Besondere Bestattung: Nachrodter Verstorbene finden in der Nordsee letzte Ruhe

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Bei der Seebestattung der Reederei Albrecht in Carolinensiel finden die Verstorbenen aus Nachrodt-Wiblingwerde in der Nordsee vor Holland ihre letzte Ruhestätte.

Nachrodt-Wiblingwerde – Keine Trauerfeier. Keine Namenstafel. Kein Grabstein. Stirbt ein Mensch mittellos und ohne Hinterbliebene in Nachrodt-Wiblingwerde, bekommt er eine Seebestattung in der Nordsee. Keine ganz alltägliche Form.

Vom Hafen Scheveningen verlässt das Schiff die Küste und steuert in ruhige Gewässer der Nordsee. „Das ist ein festgelegtes Gebiet im Meer, wo kein Wassersport betrieben werden darf und auch nicht getaucht wird“, sagt Bestatter Andreas Martin, der sich für die Doppelgemeinde sowie auch für Altena und Halver seit fünf Jahren um die ordnungsbehördlichen Bestattungen kümmert. In der Nordsee werden die Urnen zu Wasser gelassen. 

30 bis 40 im Jahr. 30 bis 40 Menschen, die niemanden hatten, der sich um die Beerdigung kümmern konnte oder kümmern wollte. Dennoch, und das betont Bestatter Andreas Martin ausdrücklich, wird jeder Mensch pietätvoll bestattet. „Jeder bekommt einen vernünftigen Sarg, lackiert und mit Griffen, innen ausgeschlagen und mit einer Decke und einem Kissen versehen“, sagt der Bestatter. 

Scheveningen in den Niederlanden: Von dort sticht das Schiff mit den Urnen in See.

Die Verstorbenen werden in ein Krematorium nach Waltrop gebracht, wo eine Einäscherung etwa zwei Stunden bei 1200 Grad dauert. Die Einäscherung ist nicht anonym, und auch die Urnen tragen die Namen der Verstorbenen, die der Bestatter dann an die holländische Rederei übergibt. „Natürlich werden die Urnen weder per Post verschickt noch im Kofferraum eines Autos gestapelt, sondern mit dem Bestattungswagen würdevoll transportiert“, erzählt Andreas Martin. 

See-Urnen bestehen übrigens gänzlich aus einem biologisch abbaubaren Material, das sich im Meerwasser vollständig auflöst. Für den Altenaer Bestatter spielt es keine Rolle, ob der Verstorbene ein Obdachloser, ein Alleinlebender war oder eine große Familie hatte.

Gemeinde muss nach Angehörigen forschen 

Die Menschen, die ordnungsbehördlich bestattet werden, sind nicht grundsätzlich ohne Verwandte. Aber manchmal sind diese nicht so leicht zu finden oder möchten sich aufgrund von erlittenem Leid mit dem Toten nicht kümmern. Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz wird dann gerufen, wenn sich niemand für die Beerdigung zuständig fühlt. Dann muss er nachforschen, ob es Angehörige gibt. 

Nach geltendem Gesetz sind in der nachstehenden Rangfolge zur Bestattung verpflichtet: Ehegatten, Lebenspartner, volljährige Kinder, Eltern, volljährige Geschwister, Großeltern und volljährige Enkelkinder. 

„Soweit diese ihrer Verpflichtung nicht oder nicht rechtzeitig nachkommen, hat die örtliche Ordnungsbehörde der Gemeinde, auf deren Gebiet der Tod eingetreten oder der Tote gefunden worden ist, die Bestattung zu veranlassen“, heißt es im Gesetz über das Friedhofs- und Bestattungswesen. 

Verpflichtung gilt auch ohne Kontakt

Aus der Verpflichtung kommen Angehörige nicht heraus. Auch das häufigste Argument, seit Jahren keinen Kontakt zu haben, spielt für das Gesetz keine Rolle. Traumata aus der Vergangenheit können die Bestattungspflicht ebenfalls nicht außer Kraft setzen. 

„Das tut mir auch leid, wenn ich die Geschichten höre. Und es ist manchmal durchaus tragisch, wenn ich dann weiß, warum man 30 Jahre keinen Kontakt hatte“, sagt Sebastian Putz. Doch dem Ordnungsamtsleiter sind die Hände gebunden. Denn auch bei zerrütteten Familienverhältnissen ist eine Verlagerung der Kosten auf die Allgemeinheit nicht tragbar. 

Die Befreiung von Kosten setzt ein schweres, vorwerfbares Fehlverhalten des Verstorbenen gegenüber dem Kind voraus. Dies geht beispielsweise aus einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Schleswig-Holstein hervor. Und: „Von der Erstattungsforderung ist abzusehen, wenn der Verstorbene schwere Straftaten zulasten des Bestattungspflichtigen begangen hatte“ (Oberverwaltungsgericht Lüneburg, Beschluss vom 13.07.2005; VG Stade, Urteil vom 27.07.2006 - 1 A 539/05). 

Der Umstand allein, dass sich Familienmitglieder also räumlich und emotional voneinander entfernt haben und die traditionellen familiären Beziehungen nicht mehr unterhalten, führen nicht zur Anerkennung einer besonderen Härte. 

Bestattung kostet rund 1000 Euro

Unerheblich ist auch, ob sich der Verstorbene um sein Kind gekümmert habe oder nicht. Die Behörde muss sich also die Bestattungskosten zurückholen. Und das sind rund 1000 Euro.

„Doch im Normalfall sind keine Angehörigen da und die Kosten verbleiben bei der Gemeinde“, sagt Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz. Andererseits – und das ist die Regel – haben Verstorbene zu Lebzeiten oft Vorsorge für ihr Ableben getroffen. Oftmals ist auch Geld eigens dafür gespart worden. Wenn die Wünsche des Verstorbenen bekannt sind und Geld vorhanden ist, werden diese natürlich erfüllt. Übrigens: Eine eigene Kostenstelle im Haushaltsplan für ordnungsbehördliche Beerdigungen gibt es nicht.

Fünf Seebestattungen pro Jahr

In Nachrodt-Wiblingwerde gibt es im Jahr durchschnittlich fünf solcher Bestattungen. Die Seebestattungen, die die Doppelgemeinde, Altena und Halver nutzen, sind nicht alltäglich. Aber auf jeden Fall kostengünstig.

Andere Städte gehen andere Wege. In Köln wurden die Verstorbenen lange Zeit eingeäschert, die Urnen bei einer anonymen Massenbestattung ohne Trauerfeier und ohne Geistlichen auf einer Wiese des Kölner Nordfriedhofs beigesetzt.

Doch die anonyme Bestattungspraxis wurde abgeschafft. Eine Steele weist heute Namen und Gräber aus. Auch ein monatlicher ökumenischer Gottesdienst wurde für Unbedachte ins Leben gerufen. In Iserlohn fand in dieser Woche unter dem Titel „Jeder Mensch ist wichtig“ in der Friedhofskapelle am Hauptfriedhof eine Gedenkfeier für ordnungsbehördlich Bestattete statt.

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