Hundertjährige kommt gehörig in Schwung

Der Kirchenmusiker Sascha Möllmann ließ in Wiblingwerde für den Kirchenraum ungewöhnliche Kompositionen erklingen. Foto: Krumm

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Derart in Schwung wird die fast hundertjährige Faust-Orgel der Wiblingwerder Kirche in ihrer bewegten Geschichte wohl selten gewesen sein: Stücke die dem „Orgel-Jazz“ zuzuordnen sind, kündigte Pfarrer Dr. Thorsten Jacoby in einer seiner letzten Amtshandlungen in der Gemeinde auf dem Berg an. Und Organist Sascha Möllmann hielt, was die Ankündigung versprach.

Der Kirchenmusiker an der Luther-Kirche in Dortmund-Asseln präsentierte Kostbarkeiten dieses Genres, die den Besuchern in der Kirche viel Freude machten. Mit „20-Pop-Stücken für Orgel“ wurde der 1963 geborene Michael Schütz bekannt, der die ersten drei Kompositionen beisteuerte: „the beginning“, „community“ und „pop serenade“ wurden zunehmend flotter und ließen aufhorchen. Gelegenheit zum Schmunzeln gab anschließend Stefan Ulrichs „Sonntagmorgenfrühaufstehblues“ aus seinen „12 Jazz-Präludien für Orgel“. Wer mochte, konnte zu der Mischung aus schläfrigen Untertönen und ersten Gedankenblitzen zwanglos ein „Ich will mich noch einmal umdrehen“ ergänzen. Die Musik sprach für die Aussicht auf einen schönen Sonntag, den Ulrichs weitere Kompositionen schilderten „Musette“ als die Dame, die sich da am Morgen ebenfalls noch wohlig räkelt, einen Ausflug zum „Jazz am Sonntag“ und ein abschließendes „Rondo“.

In die Welt des modernen Tangos ging es anschließend mit dem Argentinier Astor Piazzolla. Seine wahrlich engelsgleiche Komposition „Àngel“ mit den Sätzen „Milonga – la muerte – resurrección“ war der Höhepunkt eines in jeder Hinsicht bemerkenswerten Konzertes. Eine Komposition von Piazzolla auf der Orgel – schon bald war klar: Das funktioniert sehr gut. Matthias Nagel (Jahrgang 1958) war ein weiterer Vertreter jener komponierenden Organisten, die der Orgel aus Freude am Instrument eine Modernisierung gegönnt haben: Auf heitere und glückliche Pfeifen folgte eine „toccata happy hour“, bevor einer der Altmeister des Jazz auf der Liste der Komponisten auftauchte: Dave Brubeck – ausnahmsweise nicht mit seinem guten alten „Take Five“, sondern mit „The duke“.

„Organ groove: pimp my Bach“ lautete der Titel des Konzerts, und es dauerte eine Weile, bis der Thomaskantor mit Macht in die Kirche drängte: Der Pianist Michael Publig und Sascha Möllmann standen Pate für eine „Bachiana choranda“, eine weinende Bachiana, und in „Keith‘s airy introduction“ sowie im „Jazz concerto d-moll“ ringelten sich die Bearbeitungen um berühmte Motive aus der Musik von Johann Sebastian Bach, unter anderem das „Air“. Nach Matthias Nagels „Strong Power Prelude“ verabschiedete sich Sascha Möllmann von seinem Publikum mit einem Stück, das ein wenig aus der Zeit gefallen war: Die Variationen über Bachs „Ich steh an deiner Krippen hier“ erinnerten daran, dass in gut vier Monaten schon wieder Weihnachten ist. Die rund 60 Besucher verabschiedeten sich ihrerseits mit persönlichen Danksagungen und einem langen Beifall, für den sich viele sogar von den Plätzen erhoben.

Die Konzertreihe „Junger Musiksommer Wiblingwerde“ der Evangelischen Stadtkirchenarbeit Hohenlimburg endet am 1. September mit einem Konzert von Tobias Bülow und Jens Rehbock. Deren „Erkundungen im Inneren des Klangs“ beginnen um 17 Uhr. - Thomas Krumm

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