"Heute Abend schäme ich mich"

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Susanne Jakoby und Gerd Schröder am Donnerstagabend. Spurlos geht die Situation nicht an ihnen vorbei.

Nachrodt-Wiblingwerde - Es war ein Abend, an den sich niemand gern erinnern wird. Ein Abend mit Vorwürfen, mit schmutziger Wäsche, mit vielen Emotionen. Mit Ruhm und Ehre bekleckert..., das haben sich die Sozialdemokraten, die ihren Mitgliedern den Eklat der vergangenen Wochen erklären wollten und deshalb zur Versammlung in die Rastatt eingeladen hatten, wahrlich nicht. Und doch: Der Donnerstagabend könnte eine bereinigende Wirkung haben. Gibt es doch ein Ergebnis: Am 17. Mai, also in wenigen Wochen, findet eine Parteiversammlung mit Neuwahlen des Vorstandes statt.

 „Ich war verletzt. Und das bin ich auch heute noch“, erzählte Susanne Jakoby, Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD über die Fraktionssitzung am 8. März, in der massiv ihr Rückzug gefordert worden war. Als sie am nächsten Tag eine E-Mail schrieb und darin – allerdings ohne Termin – versprach, sich zurückzuziehen, sollte eigentlich nichts nach außen dringen.

Doch der Eklat sprach sich rum. Wie das AK berichtete, gab und gibt es eine Spaltung innerhalb der Fraktion, bei der die eine Seite den Wunsch nach einem Neuanfang hegt und sich die andere überfahren, vielleicht auch ungerecht behandelt fühlt. Vermittlungsversuche scheiterten.

 Die Fraktion ist längst ein einziger Scherbenhaufen, der auch am Donnerstag nicht gekittet werden konnte. „Alle Neun haben Scheiße gebaut“, brachte es Rudi Draheim ungeschminkt auf den Punkt. Er war es, der allen Beteiligten gewaltig die Leviten las. „Dein Selbstmitleid in allen Ehren“, so Draheim zu Susanne Jakoby, aber „dein Wunsch, die Posten geordnet abzugeben, ist eine Sache der Partei und nicht deine.“ Und auch Christian Pohlmann bekam „sein Fett weg.“ Reisende, so Rudi Draheim zu Christian Pohlmann, soll man nicht aufhalten.

 Pohlmann versuchte immer wieder, eine Entscheidung herbeizuführen. „Dies ist ein entscheidender Abend.“ Er erzählte, dass bereits seit 2016 und früher Unmut und Unzufriedenheit herrsche, Susanne Jakoby schon damals gedroht habe: ‘Ich habe die Fraktion aufgebaut, ich kann sie auch knallen lassen’, und die Fraktion so massiv zerrüttet war und ist, „dass mittlerweile einige Personen nichts mehr mit Susanne Jakoby zu tun haben wollen“.

 Die eine Hälfte der Fraktion fühlt sich nicht mitgenommen, nicht eingebunden, nicht informiert. Zudem seien Fraktionswahlen verschleppt worden. Doch die Vorwürfe, die Zerrissenheit und die persönlichen Verletzungen waren natürlich nicht an einem Abend zu klären oder zu erklären, geschweige denn den außenstehenden SPD-Mitgliedern verständlich zu machen. Von sachlicher Diskussion weit entfernt, warfen sich die „Kontrahenten“ ihren Kummer zu, während andere entsetzt waren – wie Lotte Glasow, Ulla Büttig und Horst Humme beispielsweise.

„Wie ich das sehe, geht es hier nicht um Politik, nicht um die Partei. Es geht nur um persönliche Befindlichkeiten. Susanne gibt ja zu, dass sie Fehler gemacht hat. Aber nach elf Jahren Arbeit für die Partei und die Fraktion ist es ein Armutszeugnis, ihr die Pistole auf die Brust zu setzen“, so Lotte Glasow. Man hatte durchaus den Eindruck, dass sich die „Altgedienten“ auf die Seite von Susanne Jakoby schlugen.

Tatsächlich geht es um die Forderung, dass Susanne Jakoby alle Ämter und auch ihr Ratsmandat abgibt. Dadurch „wäre der Weg frei für einen Neuanfang und Ronny Sachse würde in den Rat nachfolgen.“ Allerdings wäre dann Susanne Jakoby die Einzige, die ihr Mandat abgeben würde, während alle anderen, die die Fraktion verlassen haben – Christiane Lange, Christian Pohlmann und Rita Joergens – ihr Mandat behalten und sich aktuell für die UWG oder für eine offene Fraktion ausgesprochen haben. Ob sie in die SPD-Fraktion zurückkehren würden? Und welchen „Rattenschwanz“ gebe es, wenn Susanne Jakoby das geforderte Weite sucht?

 Dann würde, so sagt die Fraktionsvorsitzende, auch Matthias Lohmann die Fraktion verlassen. Wer noch? Und wer kann und wird dann den Hut aufsetzen? Keine Frage: Es ist eine verflixte Situation. Unerfreulich. „Erbärmlich“ hatte Gerd Schröder sie genannt. Ganz kurz wurde es auch tragisch, als Aykut Aggül meinte: „Ich fühle mich nicht von dieser Frau vertreten. Sie ist nicht meine Fraktionsvorsitzende und auch nicht meine Parteivorsitzende“ und die angesprochene Susanne Jakoby eben diesem Kollegen vorwarf, alle ihre Posten gerne haben zu wollen.

Grundsätzlich schafften es die Sozialdemokraten aber doch irgendwie, die Diskussion aufrecht zu halten, scharf und ehrlich miteinander umzugehen. Niemand verließ wutentbrannt den Saal, obwohl innerlich wohl alle sehr emotional angegriffen waren. Jeder sieht den anderen als Bösewicht.

Gerd Schröder sprach gar von einem Putsch: „Wenn du etwas verändern willst, sprich es an und mach keine Revolte“, sagte er in Richtung Christian Pohlmann, der sich seinerseits einen Neustart mit motivierten jungen Leuten wünscht und „nur das angesprochen hat, was im Kessel brodelte.“ Dass man die Probleme eher hätte angehen müssen, ist wohl das einzige Fazit, dem alle zustimmen werden. Der Weg für einen Wechsel an der Spitze war schon beschritten, wie Gerd Schröder meinte, aber einigen sei es nicht schnell genug gegangen.

 „Es liegt immer an dem anderen, nie an mir selbst“, gab Rudi Draheim den Kontrahenten mit auf den Weg. Und Ulla Büttig meinte: „Ich bin seit 30 Jahren in der Partei. Aber heute Abend schäme ich mich.“ Nächster Stepp: 17. Mai, 19 Uhr Rastatt. Dann wird ein neuer Parteivorstand gewählt.

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