Schiri-Pfeifen für die EM kommen aus Nachrodt

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Peter Hofmann montiert bei MBZ Obernahmer Schiedsrichterpfeifen, wie sie auch bei der EM zum Einsatz kommen.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Wenn ab Freitag (8. Juni) in Polen und der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft 2012 ausgetragen wird, spielen Produkte aus Nachrodt-Wiblingwerde eine wichtige Rolle: Mehrere Schiedsrichter werden die Spiele mit einer Pfeife von Lübold von der Crone leiten. Die Traditionsmarke wird von der Firma MBZ Obernahmer produziert.

Schon seit Jahrzehnten beliefert Lübold von der Crone internationale Spitzenschiedsrichter mit ihrem wichtigsten Arbeitsgerät. „Die meisten Schiedsrichter sind bei der Auswahl ihrer Pfeifen sehr eigen“, sagt Verkaufsleiter Heinz Liebold über seine Kundschaft. „Einige wollen ihre Initialen eingraviert haben, andere das Logo ihres Verbandes. Aber das Wichtigste ist für sie natürlich der Klang und die Verarbeitung.“ Deshalb wurde das neueste Pfeifenmodell auch in enger Zusammenarbeit mit Schiedsrichtern entwickelt. „Anderthalb Jahre haben wir getüftelt“ blickt Liebold zurück und erinnert sich schmunzelnd, dass die Unparteiischen „uns die ersten Versuche um die Ohren gehauen haben“.

Schließlich war es aber pünktlich vor dem Beginn der Europameisterschaft geschafft: Die Mehrtonpfeife mit der Modellbezeichnung „Lübold 600“ war marktreif. Ihr wichtigstes Merkmal: Sie enthält im Gegensatz zu normalen Trillerpfeifen keine Kugel, die im Pfeifenkörper blockieren könnte. Der Klang wird vielmehr durch drei nebeneinander angeordnete Luftkanäle erzeugt. Dadurch entstehen drei Töne, die sich zu einem besonders schrillen Ton mit einem Schalldruckpegel von 124 Dezibel vermischen. Zum Vergleich: Ein Düsenjet erreicht 150 Dezibel.

Präzisions- und Handarbeit

Damit das auch tatsächlich funktioniert, ist absolute Präzisionsarbeit gefragt. MBZ Obernahmer lässt die Einzelteile der Pfeife deshalb in der Altenaer Kunststoffspritzerei Befi-Plastic produzieren. Auf dem ehemaligen Reynoldsgelände an der Hagener Straße in Nachrodt werden sie dann in Handarbeit zusammengebaut.

Die „Lübold 600“, die mehrere EM-Schiedsrichter zu ihrem Favoriten erkoren haben, weist aber noch weitere Vorteile gegenüber anderen Trillerpfeifen auf. Kleinigkeiten, die entscheiden: So verfügt die Pfeife aus Nachrodt über eine kleine Wulst am Mundstück, die es ihren Benutzern erleichtern soll, sie über längere Zeit im Mund zu behalten. Außerdem sind die Seitendeckel etwas angeraut, so dass das 10-Gramm-Leichtgewicht den Unparteiischen nicht so leicht aus der Hand rutschen kann.

Dass Lübold-Pfeifen bei der Europameisterschaft oder – wie 1978 in Argentinien oder 2010 in Südafrika – bei der Weltmeisterschaft zum Einsatz kommen, verschafft dem Nachrodter Unternehmer natürlich Anerkennung und Popularität. Wichtiger ist Heinz Liebold aber etwas anderes: „Es ist zwar schön, wenn Fifa-Schiedsrichter unsere Pfeifen nutzen, aber wichtiger sind mir die Tausenden Unparteiischen, die in den Bezirks- und Kreisklassen pfeifen“, hat er eine ganz andere Zielgruppe im Blick. Erhältlich ist die „Lübold 600“ übrigens für 6,70 Euro.

Diamantenbesetzte Trillerpfeifen

Seit fast 90 Jahren werden unter dem Markennamen Lübold von der Crone Triller- und Signalpfeifen aus Holz, Metall und Kunststoff produziert – nicht nur für den Sport, sondern auch für die Deutsche und die Schweizerische Bahn, für Polizei und Strafvollzugsanstalten. Eine weitere Kundengruppe sind Parteien und Organisationen. „Allein die Linkspartei hat bei uns 25 000 rote Trillerpfeifen gekauft“, sagt Liebold. Und dann sind da noch die Privatpersonen aus aller Welt, die in Nachrodt ganz exklusive Pfeifen bestellen. Etwa der russische Oligarch, der seine Frau mit einer diamantenbesetzten Trillerpfeife überraschen wollte. Oder den Südafrikaner, der einen schwarzen Diamanten im Wert von 8000 Euro nach Nachrodt schickte, um ihn in eine Pfeife einarbeiten zu lassen.

Stolz macht den Pfeifenhersteller aber nicht nur seine besondere Kundschaft, sondern auch eine Anfrage des Deutschen Sport- und Olympiamuseums in Köln. „Die wollten vor zwei Jahren eine Schiedsrichterpfeife für eine Dauerausstellung. Jetzt hat unsere ,Lübold 005’ einen Ehrenplatz neben den Fußballschuhen von Pelé – das muss man erst einmal schaffen.“ Doch wer weiß: Vielleicht stammt am Ende auch die Schiedsrichterpfeife aus Nachrodt, mit der ein Unparteiischer die DFB-Elf in Kiew zum Titelgewinn gepfiffen hat? ▪ Volker Griese

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