"Einer kam mit einer Colaflasche Quecksilber"

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Florian Georg ist Chemielaborant und Absprechpartner im Schadstoffmobil.

Nachrodt-Wiblingwerde - Von Arsen bis Zyankali..., die Herren mit den Schutzanzügen nehmen alles mit. Und bekommen auch alles. Am Samstag ist das Schadstoffmobil wieder in Nachrodt-Wiblingwerde. Wer ein altes Haus gekauft und die seltsamsten Flüssigkeiten im Keller gefunden hat, wer einen Nachlass ausräumen musste und nicht sicher ist, ob denn wirklich alte Wandfarbe im Eimer ist, wer, aus welchen Gründen auch immer, Quecksilber sein eigen nennt, der ist bei den Fachleuten gut aufgehoben. Nur Sprengstoff und radioaktiven Stoffe nimmt Florian Georg nicht an.

„Wir sammeln 56 verschiedene Stoffklassen“, sagt der Chemielaborant von Lobbe, der mit einem Kollegen und zwei Fahrzeugen unterwegs ist – eines für Elektroschrott, das andere für Chemie. Reingucken darf man durchaus, reingehen nicht.

Es gibt einen Sicherheitsbereich für die Gäste, die große Akkus übrigens gleich zu Hause lassen dürfen. Sie werden nicht mitgenommen. „Alles, was hierbei über 500 Gramm wiegt, ist verboten“, erklärt Florian Georg und vergleicht die Situation mit dem alltäglichen Tanken. Dabei darf man aus gutem Grund nicht telefonieren. Wenn man Sprit in den Tank füllt, so werden durch ein kleines Loch die Dämpfe wieder aufgesogen. Doch nicht selten geht auch mal etwas daneben, was schwerer als Luft ist und sich unter dem Fahrzeug sammeln kann. Szenario: Man telefoniert, das Handy fällt aus der Hand und auf den Boden. Der Akku springt heraus. Und genau in diesem Augenblick springt der Funke über – mit entsprechenden Folgen. Und genau dieselbe Atmosphäre wie beim Tanken gibt es auch im Schadstoffmobil. Wenn beispielsweise der Behälter mit den Lackfarben geöffnet wird, sind die Gase brandgefährlich. Ein Funke reicht für eine Katastrophe.

Deshalb trägt der Chemielaborant auch Schutzkleidung, die jegliche elektrostatische Aufladung verhindert. Seit zehn Jahren ist Florian Georg Fachmann im Schadstoffmobil und auch „Abfallberater“ bei allen Fragen rund um gefundene Merkwürdigkeiten. Trotzdem gibt es auch für ihn manchmal böse Überraschungen. Vor ein paar Wochen ist ein Bürger mit einem Zehn-Liter-Eimer Wandfarbe gekommen. Beim Öffnen des Deckels entpuppte sich das Zeug allerdings als Chloroform. „Man wird benommen“, sagt Florian Georg. Der Besucher hatte ein altes Haus gekauft, den Eimer im Keller gefunden und keine Ahnung gehabt, welch gefährlichen Stoff er durch die Gegend gefahren hatte.

 Arsen ist übrigens auch keine Seltenheit: Die Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, als die Offiziere entsprechende Tabletten für „den Notfall“ bei sich trugen, werden immer mal wieder gefunden. Auch in Nachrodt gibt es die eine oder andere spannende Geschichte. „Einer kam mit einer Colaflasche Quecksilber, die er auch im Keller entdeckt hatte“, erzählt Florian Georg, der übrigens selbst in der Doppelgemeinde wohnt.

Im Keller. In der Garage. Im Gartenhaus. Meist tauchen die Schadstoffe dort auf: Pflanzenschutzmittel, Lacke, Säuren. Übrigens: Auch Nagellack, eher weniger spektakulär, ist gut im Schadstoffmobil aufgehoben. „Dadurch, dass wir fast jeden Tag irgendwo im Märkischen Kreis sind, haben die Bürger auch immer die Möglichkeit, ihre Schadstoffe abzugeben“, ist der 35-Jährige froh über die große Resonanz bei den Terminen.

In Nachrodt-Wiblingwerde kommen im Durchschnitt 20 bis 40 Besucher. Nur im unteren Gemeindebezirk hält sich der Ansturm oft in Grenzen, da ein Katzensprung weiter, in Letmathe, das Mobil zwischen 10 und 18 Uhr alle zwei Wochen montags ist. Wenn das „Zeug“ abgegeben wurde, wird es weitergeschickt – natürlich nicht ohne die entsprechenden Papiere.

Nach deutschem Recht handelt es sich um genehmigungsfähigen Abfall. Da aber Florian Georg nie vorher weiß, was denn abgegeben wird, gibt es eine Ausnahmegenehmigung. Die Stoffe kommen mit ihren Papieren in ein Zwischenlager in Letmathe. Von dort aus geht es weiter nach Hamburg, wo die Lackfarben zum Beispiel geschreddert werden. Die flüssige Farbe wird aufgefangen und in einer Sondermüllverbrennungsanlage bei höheren Temperaturen verbannt. Die giftigen Stoffe sammeln sich oben im Filter und werden dann unter Tage in die Ewigkeit geschickt.

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