Sparkassenüberfall: "Permanent unter Strom"

Justitia wird sich noch eine Weile mit dem Raub befassen.

Nachrodt-Wiblingwerde - In welcher Verfassung war der Angeklagte, als er am 25. Februar die Sparkasse in Nachrodt mit vorgehaltener Waffe betrat?

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Von Thomas Krumm

Nach dem umfassenden Geständnis des 35-Jährigen muss die 4. Große Strafkammer des Landgerichts vor allem klären, ob seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit durch die Einnahme von Drogen oder akuten Suchtdruck so stark gemindert war, dass die Tat möglicherweise als minderschwerer Fall zu werten wäre. Denn im Regelfall beginnt das Strafmaß für eine schwere räuberische Erpressung bei fünf Jahren.

Die Zeugenaussagen zur Frage der Drogenabhängigkeit des Angeklagten waren – gelinde gesagt – recht uneinheitlich. Der Räuber habe „ein bisschen zuviel des Guten“ getan, antwortete sein Cousin auf die Frage: „Ist der Angeklagte drogensüchtig?“

Aber der Zeuge berichtete auch von einer Fähigkeit des 35-Jährigen zur Abstinenz: „Wenn er beruflich beschäftigt war, hat er nichts genommen.“ Einen interessanten Hinweis gab der Zeuge zur Frage der Finanzierung von teuren Drogenkäufen trotz einer prekären finanziellen Lage: „Das geht immer.“

Ein Freund, bei dem der Angeklagte in der Zeit des Überfalls untergekommen war, nachdem ihm der Strom abgestellt worden war, nahm nichts Auffälliges wahr: „Wie immer“, sei der Angeklagte gewesen, als er ihn am Morgen kurz nach dem Überfall geweckt habe, erinnerte sich der Zeuge.

Das konnte viel und gar nichts heißen: „Es war alles normal, er hatte keine Ausfallerscheinungen?“, wollte die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen wissen. Die Antwort legte das Gegenteil von dem nahe, was der Zeuge bis dato erzählt hatte: „Er hat permanent unter Strom gestanden.“

An jenem Morgen sei der Angeklagte aber „locker“ gewesen, was auch an der Beute in seinem Beutel gelegen haben mag. So fuhren die beiden Freunde erst zum Hausverwalter in Altena, der Angeklagte zahlte 820 Euro Mietschulden, und dann ging es auf große Einkaufstour nach Lüdenscheid.

Für eine Überraschung im Gerichtssaal sorgte die Freundin des 35-Jährigen: Erst nach längerer Befragung berichtete sie, dass sie sich mit ihm verlobt habe. „Ich bin erstmal da und warte auf ihn.“ Dadurch hätte sie ein umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht gehabt, doch davon machte sie keinen Gebrauch.

„Wir haben sehr viel unternommen“, berichtete sie von einem Leben, das nicht zu einem emotional gebrochenen und abgestumpften Drogensüchtigen passte, der mit seinem Dasein nicht mehr klar kam. Die junge Frau zeigte zudem eine starke Neigung, indirekt Verantwortung für den Überfall zu übernehmen: „Ich habe nicht gemerkt, dass er sein Leben nicht mehr im Griff hatte.“ Stattdessen habe sie ihm noch zusätzlich wehgetan und gelogen über Schläge, die er ihr gegeben hätte.

Der Angeklagte hatte diese angeblichen Schläge vor Gericht vehement bestritten. Dass er der Sparkassenräuber aus Nachrodt war, erfuhr die 25-Jährige erst in einem Hotelzimmer in Iserlohn: „Ich hatte so ein komisches Gefühl im Bauch.“ Deshalb war sie skeptisch, als ihr Freund behauptete, dass er viel Geld an einem Spielautomaten gewonnen habe. „Dann hat er mir erzählt, dass er die Bank überfallen hat an jenem Morgen.“ Der Prozess wird am Freitag ab neun Uhr fortgesetzt.

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