Rennerder segelt auf der Brigg „Roald Amundsen“ über die Ostsee

Werner May genießt die große Freiheit auf See

Werner May musste auf der „Roald Amundsen“ natürlich mit anpacken. Das gehört für die Trainees an Bord dazu.

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Nächste Woche sticht Werner May aus Rennerde wieder in See. Mit dem Zweimaster „Roald Amundsen“ kreuzt er dann auf der Ostsee. Schiffe sind seine Leidenschaft.

Fotos von der "Roald Amundsen"

Segeltörn auf der "Roald Amundsen"

Mit 18 Jahren packte den gelernten Bankkaufmann und späteren Sozialarbeiter des Kreisjugendamtes das für einen waschechten Sauerländer eher ungewöhnliche Hobby Segeln. Er kaufte eine kleine Jolle, die er auf dem Dachträger seines Autos transportieren konnte und brachte sich das Segeln selber bei. Später machte May den Binnen- und Hochseeschein, denn mit immer größer werdender Familie wurden auch die Boote immer größer. Nach einem Kajütboot folgte ein holländisches Plattbodenschiff, danach eine Zehn-Meter-Yacht.

Ein schwerer Motorradunfall im Jahr 2005 hätte Werner May beinahe das Leben gekostet. Gegen die Prognose, den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen zu müssen kämpfte er zwar erfolgreich an. Alleine oder mit Hilfe seiner Frau sein Boot zu steuern, war ihm anschließend aber nicht mehr möglich. Auf sein Hobby verzichten wollte und konnte er dennoch nicht. „Wer einmal Seeluft geschnuppert hat, den lässt diese Leidenschaft nicht mehr los“, sagt May.

So nahm er auf Anraten seiner Frau Kontakt zum Verein „LebenLernen auf Segelschiffen“ auf, deren Schiff, die Brigg „Roald Amundsen“, er schon öfters bewundert hatte. Der Verein bietet Schulklassen und Gruppenreisenden, aber auch Einzelpersonen die Möglichkeit, gegen einen Mitgliedsbeitrag im Verein – das ist aus Versicherungsgründen erforderlich – und einem bezahlbaren Reisepreis einen Törn an Bord als Trainee mitzuerleben. Mindestens 17 Personen sind als Stammcrew an Bord, für 30 zahlende Gäste ist zusätzlich Platz und Arbeit vorhanden. Die Stammcrew rekrutiert sich aus ehemaligen Marinesoldaten, Handels- und Sportschiffern. Aber auch jeder, der als Trainee an Bord geht, kann sich über die Posten Deckshand-Anwärter, Decks-hand und Topsgast und mit den erforderlichen Segelscheinen für Sportboot, Traditionssegler und Hochseesegler in der Hierarchie nach oben arbeiten.

Vor zwei Jahren segelte Werner May zum ersten Mal auf der Roald Amundsen mit, am Mittwoch, 3. April, wird er in Oostende den nächsten Törn antreten. Ziel ist diesmal Kiel, wo das Schiff auf die Werft kommt. Die anfallenden Arbeiten dort werden zum großen Teil ebenfalls von Vereinsmitgliedern ehrenamtlich ausgeführt. Im vergangenen Herbst war May an Bord, als das Schiff vor Vigo in Spanien auf dem Weg nach La Palma in einen Sturm mit orkanartigen Böen geriet. „Die Amundsen ist absolut hochseetauglich, sie ist zertifiziert für weltweite Fahrten“, erklärt May, den jeweils an den ersten Tagen an Bord die Seekrankheit plagt. In La Palma ging er wieder von Bord, denn er wollte Weihnachten zu Hause sein. Die Brigg nahm von dort Kurs auf die Karibik, steuerte Tortola, die größte der Britischen Jungferninseln, an.

„Als Trainee muss man alle anfallenden Arbeiten an Deck erledigen, dem Smut in der Kombüse helfen, Wache gehen und auch mal ins Rigg klettern. Von dort hat man einen traumhaften Blick und jeder ist mehrfach so gesichert, dass er nicht abstürzen kann“, berichtet May vom Leben an Bord. „Die Royalrah ist in 36 Meter Höhe über dem Deck, es gibt 18 Segel und fünf Kilometer Tauwerk an Bord des 52 Meter langen Schiffes.“

In seemännischer Gemeinschaft auf einer Brigg zu leben, zu arbeiten und die große Freiheit zu genießen – das ist es, was Werner May an der „Roald Amundsen“ reizt. Selbst sehr bequeme Jugendliche erfahren schnell, dass jede Hand an Deck gebraucht wird und man sich in dem maritimen Mikrokosmos an Bord nicht ausklinken kann. „Das sind ganz wertvolle Erfahrungen für die jungen Menschen. Hier ist der Teamgeist überlebenswichtig. Die Jugendlichen müssen sich in das soziale System einfügen, und bei vielen sieht man in relativ kurzer Zeit eine positive Verhaltensänderung“, gibt May die Idee des Vereins wieder. Und er schwärmt im frostigen Rennerder Frühling von den fernen, den wärmeren Zielen der „Roald Amundsen“: St. Malo, Guernsey, die kanarischen Inseln… - sis

Die "Roald Amundsen"

Die Roald Amundsen ist ein 1952 auf der Roßlauer Werft in Dessau gebautes, deutsches Stahlschiff, benannt nach dem norwegischen Polarforscher Roald E. G. Amundsen. Nach verschiedenen Einsätzen, unter anderem als Tank- und Versorgungsschiff der Nationalen Volksarmee (NVA), erhielt es 1992 erstmals Masten und Segel und wurde damit zur Brigg (Zweimaster mit Rahsegeln) umgebaut. Das Schiff mit schwarzem Rumpf und weißem Aufbau am Heck ist 49,80 Meter lang und 7,20 Meter breit. Ziel seiner Fahrten ist es, Menschen die klassische Seemannschaft auf Traditionsschiffen beziehungsweise -seglern nahe zu bringen, sowie die Völkerverständigung und die Begegnung der Generationen an Bord zu fördern. Heimathafen der Roald Amundsen ist heute Eckernförde. Von hier aus unternimmt sie in den Sommermonaten meist Fahrten durch die gesamte Ostsee von der Dänischen Südsee bis ins Baltikum und auf der Nordsee. Im Herbst nimmt die Roald Amundsen Kurs auf wärmere Gegenden, in denen sie den Winter verbringt, bis sie im Frühjahr wieder auf Heimatkurs geht.

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