Letzter Ausweg Gut Sassenscheid: Hier kämpfen sich Suchtkranke zurück ins Leben

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Idylle pur herrscht rund um das Gut Sassenscheid.

Nachrodt-Wiblingwerde – Ein idyllischer Ort für Menschen, die sich zurück ins Leben kämpfen. Dort wohnen Menschen, die viele Jahre süchtig waren.

Am Gut Sassenscheid scheint die Zeit stillzustehen. Ein Ort wie im Märchen. Der Wind weht den Duft von Wald und frischem Gras herein, die Gänse gackern, die Sonne spiegelt sich im Tau des Grases, und die Vögel singen ihr Morgenlied. 

Es ist 7 Uhr, die Wecker klingeln. Der Tag für die 23 Bewohner beginnt. Für sie ist der malerische, abgelegene Ort meist die letzte Hoffnung. 

Ihr Leben war bisher alles andere als harmonisch und ruhig. Private Probleme oder psychische Krankheiten trieben sie in eine oft jahrzehntelange Sucht. Drogen, Alkohol oder Tabletten machten ihre Körper kaputt, drängten sie in die soziale Isolation. 

Nicht jeder schafft es

Und nun sind sie hier. Kämpfen sich zurück in ein selbstbestimmtes Leben. Entdecken, was es heißt Freunde zu haben und lernen mit ihren Krankheiten und Suchtproblemen umzugehen. 

Ein weiter Weg liegt vor ihnen – und nicht jeder wird ihn schaffen. Aber sie sind nicht allein. Mitbewohner und das 18-köpfige Team sind an ihrer Seite. 

Um 7.45 Uhr gibt es Frühstück. Das Tischdienst-Team hat bereits alles vorbereitet. „Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und zu frühstücken. Wir sagen uns ,Guten Morgen’ und besprechen den Tag. Die Menschen hier müssen das zum Teil erst einmal wieder lernen“, erklärt Uwe Eulenberger. 

Die meisten bleiben viele Jahre

Er leitet die Suchtkranken-Einrichtung des Deutschen Ordens. Während die einen schweigend ihre Mahlzeit zu sich nehmen, sind andere in Gespräche vertieft.

 „Zwischen fünf und sieben Jahren sind die Bewohner durchschnittlich hier. Da lernt man sich kennen, beginnt sich zu öffnen – und das ist gut so“, sagt Uwe Eulenberger. 

Denn Menschen, die so lange mit einer Abhängigkeitserkrankung leben müssen, vereinsamen. Sie seien meist Einzelgänger, die am normalen Leben nicht mehr teilgenommen haben. 

Medikamente statt Drogen

„Wer sich hier bewirbt, ist Minimum seit fünf Jahren abhängig. Bei den meisten reden wir aber eher über Jahrzehnte“, erklärt der Einrichtungsleiter. 

Nach dem Frühstück geht es zur Medikamentenausgabe. Als eine von wenigen Einrichtungen in Deutschland darf die Einrichtung am Sassenscheid Ersatzdrogen ausgeben. Aber: „Ich mag den Begriff Ersatzdroge nicht. Letztlich sind es Medikamente. Hier leben Menschen, deren Körper nicht mehr ohne können. Sie bekommen die Alternative, damit sie am Leben teilnehmen und normal funktionieren können“, sagt Uwe Eulenberger. 

Die Gemeinschaft zählt: Das gilt auf Gut Sassenscheid nicht nur bei den Mahlzeiten für die Bewohner, die namentlich nicht genannt werden dürfen.

Das „am Leben teilnehmen“ wird am Sassenscheid groß geschrieben. Der Grundgedanke der Arbeit dort beruht nämlich nicht auf einer klassischen Psychotherapie, sondern auf sozialen Begegnungen. 

Verschiedene Arbeiten je nach Neigung

Die Bewohner sollen Mut schöpfen, sich etwas zuzutrauen. Und wieder eine Arbeit aufnehmen. Genau deswegen geht es nach dem Frühstück in die sogenannten Angebote. 

Je nach Neigung arbeiten die Bewohner im Garten, versorgen die Tiere, kochen in der Küche oder basteln in der Werkstatt. „Was für einen gesunden Menschen ganz normal ist, ist hier eine große Herausforderung. Durch die Drogen gibt es oft eine Art Demenz, die Feinmotorik ist eingeschränkt und die Konzentrationsfähigkeit fast nicht vorhanden“, weiß Mitarbeiter Alberto Triches, der die Arbeit in der Werkstatt betreut. 

Arbeit und Routine helfen bei der Rückkehr in den Alltag. Dieser Bewohner hat in der Werkstatt einen Papagei aus Holz geschnitzt.

Außerdem mangele es an Selbstbewusstsein. „Gerade am Anfang müssen wir den Bewohner oft zurückholen und er muss erst lernen, was er alles kann und dass es auch Spaß macht, eine Aufgabe zu haben“, erklärt Alberto Triches. 

Die Abende sind schwierig

Manch einer habe sich im Lauf der Zeit zu einem echten Künstler mit eigenen Ideen entwickelt. Besonders schwierig ist für einige Bewohner die Zeit nach dem Abendessen. Deswegen gibt auch ein Abendprogramm. Beispielsweise mit Spielen und jeder Menge Gemeinschaft. 

„Die Bewohner sollen möglichst auf eine Rückkehr in den Alltag vorbereitet werden. Das heißt, sie lernen mit ihren Krankheiten zu leben. Automatismen, wie beispielsweise das Bier am Abend, zu durchbrechen oder mit einer Limo als Alternative zu leben“, erklärt Eulenberger. 

Die meisten Bewohner sind dankbar, auf dem Gut Sassenscheid ein Zuhause gefunden zu haben. Hier können sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein weitestgehend eigenständiges Leben führen. 

Besondere Bindungen

Wer es schafft, zieht in eine ambulante Wohngruppe und wird dort intensiv weiter betreut. „Über die Jahre baut man schon eine richtige Beziehung auf“, sagt Uwe Eulenberger und erzählt von einem Bewohner, der ihm besonders am Herzen lag. 

Zwölf Jahre lebte er auf dem Sassenscheid. Sprach schlecht Deutsch und hatte es nicht leicht. Er kam auf eigenen Wunsch ins ambulante Wohnen und machte große Fortschritte. „Eines Tages rief er mich an und wollte Deutsch lernen. Er wollte noch mehr teilnehmen an der Gesellschaft, sich in seiner Gemeinde integrieren. Das machte mich schon stolz – und vor allem glücklich“, erzählt Eulenberger. 

Der Mann habe sogar an kulturellen Angeboten teilgenommen. Er hatte es geschafft, hatte wieder ein fast normales Leben. Hatte neue Hoffnung geschöpft. „Leider konnte er es nicht genießen. Er starb. Das hat mich wirklich traurig gemacht“, sagt Uwe Eulenberger.

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