SoKo Respekt: Bündnis gegen Gaffer und Störer

+
Ein Zeichen setzen wollen Bürgermeisterin Birgit Tupat und SoKo-Vorsitzender Jens Hoffmann.

Nachrodt-Wiblingwerde – Sie behindern Rettungseinsätze, filmen Schwerverletzte und pöbeln Polizisten an: Gegen Gaffer und Störer zeigt der Verein SoKo Respekt klare Kante - und die Gemeinde macht mit.

Kaum ein Tag vergeht in Deutschland, an dem nicht ein tätlicher Angriff stattfindet. Die massiven Ausschreitungen in Stuttgart sind aktuell die Spitze des Eisbergs. 

Um ein klares Zeichen zu setzen, einen deutlichen Rückhalt für Polizei und Rettungskräfte zu zeigen, ist die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde dem Verein SoKo Respekt beigetreten. 

Der Lüdenscheider Verein leistet Aufklärungs- und Präventionsarbeit, um der zunehmenden Gewalt gegenüber Einsätzkräften entgegenzuwirken. Gedreht wurde dafür ein emotionales Imagevideo, bei dem dem Zuschauer eine Gänsehaut über den Rücken läuft. 

Täglich bis zu 50 neue Mitglieder

„Als das Video rauskam, haben wir es ganz schnell geteilt und sind sofort dem Verein beigetreten“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat. Nachrodt-Wiblingwerde war somit die erste Kommune im Kreis.

Stand heute gibt es 1198 Mitglieder. „Täglich treten 30 bis 50 ein“, sagt Jens Hoffmann, Vorsitzender von SoKo Respekt. „Wir arbeiten ausschließlich mit Spendengeldern“, so der 43-Jährige. Eine Mitgliedschaft ist kostenlos. Und jeder ist willkommen. SoKo Respekt wurde vor drei Jahren gegründet und geht gegen Respektlosigkeit vor. „Wir wollen die Leute einfach wachrütteln. 

"Respektlosigkeit nimmt Überhand"

Wenn Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste und alle anderen sozial Tätigen ihre Arbeit machen, dann lasst sie bitte arbeiten und stört sie nicht“, appelliert Jens Hoffmann. „Die Realität sieht oft ganz anders aus. Die Respektlosigkeit nimmt Überhand.“ Warum das geschieht, ist nicht klar zu benennen. 

„Das Problem sind die sozialen Medien“, meint Jens Hoffmann. „Die Leute posten Fotos ohne Hirn, machen Bilder von Verletzten oder Verstorbenen und lösen damit einen Riesenhype aus.“ 

Aber damit nicht genug: Helfer geraten immer mehr selbst in Bedrängnis. SoKo Respekt möchte zukünftig auch ein Melderegister anlegen – ein gemeinschaftliches Portal, in dem Rettungskräfte tätliche Übergriffe angeben können. „Wir haben schon Kontakt zur Uni Bonn aufgenommen, ob sie uns mit ihrem Knowhow unterstützen könnte“, sagt Jens Hoffmann. 

Anfeindungen auch in der Doppelgemeinde

Dass Übergriffe nicht nur in großen Städten stattfinden – allein in Berlin gab es 211 Angriffe gegen Feuerwehrleute in 2019 – sondern auch Nachrodt-Wiblingwerde keine Insel der Glückseligen ist, erzählt Ordnungsamtsleiter und Feuerwehrmann Sebastian Putz. 

„Das fängt bei Einsätzen damit an, dass Leute die Tür des Fahrzeuges aufreißen und fordern, dass der Motor ausgestellt wird. Straßensperren werden nicht hingenommen, weil sie ja freie Bürger Deutschlands sind, und andere meinen, kluge Ratschläge geben zu müssen, wie die Feuerwehr am besten ein Auto aufmachen kann, damit der Rettungsdienst die verletzte Person versorgen kann.“ 

Es wird gepöbelt, gestritten, geschimpft. Und wenn jemand verunfallt, wollen es alle mitbekommen. Am besten hautnah. „Erfreut man sich da am Unglück anderer?“, fragt Bürgermeisterin Birgit Tupat. „Guck mal, was ich erlebt habe“, könnte sich Jens Hoffmann eine Motivation des Vorgehens vorstellen. 

SoKo  bekannt machen

Er weiß, wovon er spricht. Jens Hoffmann ist Feuerwehrmann, Leitstellendisponent und hat sich zehn Jahre um die Kreisjugendfeuerwehr gekümmert. Auch er trägt Erlebnisse mit sich herum. „Wohnung, dritter Stock. Wir haben versucht, einen Mann wiederzubeleben. Auf einmal standen wildfremde Menschen in der Wohnung des Patienten. Ein Paketzusteller war dabei, der uns lautstark anschrie, dass wir den Wagen vor der Tür wegfahren sollten.“ 

Die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde ist jetzt nicht nur stilles Mitglied im Verein SoKo Respekt. Bei Lenne lebt könnte man das Thema im nächsten Jahr präsentieren. Oder auch als Infoveranstaltung im Jugendzentrum. 

Pöbler gefährden Einsätze

„Je mehr man darüber weiß, wie die Einsatzkräfte arbeiten, umso größer ist die Chance, gegen die Respektlosigkeit vorzugehen“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat. „Der Einsatzerfolg ist ganz maßgeblich von den ersten drei, vier Minuten abhängig. Wenn die Leute rumpöbeln und die Einsatzkräfte nicht dahin lassen, wohin sie wollen, ist der Einsatz ganz maßgeblich gefährdet“, so Jens Hoffmann. 

Dass die SoKo Respekt Erfolge durch Aufklärung erzielen kann, glaubt Sebastian Putz ganz sicher: „Wenn ich einen von 100 Gaffern habe, der es dann nicht mehr macht, dann ist es schon ein Erfolg.“ 

Und Jens Hoffmann sagt: „Wenn ich mit der ganzen Arbeit nur ein einziges Menschenleben retten kann, dann hat es sich schon gelohnt. Doch der Erfolg wird nicht messbar sein. Aber die Einsatzkräfte bekommen eine Stimme. Und das Netzwerk wird immer größer."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare