Ein Feuerwerk, viel Kritik, zwei Meinungen

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Knallen oder nicht? Das ist heute die Frage.

Nachrodt-Wiblingwerde – Wenn man mitten in der Nacht in einem Stall steht, friert und ein Pferd beruhigt, dann kann man auf den Sekt getrost verzichten. Das frohe neue Jahr, das andere knallend begrüßen, beginnt bei Dirk Preising eher besorgt. Das Thema "Silvester-Feuerwerk" bewegt die Menschen auch in Nachrodt-Wiblingwerde. Es geht um Feinstaub. Es geht um Müll. Aber auch um Tradition. Und zum Finale Pro- und Contra-Kommentare.

„Die Stute hatte schon alles vollgeäppelt, sie war nervös und stand ganz apathisch am Rand“, erzählt der Veserder vom vergangenen Silvester. Ob es in diesem Jahr anders wird? Wahrscheinlich nicht. „Man sieht nur Rauchschwaden. Und sie ziehen gar nicht ab“, sagt Dirk Preising. Was am Silvesterfeuerwerk schön sein soll, kann er nicht nachvollziehen. Und auch andere Nachrodt-Wiblingwerder, die das AK befragte, äußerten sich kritisch, wie der Bürgerbusvereins-Vorsitzende Dieter Nölke zum Beispiel, der lieber Geld spendet als es in die Luft zu schießen. 

Verkäufe in Höhe von rund 133 Millionen Euro

Apropos Geld: Im Jahr 2019 erzielte die Branche Verkäufe in Höhe von rund 133 Millionen Euro. Die pyrotechnische Industrie beschäftigt etwa 3000 Mitarbeiter in Deutschland, die Fertigung findet allerdings fast ausschließlich in Fernost statt. Die Reihe der Argumente gegen ein Silvesterfeuerwerk nimmt in diesen Tagen augenscheinlich kein Ende. Neben dem Tierwohl ist es die Feinstaubbelastung, die viele als überflüssig ins Feld führen. Jedes Jahr werden durch Feuerwerkskörper laut Umweltbundesamt 5000 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Das ist nicht wegzudiskutieren. Mit dem Wissen um Klimawandel und Umweltzerstörung solle man anfangen, die Natur zu bewahren. Und: Der Umgang mit Feuerwerkskörpern werde immer unverantwortlicher. Jugendliche würden Briefkästen in die Luft sprengen, Böller und Raketen in Hauseingänge werfen oder damit Mülltonnen in Brand setzen.

 Wobei man automatisch beim Thema Gefahr ist. Der Hersteller „Weco“ muss laut Focus-Online drei seiner Feuerwerk-Produkte zurückrufen, da sie nicht den Anforderungen der Pyrotechnik-Richtlinie und der einschlägigen europäischen Norm EN 15947 entsprechen. Beim Gebrauch kann es zu Gehörschäden, Verbrennungen und anderen Verletzungen kommen. Und wenn alle Feuerwerke abgebrannt sind, bleibt zudem ein Haufen Müll zurück. Rund 191 Tonnen seien es allein in den fünf größten Städten in Deutschland, also in Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt am Main, so der Verband kommunaler Unternehmen. 

Es ist ein gesellschaftliches Event

Gegen diese Vielfalt von Argumente gegen ein Silvesterfeuerwerk gibt es nur die Tradition. Es ist ein gesellschaftliches Event. Weltweit. Wie der Interessenverband der Pyroindustrie mitteilt, wird in Südeuropa zur Osterzeit geböllert. „Großbritannien und die USA feiern ihre Nationalfeiertage wie den Guy Fawkes Day oder Independence Day mit Feuerwerken. Die Franzosen zünden Raketen in Erinnerung an die Geburtsstunde der Revolution und in der Schweiz werden Knaller zur Feier des Nationalfeiertages gezündet. Für Japan ist die Feuerwerkerei eine eigene, hoch geachtete Kunstform mit bekannten Meistern. Im Sport feiert die ganze Welt darüber hinaus das Finale einer Fußballweltmeisterschaft mit einer Pyro-Einlage.“

Die Kommentare

Auch in der Redaktion ist man sich nicht einig - und schickt deshalb zwei Kommentare für und gegen das Silvesterfeuerwerk ins Rennnen.

Pro Feuerwerk von Susanne Fischer-Bolz

Ich fühle mich umzingelt. Umzingelt von Verboten und Gesetzen, von Schwarzmalerei und Szenarien, die Angst und Schrecken verbreiten. Springen 100 Leute auf einen Zug, gibt es eine Lobby, später einen Hype. Ich plädiere für etwas mehr Gelassenheit, auch beim Thema Silvesterfeuerwerk. Im 14. Jahrhundert, ich gebe zu, ich habe nachlesen müssen, brachten arabische Händler das Feuerwerk nach Europa. Besonders in der vergnügungssüchtigen Zeit des Barock gehörte es an den europäischen Höfen bald traditionell zum guten Ton, bei Festen und Feierlichkeiten seine Gäste mit einem Feuerwerk zu unterhalten. Und genau das ist es auch heute: Unterhaltung. Und geliebte Tradition. Bei mir ist es üblich, eine Rakete mit einem Wunschzettel in den Himmel zu schießen. Freude am Farbenspiel. Glücksmomente. Kindheits-Erinnerungen: Das sind reine emotionale Gründe, die absolut schwach gegen Feinstaub und Tierwohl daherkommen, aber doch wichtig und notwendig für unser aller Leben sind. Ich gebe zu: Knallerei, die einfach nur bumm macht, gefällt mir nicht. Aber bitte: wer es mag. Leben und leben lassen. Toleranz statt erhobener Zeigefinger. In der ach so korrekten Welt, die jeden an den Pranger stellt, der irgendetwas „aktuell Ungehöriges“ tut, geht man doch ein wie eine Primel.

Contra Feuerwerk von Thomas Bender

Böller und Raketen zum Jahreswechsel? Hört man sich um, dann findet man gefühlt kaum noch jemanden, der das gut findet. Deshalb frage ich mich, wo das ganze Zeug eigentlich herkommt, das in diesen Tagen verballert wird. Was für ein Umweltfrevel das ist, habe ich vor vier Jahren massiv erfahren, als wir auf der Rückkehr von der Silvesterfeier bei Freunden entlang der Lenne durch die Grüne fuhren. Es herrschte eine invasive Wetterlage, der Nebel drückte auf den Fluss. So konnte der Pulverdampf nicht nach oben abziehen. Sicht keine zehn Meter, die Luft zum Schneiden dick – auch das ist Silvesterböllerei. Nie zuvor hatte ich so drastisch gemerkt, welche Mengen an Giftstoffen da in die Luft gejagt werden. Über Tiere wird viel gesprochen und geschrieben im Zusammenhang mit Feuerwerk. Und natürlich ist es richtig, dass die durch die Knallerei oft in Panik geraten. Gleiches gilt für manche Menschen – ich habe noch welche kennen gelernt, die die Böllerei an den Krieg erinnerte und bei denen deshalb in den Silvesternächten schlimme Erinnerungen wach wurden. Genauso mag es manchem gehen, der aus Syrien oder anderen Kriegsgebieten nach Deutschland gekommen ist, um hier bei uns Schutz zu suchen. Zugegeben: Angucken tue ich es mir schon ganz gerne, so ein Feuerwerk. Ich könnte aber auch ohne oder so, wie wir es ganz früher mit unseren Kindern gemacht haben, als die noch klein waren: Krach und Licht in der Silvesternacht sollen ja die bösen Geister vertreiben, worauf die Kiddies Wert legten. Also haben wir Fackeln in den Garten gestellt und mit alten Töpfen ordentlich Radau gemacht. Hat funktioniert, unser Garten ist seither frei von Geistern.

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