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Chef des Jugendreferats: Bei Querdenkern „müssen wir genau hinschauen“

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Erich Reinke, Geschäftsführer des evangelischen Jugendreferates, geht in den Ruhestand.
Erich Reinke, Geschäftsführer des evangelischen Jugendreferates, geht in den Ruhestand. © Fischer-Bolz, Susanne

Erich Reinke geht bald in den Ruhestand und berichtet über die Jugendarbeit in Nachrodt, Querdenker und Beziehungen.

Nachrodt-Wiblingwerde – Er ist eine „Kaffeetante“. Drei Kannen schafft er locker am Tag. Und jeden Abend zwei Espresso, dazu Schokolade und Lakritz. Dann ist die Welt in Ordnung. Für die süßen Sachen hat Erich Reinke bald noch mehr Zeit. Und auch fürs Lesen. Darauf freut sich der Geschäftsführer des evangelischen Jugendreferates, das vor ein paar Jahren die Jugendarbeit in Nachrodt-Wiblingwerde übernommen hat, besonders.

Er geht in den Ruhestand. Am Donnerstag war er zum Abschied in der Nachrodter Kurve. Im Interview mit Susanne Fischer-Bolz spricht Erich Reinke nicht nur über die Jugendarbeit in Nachrodt-Wiblingwerde, sondern auch über private Dinge, über Querdenker, Rechtsradikalismus und verschiedene Kulturen.

Ach, das ist ja schade.“ Das sind die Reaktionen, die ich auf Ihre Ruhestands-Ankündigung allerorts höre. Das hört man gern, oder?

Total. Alle sagen: Das ist schade, dass du gehst. Oder warum gehst du jetzt schon? Du bist doch erst 63. Ich gehe in die Altersteilzeit.

Und warum?

Ich habe immer viel gemacht, nicht nur im Jugendreferat. Ich bin Diakon, war zwölf Jahre Vorsitzender im Martineum, der Organisation, die Diakone ausbildet. Ich war 13 Jahre Vorsitzender der evangelischen Jugendkonferenz von Westfalen. Ich habe ganz viel gearbeitet und war fremdgesteuert durch meinen Terminkalender. Private Termine musste ich mir erkämpfen. Ich werde nie vergessen: Meine Eltern hatten Goldene Hochzeit, ich war bei einer Klausurtagung und war der Letzte, der bei der Feier auftauchte. Jetzt fange ich an, Dinge zu tun, die ich toll finde.

Und welche sind das?

Auf jeden Fall werde ich das erste Jahr mal nichts tun. Ich übernehme keine neuen Verpflichtungen. Ich werde ganz viel lesen, ich liebe deutsche Krimis. Ich möchte morgens um 9 Uhr im Sessel sitzen, mit einem Kaffee und einem Buch in der Hand.

Klingt nach einer romantischen Vorstellung. Dann lesen Sie bis 11 Uhr und fragen sich dann: Was mache ich jetzt?

Nein. Ich sitze da wirklich und es tut mir total gut. Dann möchte ich sportlich mehr machen. Wir haben uns E-Bikes gekauft. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, für drei Monate irgendwo anders zu sein. Griechenland, Portugal. Ich bin ein Sonnenmensch. Schön, dass alle was zu tun haben. Ich aber nicht. Ich gehe auch gern shoppen. Ich guck’ total gerne nach Anzügen.

Der Kleidungsstil wird auch Zuhause bleiben?

Ja, ich denke schon. (lacht)

Ihre Frau wird noch zwei Jahre arbeiten. Sie könnten den Haushalt komplett übernehmen...

Warum nicht? Ich koche auch gern und habe Spaß am Haushalt. Wir haben aber einen Deal gemacht. Die ersten zwei Monate läuft erst einmal alles wie gehabt.

Seit 2002 sind Sie Geschäftsführer des Jugendreferates. Was sind die schönsten und weniger erfreulichen Erinnerungen?

Ich habe im Kirchenkreis Iserlohn ein Camp aufgebaut, ein Jugendcamp in Italien. Das hat riesigen Spaß gemacht. Es wurde aus finanziellen Gründen dann eingestampft und das war sehr schmerzhaft für mich. So sind schöne und weniger schöne Erinnerung beisammen. Mit riesengroßer Freude haben wir auch Freizeiten mit Behinderten und Nichtbehinderten gemacht, das waren Musical- und Theaterfreizeiten. Und auch die Konfi-Camps oder die OGS-Arbeit habe ich aufgebaut. Was ich immer ganz schlecht haben kann: Wenn wir Trägerschaften verlieren. Zweimal ist das passiert. Das trifft mich richtig.

Das Jugendreferat hat die Jugendarbeit in Nachrodt vor ein paar Jahren übernommen. Wo steht man heute, was wurde erreicht?

Ich habe die Wahrnehmung, dass wir in der Gemeinde ein Standing haben, dass diese offene Arbeit super gut angenommen wird. Wir sind auch gut vernetzt, unterstützt von der Gemeindeverwaltung. Die ist sehr nah am Puls der Zeit. Wir sind auch in der aufsuchenden mobilen Jugendarbeit unterwegs gewesen, was durch Corona leider eingefroren ist.

Wenn wir zurückblicken in die 70er Jahre, in die Zeit des Aufbruchs. Jugendliche forderten damals Jugendzentren, in denen sie selbstbestimmt sein konnten. Im Mittelpunkt: mehr Demokratie wagen. Ohne Einflussnahme von Staat und Stadt. Doch dann kamen immer mehr junge Leute in die Zentren, die politisch völlig desinteressiert waren. Letztlich ist von der Aufbruchstimmung heute nicht mehr viel übrig geblieben, oder?

Ich leide sehr darunter. Seit Kohl (Altbundeskanzler Helmut Kohl, Anm. d. Red.) gab es kein Demokratieverständnis mehr. Wir hatten nicht mehr die Leute, die sich politisch eingebracht haben. Merkel hat das auch nicht gefördert. Und ich bin so froh, dass es Fridays for future gibt, dass es endlich Jugendliche gibt, die sagen: Was macht ihr eigentlich da? Ich bin so froh, dass sie endlich aufstehen und eine eigene Meinung haben. Das werden auch mehr. Was wir hingegen ganz schwer einschätzen können, sind die Querdenker. In Nachrodt haben wir noch nicht die Erfahrung gemacht, aber auch in unserem Dunstkreis gibt es Querdenker. Da müssen wir genau hinschauen.

Grundsätzlich habe ich aber eher den Eindruck, dass die Jugend sehr angepasst ist, oder? Ähnlichen Musikgeschmack wie die Eltern haben, die Kleidung ist sogar oft ähnlich.

Ich würde sagen, ja. Ich bin früher auf Demos gegangen. Meine Kinder fahren nicht zu einer Demo. Man muss aber auch sagen, dass die Welt durch Corona immer komplizierter wird. Woran orientiere ich mich? Wir erleben in Altena, Nachrodt und Wiblingwerde, dass sich Jugendliche zum Glauben orientieren. Weil sie da etwas finden. Ich habe in dieser Region vor zehn Jahren ein Konfi-Camp initiiert. Und ich finde es immer toll, wenn Jugendliche entdecken, dass der Glaube eine Faszination für sie hat.

Ausgelöst durch die Pandemie?

Ich würde nicht sagen, dass es durch Corona kommt. Aber durch Corona kann man es besser sehen. Die Jugendlichen haben ja die Nase voll von der Digitalisierung. Viele sind ja nicht mehr in Beziehung gegangen, sondern saßen nur noch vor den Geräten. Und dann haben wir ein Konfi-Camp gemacht. Die Leute hatten Spaß an der Gemeinschaft. Was ich sagen will: Die einen orientieren sich an den Querdenkern, die anderen an Fridays for future oder an der christlichen Schiene und manche machen vielleicht gar nichts.

Querdenker oder Rechtsradikale in Jugendzentren, frauenfeindliche Rapmusik: Wie geht man damit um?

Ich ergänze das mal mit Sexismus und Antisemitismus. Das Menschenunwürdige. Unsere Mitarbeiter sind sensibilisiert für so etwas. Wir sind alle sehr gut geschult in den Rechtsradikalismus-Themen, wir wissen mit Zahlen und Symbolen umzugehen. Und dann kann es auch Hausverbote geben. Jetzt müssen wir aber auch sehr gut gucken, was die Querdenker machen. Wo fängt das an? Wenn mir jemand was von Verschwörungstheorien erzählt? Die Frage ist auch: Sagt er oder sie das zu mir oder mischt er die jungen Leute im Jugendzentrum auf? Wenn es eine faire, demokratische Auseinandersetzung ist, dann kann ich damit leben, aber nicht, wenn Leute aufgehetzt werden. Es werden immer die Schwächsten aufgehetzt.

Thema Antisemitismus: Ist es tatsächlich ein Problem oder auch sehr hoch aufgehangen?

Wir haben Leute, die einfach Parolen übernehmen wie „Juden sind scheiße“. Und ich bin nicht sicher, ob sie wissen, was sie sagen.

Zurück nach Nachrodt: Wenn ich in die Nachrodter Kurve gehe, treffe ich meist Kinder an, weniger Jugendliche.

Die Älteren kommen eher sprunghaft. Die aufsuchende Jugendarbeit, wir sagen mal Streetworker, hat bei Tobias Busch hervorragend geklappt und wird jetzt auch wieder fortgesetzt. Die Jugendlichen wollen kein Programm. Was wir wichtig finden, ist, dass sie eine Beziehung aufnehmen und dass sie sich melden, wenn sie Probleme haben.

So ist es gut, wenn in der Nachrodter Kurve ein Mann und eine Frau arbeiten? Die Jungs kommen bei einer reinen Frauentruppe nicht?

Wir müssen mit den verschiedenen Kulturen umgehen. Wir machen deutlich: Wenn wir eine weibliche Leitung haben, haben wir eine weibliche Leitung.

Als ich jung war, waren Jugendzentren kultig. Heute eher nicht mehr. Oder?

Das ist die Frage nach der Heimat. Wo ist deren Heimat? Das ist die Clique. Da sind ihre Leute. Sportvereine, THW, Feuerwehr und auch wir: Wir alle wollen die Jugendlichen. Ich habe schon vor 15 Jahren gesagt: Wir müssen so attraktiv sein, dass sie zu uns kommen. In Nachrodt sind wir auch für sie da. Es ist eine Beziehungsfrage.

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