir schneller abkassiert haben.
Haben Sie dafür mehr Personal einstellen müssen?
Nein, unsere Leute haben Überstunden gemacht. Da muss ich auch ein Lob aussprechen. Die haben alle sehr gut mitgezogen und stark zusammengehalten.
An vielen Supermärkten ist mittlerweile Sicherheitspersonal zu sehen. Haben auch Sie Sicherheitskräfte eingestellt?
Ich hatte im ersten Lockdown ein, zwei Leute für 14 Tage da. Im Nachhinein habe ich aber gesehen, dass sich die Kunden zusammengerissen haben. Es gab viele Leute, die Verständnis hatten, einige aber auch nicht. Mittlerweile habe ich die Personenzahl im Laden durch die Anzahl der Einkaufswagen geregelt.
Sie sagten, einige Kunden hätten Unverständnis geäußert. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?
Es gab zum Beispiel Leute, die haben nicht verstanden, wieso sie warten müssen, wenn alle Einkaufswagen weg sind. Die sind dann gegangen und meinten, sie gingen woanders einkaufen. Da konnte ich ihnen auch nur sagen, dass es in den anderen Märkten nicht anders ist. Ich muss aber auch sagen, dass die meisten Kunden Verständnis für die Situation haben.
Haben Sie den Eindruck, dass der zweite Lockdown für mehr Verständnis gesorgt hat?
Ja, das ist so. Aber man merkt auch, dass es so langsam für jeden nervig ist und man allmählich wieder in Richtung Normalität gehen muss. Aber danach sieht es ja nicht aus.
Kann man denn sagen, dass Supermärkte zu den Profiteuren der Pandemie zählen?
Ja, das ist richtig. Die Leute sitzen zuhause, können nirgendwo hin und können zum Beispiel nicht ins Restaurant gehen. Deshalb wird jetzt auch mehr zu Hause gebacken oder gekocht. Außerdem ist das Einkaufen-Gehen eine Art Abwechslung zum Alltag.

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