Gigant der Lüfte hebt tonnenschwere Bauteile

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Bis zu zwölf Monteure verbinden in luftiger Höhe die einzelnen Elemente mit Schrauben.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Zeugen eines seltenen Schauspiels konnten die Bewohner von Veserde und Deierte in den vergangenen Tagen werden: Praktisch direkt vor ihrer Haustür erneuerte die Enervie AssetNetwork GmbH eine Hochspannungsleitung. Das Besondere dabei: Es kam ein Hubschrauber zum Einsatz, der die Teile der Stahlmasten transportierte.

„Ich bin jetzt seit 16 Jahren dabei, aber so etwas habe ich auch noch nicht erlebt“, war diese Maßnahme auch für Baukoordinator Franco Lars Cali Neuland. Das Projekt ist Teil der Erneuerung der Hochspannungsfreileitung zwischen Hagen-Garenfeld und Hohenlimburg Oege. Die knapp zehn Kilometer lange 110-Kilovolt-Leitung muss mit einem Gesamtaufwand von rund 8,5 Millionen Euro erneuert werden, weil die zum Teil fast 80 Jahre alten Masten Verschleißerscheinungen gezeigt haben. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Masten Stahlversprödungen aufweisen, die es erforderlich gemacht hätten, die Exemplare aus dem Jahr 1936 durch neue voll verzinkte Stahlmasten zu ersetzen, erklärte Enervie-Pressesprecher Andreas Köster, warum diese Maßnahme notwendig geworden ist. Entsprechende Ersatzneubauten hat Enervie in den vergangenen Jahren bereits im Raum Herdecke und Hagen durchgeführt.

Hubschraubereinsatz beim Stromleitungsbau

Seit Donnerstag werden nun die Masten auf dem Teilstück „Lenne2/3“ ersetzt. Das ist der Abschnitt zwischen den Umspannwerken Oege und Elverlingsen. Dabei bewegen sich die Arbeiter zum Teil in sehr unwegsamem Gelände. Zwischen Deierte und Letmathe müssen sechs Masten neu gesetzt werden, doch nur zwei Standorte können mit einem Kran angefahren werden. Die übrigen vier Masten müssen mit Hilfe eines Schwerlasthubschraubers errichtet werden, der eigens aus der Schweiz einfliegen musste.

Die auf Montagen aus der Luft spezialisierten Eidgenossen haben am Donnerstag ihre Arbeit in Deierte aufgenommen. Dort lagerten die Einzelteile der Stahlmasten auf einer Wiese. Am Boden wurden sie zunächst vormontiert, bevor der Helikopter sie an einem 30 Meter langen Seil zu ihrem Bestimmungsort fliegen konnte. „Nach dem Unwetter am Donnerstag haben wir bis zum Abend noch zwei Masten aufstellen können“, war Baukoordinator Cali mit dem Ablauf zufrieden.

Am Freitag war der Gigant der Lüfte dann noch einmal im Einsatz. Bis zu 4 Tonnen schwer sind die Teile, die der Helikopter vom Typ SuperPuma transportieren kann. So viel wiegen die größten Teile der im Durchschnitt 43 Meter hohen Masten. Das Fluggerät, das vor allem in der militärischen Ausführung sehr verbreitet und wegen seiner Agilität, Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit geschätzt ist, verfügt über zwei Turbinen mit je 1900 PS, um solche Lasten bewegen zu können.

Einen weiteren Stahlmasten setzten die Arbeiter gam Freitag Stück für Stück aufeinander, wobei ihnen ein fast einstündiger Regenschauer ins Handwerk pfuschte. Darunter zu leiden hatten vor allem die zwölf Monteure, die in luftiger Höhe ausharren mussten, bis der Hubschrauber mit dem letzten Bauteil anfliegen konnte. Ein Abstieg vom Masten und anschließender Wiederaufstieg hätte zuviel Zeit gekostet, und Zeit ist Geld in diesem Geschäft. 130 Euro verlangt das Schweizer Spezialunternehmen für jede Flugminute mit dem 13 Millionen Euro teuren Helikopter.

Mittags war es dann aber geschafft: Auch der dritte Mast stand an seinem Platz, die einzelnen Komponenten waren fest miteinander verschraubt, die Hubschrauber-Crew konnte wieder davonschweben. Ihr nächstes Ziel: Rennes in Frankreich. Einmal werden sie aber noch nach Deierte zurückkehren und auch noch beim Aufstellen des vierten Masten helfen, der am Freitag noch nicht montiert werden konnte.

Ein Riesenaufwand, den Enervie treibt, der aber nach Darstellung des Unternehmens gerechtfertigt ist. „Diese neuen Masten halten jetzt wohl 100 Jahre“, glaubt Franco Lars Cali, dass die erneuerte Hochspannungsleitung mindestens so lange haltbar sein wird wie ihre Vorgängerin. Für den Stromversorger ist die Erneuerung dieser Leitung, bei der auch die Übertragungsleistung erhöht wird, eines der letzten Mosaiksteinchen bei der Optimierung seines gesamten Hochspannungsnetzes. Seit 2002 wurden nach Unternehmensangaben insgesamt 671 Hochspannungsmasten im gesamten Netzgebiet untersucht. An einem Drittel sei Sanierungsbedarf aufgrund von Stahlversprödung festgestellt worden, wie sie bei der Verwendung von so genanntem Thomasstahl zu beobachten ist. 2005 wurde dann ein Sanierungsprogramm mit einem Investitionsvolumen von 20 Millionen Euro begonnen, das vorsieht, dass bis Ende dieses Jahres alle betroffenen Masten saniert werden. Nach Beendigung diese Maßnahme zwischen Garenfeld und Oege werde das Sanierungsprogramm bis auf wenige Masten im Märkischen Kreis abgeschlossen sein, erklärte Enervie-Pressesprecher Köster. ▪ Volker Griese

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