Ein BH für Berta

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Mit Stethoskops: "Besonders bei den Buchen kann man gut hören, wie das Wasser bis in die Blätter zieht", sagt Karl-Heinz Tacke.

Nachrodt-Wiblingwerde - „Ich warte darauf, dass jemand einen BH daran hängt“, lacht Karl-Heinz Tacke. Tante Berta ist wohlgeformt. Von Natur aus. Die Fichte ist einfach so witzig gewachsen. Tante Berta ist eine Art Oberlehrerin, die im grünen Klassenzimmer die Gäste begrüßt. Der Waldlehrpfad am Lohagen liegt Karl-Heinz Tacke besonders am Herzen. Er selbst wollte eigentlich Förster werden. Aber dann war es eine Schokolade mit einem kleinen Zettelchen drin, die sein Leben veränderte. Das AK traf ihn im Rahmen der Serie „Zu Besuch bei...“

Die Schokolade. Die kam später. In der Schule belegte der Halveraner Karl-Heinz Tacke zunächst Latein, weil er unbedingt Förster werden wollte. „Doch dann kam mein Vater aus der russischen Gefangenschaft und meinte, dass ich den Hof übernehmen sollte. Deshalb habe ich eine dreijährige landwirtschaftliche Ausbildung gemacht und bin dann zur Landwirtschaftsschule nach Lüdenscheid gegangen. Dort habe ich meine Frau kennengelernt, die in der Hauswirtschaftsabteilung war“, erzählt Karl-Heinz Tacke beim Spaziergang durch den Wald.

 Die Mädchen waren damals streng von den Jungs getrennt. „Aber in der Pause standen die Mädchen oben am Fenster. Dann habe ich eine Tafel Schokolade hochgeworfen. Daran war ein Zettelchen: Können wir uns mal treffen?“

Lisa sagte ja – und so kam Karl-Heinz Tacke zum Hallenscheid, hat dort eingeheiratet sozusagen. Den Hof in Halver übernahm der Bruder, der eigentlich Lehrer werden wollte. Mit Lisa ist Karl-Heinz Tacke jetzt 58 Jahre verheiratet. Vier Kinder hat das Paar. Und der jüngste Sohn hat längst den Hof übernommen.

Den Lebenstraum, Förster zu sein, hat sich Karl-Heinz Tacke doch ein bisschen erfüllen können. „Wir Menschen profitieren vom respektvollen Umgang mit der Natur und die Natur profitiert gleichermaßen“, sagt der Nachrodter, der immer und immer wieder Schulklassen und andere Interessierte über den Waldlehrpfad führt, um sie für die Schönheit zu sensibilisieren.

„Schütze die Natur, Wasser, Wald und Flur“ ist das Motto. „Das ist wichtig, nicht ich. Ich bin nur ein kleiner Fisch“, meint der fast 81-Jährige und zeigt am Wegesrand eine Wegwarte, die mit ihren himmelblauen Blüten besonders morgens zwischen sechs und 11 Uhr intensiv blüht. Gleich nebenan steht die Elsbeere, eine seltene Laubbaumart. „Die rötlichen Beeren hat man früher gegen Magenbeschwerden gegessen“, erzählt Karl-Heinz Tacke.

Heilpflanzen gibt es allerorts, wie auch der Breitwegerich, der Bruder des Spitzwegerichs. „Der Breitwegerich hat eine antiseptische Wirkung“, sagt der Naturliebhaber und zeigt, wie man die Blätter auf eine Wunde legt. Früher haben die Mädchen auch die Fäden der Pflanze gezählt, um die Anzahl ihrer zukünftigen Kinder zu erfahren – also ähnlich wie beim Gänseblümchen „er liebt mich, er liebt mich nicht.“

 „Kinder, die man für die Natur begeistern kann, sind ganz anders gestrickt. Sie sind besser in der Schule und auch belastbarer“, ist sich Karl-Heinz Tacke sicher. Und er würde sich wünschen, dass Ausflüge in die Natur mehr von der Politik gefördert würden, dass Geld dafür zur Verfügung gestellt würde. Dass man jungen Leuten nicht oberlehrerhaft, sondern spielerisch die Natur näher bringen kann – dafür ist Karl-Heinz Tacke bekannt. Er zückt ein Stethoskop. „Besonders bei den Buchen kann man hören, wie das Wasser bis in die Blätter zieht.“ Ein Quadratmeter Waldboden kann 200 Liter Wasser speichern. Und Karl-Heinz Tacke ist sich sicher, dass die Bäume miteinander kommunizieren. „Wenn ein Baum beschädigt wird, dann sendet er Botenstoffe über die Blätter aus. Die anderen Bäume merken das und bilden Resistenzen.“ Auch der bekannte Förster Peter Wohlleben ist sich dessen sicher. „Ich habe seine Bücher gelesen. Der Mann hat recht“, sagt Karl-Heinz Tacke.

 1964 hat der Naturschützer die Jägerprüfung gemacht und hat eine Jagd am Hallenscheid – „Vom Knerling bis zur Schmalsgotte. Ein sehr schönes Revier.“ Dass Jäger Anfeindungen ausgesetzt sind, weil sie „Tiere abknallen“, weiß Karl-Heinz Tacke nur zu gut. „Es gibt schwarze Schafe bei den Bonzenjägern. Die laden ihre Gäste ein, und dann wird geschossen, was kommt. Ich schieße nur das, was geschossen werden muss. Und sobald das Geschoss auftrifft, ist das Tier schon tot. Es hört nicht mal den Knall“, erzählt Karl-Heinz Tacke.

36 Wildschweine hat er im vergangenen Jahr geschossen. Er ganz allein. „Man muss sich in die Situation der Wildschweine reindenken“, so der Jäger, der in seinem Revier drei Bäche hat. „Da haben die Tiere Schutz. Ich beobachte sie. Da wird nicht geschossen. Man darf die Tiere nicht immer und überall bejagen.“ Die Natur. Die Tiere. Karl-Heinz Tacke ist ein Mann, der diesen Dingen Respekt zollt. 25 Kitze hat er mit der Hand aufgezogen. „Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Landwirt oder Förster würde ich sofort wieder werden. Geld ist nicht alles.“

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