An der Seite der Menschen – auch bis zum Tod

Der Garten ist Achim Dieckmanns ganzer Stolz: Die Kürbissaat zum Beispiel ist wieder super angegangen. Die Produkte werden nach der Ernte in die hauseigene Küche gegeben und zur Zubereitung der täglichen Mahlzeiten verwendet.  Foto: Hornemann

Nachrodt-Wiblingwerde - Als Hajo, der ausgebildete Wanderschäfer, vor 20 Jahren zum Gut Sassenscheid kam, fand er sofort eine Aufgabe: Eine Herde mit 50 Tieren lebte damals auf dem Gehöft. Die waren ein Klacks für den jungen Mann, der bei Baron von Fürstenberg gelernt hatte, 1200 davon zu betreuen. Die Schafe sind weg. Hajo ist geblieben. Gut Sassenscheid ist sein Zuhause geworden, in dem Alkohol für ihn keine Rolle mehr spielt.

Der 53-Jährige zählt wie auch Horst und Waltraud zu Bewohnern der ersten Stunde auf Gut Sassenscheid. Die 50 Schafe waren ein Segen, als die Soziotherapeutische Einrichtung für Chronisch Abhängige (Seca) vor 20 Jahren eröffnet wurde. „Diese Tiere haben dazu beigetragen, dass wir uns im Dorf integrieren konnten“, weiß Uwe Eulenberger, langjährigster Mitarbeiter im „Seca-Haus“, wie das Gut lange genannt wurde. Mit der Herde gingen Bewohner und Mitarbeiter ins Naturschutzgebiet, um es zu pflegen. So lernte man sich kennen und schätzen. Schließlich waren nicht alle Bürger begeistert gewesen, als das Haus für Menschen mit Suchtbiografien eröffnet werden sollte.

Eine, die sich eingesetzt hat, war SPD-Politikerin Lotte Glasow. Erst gestern war sie wieder mit Susanne Jakoby vor Ort, um Team und Bewohnern das obligatorische Vanilleeis auszugeben, das es jeden Sommer gibt. Lotte Glasow ist nicht die einzige, die hier immer herzlich willkommen ist. Selbst ortsfremden Wanderern wird ein Tässchen Kaffee serviert, wenn sich die Füße nach einer Rast sehnen. Die staunen, wenn sie hören, was Gut Sassenscheid für eine Einrichtung ist. „Es gibt hier eben überhaupt keine klinische Atmosphäre“, bringt Matthias Krause, stellvertretender Leiter der Einrichtung, auf den Punkt, weshalb Sassenscheid einzigartig ist.

Festprogramm

Die Feier zum 20-jährigen Bestehen findet am Freitag, 29. August, statt. Um 11 Uhr kommt Pater Jörg, der Haus-Seelsorger , um mit Team und Bewohnern eine Andacht zu halten. Der Deutsche Orden als Träger wird Grußworte überbringen, ebenso Bürgermeisterin Birgit Tupat, und Lotte Glasow als langjährige Freundin des Hauses. Angekündigt haben sich ehemalige Kollegen, Bewohner und Vertreter anderer Einrichtungen. Natürlich gibt’s Verpflegung und auch Musik: Ein Akustik-Trio wird musizieren und auch der MGV Wiblingwerde kommt vorbei. Beim Fest wird auch der frisch geschleuderte Honig verkauft.

Die Gehöfts-Atmosphäre mit der alten Silberschmiede, umgeben von Weideland, Kleintiergehege und Nutzgarten wirkt entschleunigend. „Es gibt hier keine Eile“, weiß Einrichtungsleiterin Heike Winning. Personal und Bewohner gewöhnen sich langsam aneinander – schließlich verbringen sie viele Jahre ihres Lebens zusammen. Diese Entscheidung muss man bewusst treffen. Wer auf Sassenscheid lernen will, seinem Leben mit einem strukturierten Alltag wieder Schwung zu geben, der bewirbt sich, lernt die Einrichtung kennen und bekommt Bedenkzeit.

Es gibt vielerlei Aufgaben, die auf Gut Sassenscheid im Team von Bewohnern und Mitarbeitern erledigt werden. In 20 Jahren hat es auch einen Wandel gegeben: Nachdem der Schafstall nicht mehr für die große Herde benötigt wurde, setzte sich Uwe Eulenberger dafür ein, dass Geräte in die eingerichtete Werkstatt kamen. Heute wird dort anders produziert: Ein Kreativbereich ist angeschlossen worden, in dem sich insbesondere die wenigen Frauen der Einrichtung wohlfühlen.

„Es braucht heute mehr Zeit, bis man aus neuen Bewohnern handwerkliche Fähigkeiten herausholen kann“, beschreibt Uwe Eulenberger. „Manche Kompetenzen sind einfach gar nicht vorhanden. Und es treten auch neue Probleme zu Tage, wenn ein Suchtmittel erst mal weg ist. Alkohol hat von anderen gesundheitlichen Problemen lange abgelenkt.“

Diesen Aspekt sehen in erster Linie nur die „53er-Einrichtungen“, benannt nach dem Paragraphen 53 des zwölften Sozialgesetzbuchs. Sie sehen eine Lebensbegleitung für chronisch Abhängige vor. „Wir bleiben an der Seite der Menschen. Auch bis zum Tod“, erklärt Matthias Krause.

Das Ziel, Gut Sassenscheid zu verlassen und in der betreuten Außenwohngruppe in Altena fit zu werden für ein eigenständiges Leben, verfolgen viele Bewohner. Manche nur im Stillen, weiß Heike Winning. Ein paar haben es geschafft, gehen einer Arbeit nach, zahlen Miete für die eigene Wohnung. Zurück kommen sie alle gern. Heimatbesuch. Horst hat solche Pläne nicht mehr: Mit 80 Lebensjahren ist er der Alterspräsident auf Sassenscheid. „Ich bin hier glücklich alt geworden“, erklärt er. Er will bleiben – bis zum Tod. - Ina Hornemann 

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