Suchtbiografien stimmen Achtklässler nachdenklich

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Die schönen Seiten von Gut Sassenscheid: Die Gymnasiasten sahen sich die Außenanlagen an, die die Bewohner der Suchthilfeeinrichtung angelegt haben.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Burghard hat in den akuten Phasen seiner Alkoholkrankheit eine Gabe entwickelt, die er bei „Wetten, dass” einsetzen könnte: Er kann genau benennen, ob und wie viele Bierflaschen sich in einer vollen Einkauftasche befinden, wenn nur ein Passant damit in Hörweite vorbeigeht.

Gegen den Trinkdruck kämpft der Bewohner von Gut Sassenscheid bis heute. Seine Schilderungen und die seiner Mitbewohner Annegret und Steffen beeindruckten die Klasse 8b des Altenaer Burggymnasiums schwer.

Mit Klassenlehrerin Kristina Kunz und Begleitlehrerin Sabina Fischer waren die Schüler am Montag von Altena bis zum Anwesen der soziotherapeutischen Einrichtung für chronisch Abhängige in der Nähe von Wiblingwerde gewandert. Die Jahrgangsstufe acht behandelt das Thema Sucht im Rahmen der Fahrten- und Projektwoche der Schule.

Die Alkoholerfahrungen von Annegret, Steffen und Burghard gehen weit hinaus über feuchtfröhliche Partyabende, die Jugendliche im Alter der Achtklässler auch schon mal erlebt haben. Das nette Bier in Gesellschaft kannten die Sassenscheid-Bewohner nicht mehr, als die Alkoholsucht sie voll im Griff hatte. Alkohol konsumierten sie schon morgens daheim, um Stress abzubauen und fit zu werden für wichtige Termine wie Behördengänge. Burghard, der den Schülern so klar und besonnen von seiner Suchtbiografie berichtete, erläuterte das eindrucksvoll: „So, wie ich heute zu Euch spreche, konnte ich das früher nur mit einem bestimmten Pegel.”

Seinen anspruchsvollen und auch nicht ungefährlichen Job machte in seinem Unternehmen kein anderer. Er sagte nie nein, wenn er um Überstunden im Schichtdienst gebeten wurde. Das morgendliche Bier nach der Nachtschicht war eine gute Einschlafhilfe. Irgendwann reichten zehn Bier nicht mehr aus – Burghard griff zum Schnaps. Die von ihm selbst eingereichte Kündigung brachte ihm keine Erlösung, sondern nahm ihm die Tagesstruktur.

Ein geregelter Tagesablauf fehlt vielen Alkoholikern in der Akutphase ihrer Krankheit, wie die Schüler im Rahmen der Projektwoche lernen. Das Haus verlassen Abhängige dann oft nur noch, um die Vorräte aufzufüllen. Sie leben zurückgezogen, vernachlässigen ihre Grundbedürfnisse. Burghard landete auf der Straße und blieb acht Jahre lang obdachlos. Es war kein äußerer Impuls, der ihn Hilfe suchen ließ. „Ich habe irgendwann selbst gemerkt, dass ich dieses Leben nicht mehr ertragen konnte”, berichtete er.

Es brauchte mehrere Anläufe, um an den Punkt zu kommen, an dem der Altenaer heute steht. Entgiftungen, Therapien, Leben in betreuten Wohngemeinschaften – das klappt aufgrund der hohen Rückfallgefahr nur selten auf Anhieb gut. Annegret hat das auch erfahren: „Wie schnell die Kontrolle über das eigene Trinkverhalten weg ist, wenn eine Flasche Weinbrand auf dem Tisch steht, lässt sich nicht in Worte fassen.”

Grausam ist es für die Angehörigen, die Sucht mit ansehen zu müssen. Sie fallen nicht selten in die so genannte Koabhängigkeit: Eine Mutter gibt ihrem Sohn 20 Euro, in der Hoffnung, dass er morgen endlich nach Hause kommt und sich helfen lässt. „Das funktioniert aber nicht”, erklärte Steffen den Schülern.

Steffen will Alkohol nicht verteufeln, rät aber jedem seiner Zuhörer zu maßvollem Genuss. Auch deshalb, weil Alkohol eine gesellschaftsfähige Droge ist: „Keiner sagt doch etwas, wenn jemand ein Bier vor sich stehen hat. Das ist eine Selbstverständlichkeit.” ▪ Ina Hornemann

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