Sorge um die Bäume: Viele Krankheiten machen ihnen zu schaffen

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Gärtner René Hülle am Finkingsen, wo amerikanische (Bild) neben deutschen Eichen stehen.

Nachrodt-Wiblingwerde – 850 Bäume: Gärtner René Hülle kennt sie alle. Und er sorgt sich um viele Bäume in Nachrodt.

Der Sage nach tanzten in lauer Maiennacht die Hexen zu greulicher Musik von Maultrommeln um die Eiche. Und selbst bei strahlendem Sonnenschein kann man sich genau dieses Schauspiel vorstellen. So stattlich, so beeindruckend, so aus einer anderen Zeit entsprungen wirkt der besondere Baum am Finkingsen. 

1964 wurde die Hexeneiche unter Schutz gestellt und ist deshalb nicht in Obhut der Gemeinde. Dafür aber etwa 850 andere Bäume aller Art, um die sich federführend Gärtner René Hülle vom Baubetriebshof kümmert. 

Kataster als Tüv für Bäume

Und er kennt fast jeden einzelnen persönlich. Möglich macht das ein Baum-Kataster, in dem jede Linde, jede Buche, jede Eiche aufgeführt und mit Nummern versehen ist. Das Baum-Kataster ist wie ein Tüv für die Pflanzen. Zu jedem Baum gibt es eine Beschreibung: Baumart, Standort, Nummer. 

Untersucht und notiert wird beispielsweise, ob es leichtes oder starkes Trockenholz gibt, ob der Baum gefällt werden muss oder ob es eine Zwieselbildung gibt. „Das bedeutet, dass sich ein Baum in zwei, drei Metern Höhe von einem Stamm in zwei oder mehrere teilt“, erklärt René Hülle. In der Baumpflege wird dabei noch in V- und U-Vergabelung unterschieden. 

Klare Regeln für Verkehrssicherheit

Ein wichtiges Thema für den Bauhof ist die Verkehrssicherheit und deshalb auch der sogenannte Lichtraumprofilschnitt. Der gesetzlich geforderte lichte Raum über Straßen beträgt viereinhalb Meter. „Es darf nicht in drei Metern Höhe ein Ast über die Straße wachsen“, sagt Volker Richter, Leiter des Bauhofes. 

Am besten für die Bäume wäre es, wenn sie jetzt geschnitten würden. „Da haben sie Saft und können den Schnitt besser verkraften“, sagt René Hülle. Aber das Gesetz schreibt aufgrund der Schutzes der Tiere und der Brutzeit den Schnitt von Oktober bis zum 1. März vor. 

Ein kleiner Teil der Hexeneiche. Sie ist vor zwei Jahren nach einer Sturmböe komplett auseinandergebrochen, hat sich aber jetzt wieder berappelt.

Es ist schon erstaunlich, dass die Bäume im Alltag kaum wahrgenommen werden. Dabei sind sie eigentlich nicht zu übersehen – wie die 69 Linden an der Ehrenmalstraße. Sie sind zwischen 80 und 120 Jahre alt. 

Krankheiten setzen Bäumen arg zu

Auch eine Platane ist dabei. Davon gibt es insgesamt drei: eine steht noch am Dümpel, eine am Spielplatz Nachrodter Feld. An der Sekundarschule musste eine Platane gefällt werden, weil sie hohl und eine Kronenseite komplett auseinandergebrochen war. 

René Hülle macht sich Sorgen um die Bäume. Eigentlich um alle. Aufgrund der Trockenheit gibt es Totholz scheinbar ohne Ende. Auch Krankheiten befallen die Bäume – wie das Eschentriebsterben, eine schwere Baumkrankheit, die durch einen Pilz verursacht wird. 

Auch die Russrindenkrankheit hat Nachrodt-Wiblingwerde erreicht: Absterbende Ahornbäume mit blätternder Stammrinde, unter der schwarzer Staub erscheint, sind ein Zeichen für die Pilzart Cryptostroma corticale. 

Sichtkontrolle mit Werkzeugkoffer

Und natürlich macht der Borkenkäfer großen Kummer. Borkenkäfer bohren sich durch die Rinde ihrer Wirts-Baumarten und legen dort Brutgänge für ihre Nachkommen an. Die Probleme sind sehr vielfältig. Die Kontrolle der Bäume findet meist zweimal, mindestens aber einmal im Frühjahr beim Blattaustrieb statt. 

„Wir führen eine reine Sichtkontrolle durch“, sagt René Hülle, der allerdings auch eine Art Werkzeugkoffer mit Klopfer und Stab im Gepäck hat. Und natürlich muss er auch mit dem Steiger in schwindelerregende Höhe, wenn es um Kronenpflege, einen Astbruch oder Totholzentfernung geht. „Wir haben auch Teleskopsägen dabei, die man noch mal neun Meter ausfahren kann“, sagt René Hülle schmunzelnd. Bis zu 40 Meter hoch sind die Bäume in der Gemeinde. 

Jetzt werden robustere Bäume gepflanzt

Hauptsächlich Linden wachsen in den Himmel. René Hülle hat Lehrgänge besucht und umfangreiche Literatur im Gepäck, um jedem Baum und seinen Besonderheiten gerecht zu werden. Die Nachrodt-Wiblingwerder Bäume sind durch das Kataster scheckheft-gepflegt. Der Baumbestand ist konstant. 

Aufgrund der Veränderung des Klimas werden bei Neupflanzungen robustere Bäume genommen, wie die Hainbuche. Als das Baugebiet Niggenhuser Hof entstand, wurden 21 Bäume gepflanzt, darunter Spitzahorn, Feldahorn und Eberesche. 

Die Baumpflege einzuhalten, ist schwer. „Normalerweise müsste das Gesetz gelockert werden“, sagte René Hülle mit Blick auf die Extremsommer. Sein Lieblingsbaum ist die Deutsche Eiche. „Weil sie robust und schön ist. Und ein Totast fällt nicht sofort raus. Ich kenne Eichen, bei denen hat mir schon mein Opa gesagt: Der Ast da oben war schon tot, als ich klein war.“ Eichen brauchen allerdings viel Platz. Sie in einen „Blumentopf“, also in einen Minimalraum einzupflanzen, ist nicht sinnvoll."

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