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Schwein gehabt? Von wegen: Der Kampf ums Überleben

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Von Mai 2021 bis Mai 2022 haben etwa 1900 Schweinehalter in Deutschland aufgegeben. Hier: Ein Leckerchen für ein Schwein von Regina Weustermann.
Von Mai 2021 bis Mai 2022 haben etwa 1900 Schweinehalter in Deutschland aufgegeben. Hier: Ein Leckerchen für ein Schwein von Regina Weustermann. © Fischer-Bolz, Susanne

„Schwein gehabt“, sagt man gern. Und wahrscheinlich stammt die Redewendung aus dem Mittelalter, als der Letzte bei sportlichen Wettkämpfen ein Schwein als Trostpreis bekam. Etwas Wertvolles damals. Heute ist das Image des Schweins im Keller. Und die Schweinehalter kämpfen ums Überleben. Ein Blick nach Brenscheid.

Nachrodt-Wiblingwerde – Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) spricht von einer „in diesem Ausmaß noch nie da gewesene Vielfachkrise“. Mittendrin im Dilemma: Regina Weustermann, Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Märkischer Kreis, die auf ihrem Hof in Brenscheid die Anzahl ihrer Schweine stark reduziert hat. Reduzieren musste. Von Mai 2021 bis Mai 2022 haben etwa 1900 Schweinehalter in Deutschland aufgegeben. Das sind jeden Tag fünf Betriebe.

Keine Planungssicherheit

Die Gründe liegen auf der Hand: hohe Kosten, geringe Erlöse. Kostendeckend kann niemand mehr arbeiten. „Energiekosten, Diesel, Sprit, Getreide, Versicherung, Tierarztkosten, die Erweiterungsauflagen, die Haltungsvorschriften und keiner weiß, wohin die Reise geht“, fasst Regina Weustermann die Probleme zusammen. Es gibt keine Sicherheit dafür, dass das, was die Schweinehalter heute investieren, auch in zehn oder vielleicht 15 Jahren noch relevant ist.

Tierbestand reduziert

Regina Weustermann selbst kann sich gar nicht vorstellen, ohne Schweine zu leben. Aber auch sie muss im Hier und Jetzt handeln, hatte früher 150 Sauen auf dem 500 Jahre alten Hof. 2013 waren es dann noch 120, „um die Kriterien zu erfüllen.“ Das waren beispielsweise die Vorgaben, dass Sauen in Gruppen und nur eine gewisse Zeit einzeln gehalten werden durften. Und jetzt gibt es weitere umzusetzende Kriterien, unter anderem fürs Deckzentrum – das ist dort, wo die Eber stehen und die Sauen die Anreize bekommen, dass sie rauschig werden. Regina Weustermann hat einen Eber, aber sie hat ihren Tierbestand so weit runtergefahren, dass sie nur noch die Tiere großzieht, die sie selbst direkt vermarktet.

Regina Weustermann hängt an ihren Schweinen: „Ich bin damit aufgewachsen“.
Regina Weustermann hängt an ihren Schweinen: „Ich bin damit aufgewachsen“. © Fischer-Bolz, Susanne

Umbaukosten verschlingen Unsummen

„Das Problem ist, das die Umbaukosten für einen Sauenplatz bei bis zu 10 000 Euro liegen. Das ist für viele Betriebe nicht möglich“, so die Landwirtin, die gerade ihre Ställe so herrichtet, dass ihre Tiere komplett auf Stroh gehalten werden können. „Wir haben noch zum Teil den Spaltenboden, der mit Stroh eingestreut ist. Wir haben auch den Außenklimastall, wo die Schweine, die zur Mast sind, draußen sind. Das ist aber auch abgetrennt, so dass die Tiere sich nicht in der freien Wildbahn in der Erde suhlen können, weil uns das Risiko zu groß ist.“ Regina Weustermann spricht hierbei von der ASP, der Afrikanischen Schweinepest: „Es kann sich keiner erlauben, dass die kommt.“

Geschlachtet wird in Unna

Geschlachtet wird in Unna, also regional. „Aber regionale Schlachthöfe gibt es leider auch immer weniger“, sagt Regina Weustermann. Hinzu kommt, „dass das Schweinefleisch immer mehr verpönt wird“, so Regina Weustermann. Für sie steht fest: „Wer körperlich arbeitet, braucht auch Fleisch. Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen, sondern sollte lieber auf Qualität achten. Das fände ich besser“, meint die Landwirtin. In der Direktvermarktung gibt es aber nicht immer alle Teile zu kaufen, anders als in Supermärkten, wo das Adjektiv „billig“ das Wichtigste ist. Als i-Tüpfelchen wirken sich die hohen Spritkosten und die Autobahnsperrung aus: „Es ist anstrengend, überhaupt hierhin zu kommen“, weiß Regina Weustermann.

Ruf ist nicht der Beste

Die Schweinebetriebe kämpfen ums Überleben – und der Ruf ist auch nicht der Beste. Doch warum eigentlich? „Wir haben 30 Jahre die Verbraucher nicht mitgenommen. Uns wurde immer gesagt: ,Ihr müsst größer werden, mehr Tiere halten, um günstiger einkaufen zu können.’ Aber für mich ist eigentlich nur das Tier selbst wichtig. Wir haben es mit Lebewesen zu tun.“

Das Schwein: intelligent und sauber

Dass Regina Weustermann an ihren Schweinen festhält, wenn auch nur an wenigen, ist rein emotional begründet, „weil das Herzblut daran hängt, ganz ohne Schweine kann ich gar nicht. Ich bin damit groß geworden. Es ist eine besondere Tierart.“ Schweine würden gerne spielen, seien intelligent und unwahrscheinlich saubere Tiere. Wobei das Thema „Spaltenboden“ wieder in den Blick rückt. Bei einem solchen Boden kommen die Schweine mit ihrem Kot nicht in Kontakt und der Boden sei heute so konzipiert, dass den Tieren nichts passieren könne. Doch der Spaltenboden hat ein schlechtes Image, weil darunter die Gülle entsteht, und „weil für den meisten Verbraucher Stroh ein tolles Weltbild hergibt, weil jeder meint, dass sich ein Schwein auf Stroh wohlfühlt“, sagt Regina Weustermann. Mit dem Stroh würden sich die Tiere natürlich beschäftigen. Doch der Mist muss ständig rausgeholt werden.

Was will die Politik?

Immer mehr politische Forderungen setzen alle Akteure der Wertschöpfungskette Schwein unter erheblichen Handlungsdruck. Will Politik die heimische Landwirtschaft insgesamt noch? „Wir haben teilweise das Gefühl, dass sie nicht gewollt ist“, sagt Regina Weustermann. Die Unterstützung fehle.

„Der Hof ist ein Schatz“

Verzweifeln möchte die Brenscheiderin aber nicht, hat natürlich Zukunftspläne. Sie möchte in der Direktvermarktung noch mehr Fuß fassen und durch ihre Weiterbildung in Bauernhoferlebnispädagogik den Hof und die Landwirtschaft den Verbraucher näherbringen. Erstmals gab es jetzt auch eine Ferienfreizeit. „Ich wünsche mir, dass wir die Anzahl der Tiere behalten“, sagt die Landwirtin, die auch Mutterkühe und Hühner, Gänse und Hähnchen hat. Der Hof, so sagt sie, ist ein Schatz.

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