„Ich dachte, ich sei der Beste“

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Rudi Draheim war von 1984 bis 1989 Bürgermeister in der Doppelgemeinde. Heute blickt er mit 77 Jahren auf eine turbulente Zeit zurück.

Nachrodt-Wiblingwerde -  Er ist kein Mann der ersten Stunde. Dann müsste er um die 120 Jahre alt sein. Aber wenn einer die Geschicke der SPD in Nachrodt-Wiblingwerde kennt, sie viele Jahre selbst mitgestaltete, dann ist es Rudi Draheim. Doch nicht die Partei selbst steht heute im Mittelpunkt des Interviews, sondern der ganz persönliche Werdegang des Mannes, der das eine oder andere Mal auch Strippenzieher in der SPD war. „Ich habe Fehler gemacht“, sagt Rudi Draheim. „Und nicht nur einen“.

Am 27. Dezember 1918 unterzeichneten Karl Böcker als erster Vorsitzender und Wilhelm Sauer als Schriftführer das Gründungsprotokoll des sozialdemokratischen Parteivereins Nachrodt-Wiblingwerde. Also mitten im Winter. Zwischen Weihnachten und Neujahr.

Merkwürdig findet Rudi Draheim den Zeitpunkt nicht. „Die SPD war immer den Arbeitern nahe und von daher hatten die Leute auch nicht viel Zeit. Zwischen Weihnachten und Neujahr gab es mal etwas Ruhe. Und so soll deshalb dieser Termin gewählt worden sein“, erklärt der 77-Jährige. Die Gründung war und ist ein Segen für die Gemeinde, findet Rudi Draheim, der am 1. Januar 1973 in die SPD eingetreten ist. „Das war die Zeit, als die SPD mehr in den Vordergrund trat, wegen der Regierungsbeteiligung von 1966 bis 1969 in der Großen Koalition. Es kam Willy Brandt, für mich einer der Hauptgründe, in die Partei einzutreten.“

Gewählt hatte er die SPD schon immer, seine Mutter war Sozialdemokratin, „mein Vater war Mitglied der NSDAP, aber das wurde nie thematisiert.“ Darüber hat Rudi Draheim auch nie mit seinem Vater gesprochen. Er starb früh, 1958 bei einem Unglück auf der Baustelle. Da war Rudi Draheim 17 und hatte keinen Einblick davon, was das verbrecherische Hitler-Regime gemacht hatte. „Das wusste ich nicht. Da hatte ich so viel mit mir selbst zu tun, mit meiner Lehre als Maurer.“

Durch Adolf Haupt zur SPD

 Aus der starren Bevormundung, die selbst viele, viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch angehalten hatte, zur wirklichen Demokratie: Da wollte Rudi Draheim Anfang der 70er Jahre mitmachen, mit aktiv sein. Nachrodt war sozialdemokratisch geprägt. „Ich habe in Einsal auf dem elterlichen Grundstück gebaut. Und da gab es einen treuen Menschen in der Straße, der immer mal wieder kam und half. Das war Adolf Haupt. Zu der Zeit gab es noch das System der Kassierer und Unterkassierer bei der SPD. Die gingen noch von Haus zu Haus und kassierten die Mitgliedsbeiträge ein. Haupt war Unterkassierer. Durch ihn kam ich zur SPD.“

Als Frischling in den Vorstand

Heute noch bekannte Namen waren damals dabei: Der Vorsitzende war Wilhelm Mestekämper, geschäftsführender Vorsitzender war Werner Renfordt. „Ich wurde sofort in den Vorstand berufen, damals gab es das Amt des Bildungsobmannes. Ich war unheimlich begeistert, dass ich das als Frischling wurde“, lacht Rudi Draheim in Erinnerung an damals. 1974 stand die Kommunalwahl an, Draheim sollte kandidieren. „Aber damals gab es schon einen Klüngel. Wir hatten uns überlegt, wen wir wollten und wen nicht. Wenn ich sage wir, dann gehörte Rainer A. Politowski dazu, Klaus Karhoff und Werner Griesel. Wir wollten die Älteren nicht mehr haben, aber das war nicht gut. Wenn man den Älteren zu nahe kommt, kriegt man was auf die Nase.“ Zu der Parteiversammlung kamen 70 Leute. Man hatte alle mobil gemacht. Doch die kleine Revolution ging nach hinten los. „Ich fiel als Einziger hinten runter.“

Eine wirkliche Lehre war der Vorfall später nicht. Als der Parteivorsitzende Horst Pliquet seinen Job an den Nagel hing und die Nachrodter SPD ohne einen Vorsitzenden da stand, bot sich Rudi Draheim an – und machte das zwei Jahre, bis die Interessenskonflikte aufgrund seines Jobs als Bauingenieur bei der Firma Wirths in Hemer zu viel wurden. Bei der Kommunalwahl 1979 kandidierte Rudi Draheim und gewann das Ratsmandat direkt gegen Peter Herbel. „Da reden wir heute noch häufig drüber.“ Alles war Friede und Freude, bis Wilhelm Mestekämper schwer krank wurde und es zu erwarten war, dass er nicht mehr Spitzenkandidat der SPD sein könnte. ,Dann fing die Klüngelei wieder an.“

„Das war der Anfang von meinem Ende“

Von 1984 bis 1989 war Rudi Draheim sodann Bürgermeister – als Doppelspitze mit Gemeindedirektor Herbert Grote. „Ich war auch froh, dass er da war. Er war der Wichtigste, der in der Gemeinde rumlief“, erzählt Rudi Draheim. Das furchtbarste Erlebnis war für ihn in dieser Zeit der Tod von Wilhelm Mestekämper und seine erste öffentliche Trauerrede in der Lennehalle. Das schönste war der Gewinn der Goldmedaille für Wiblingwerde im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden.“ Die Preisvergabe war in Ratingen, übernommen von Johannes Rau. Die Nachrodt-Wiblingwerder fuhren mit Bus samt Blaskapelle nach Ratingen. „Johannes Rau hat dann den Taktstock genommen und dirigiert“, lacht Rudi Draheim. In dieser Zeit war übrigens auch Werner Griesel einmal SPD-Kandidat für den Gemeindedirektorenposten als Nachfolger für Herbert Grote vorgesehen – doch er wurde von den eigenen Genossen geschasst. Theo Spork war Unterbezirksvorsitzender in Schwerte, zog nach Nachrodt und trat in den Ortsverein ein. „Aber er war schon eine Ecke älter. Auch andere Ältere sollten ersetzt werden. Ich gebe zu, dass da im stillen Kämmerlein geredet wurde“, sieht Rudi Draheim keine eigene Sternstunde. Theo Spork fühlte sich auf den Schlips getreten, „weil wir ihn nicht als Fraktionssprecher vorgesehen hatten. Dann nahm er Werner Griesel in der Ratssitzung dermaßen auseinander. Was in Berlin im Großen, passiert auch bei uns im Kleinen.“

„Da kann ich auch ein Liedchen von singen“

 Zwischenmenschliche Probleme, die in diesem Jahr den Rücktritt von Susanne Jakoby von allen Ämtern zur Folge hatten, hatte es also auch in früheren Tagen immer mal wieder gegeben. „Da kann ich auch ein Liedchen von singen.“ Nach der Amtszeit als Bürgermeister, stand die Kommunalwahl 1989 an. „Das war der Anfang von meinem Ende. Da habe ich einen richtig großen Fehler gemacht. Wir hatten Maria Hoffmann bei uns, die in Nachrodt im Bezirk 1 immer das Direktmandat holte. Wir meinten, dass sie nicht viel brachte. Das war böse. Wir stellten jemanden anderen auf und sie ging zur UWG, gewann das Ratsmandat direkt. Wir hatten bis dahin zwölf Ratsmandate und verloren zwei. Das haben mir viele nicht verziehen. Erschwerend kam dazu, dass ich dachte, dass ich der Beste sei. Horst Humme sollte meinen Bezirk als Kandidat übernehmen, ich wollte zur Schmalsgotte, die würden mich doch sowieso wählen. Stattdessen verlor ich und kam nur über die Reserveliste in den Rat!“

 „Ich habe den nächsten Fehler gemacht“

Bürgermeister wollte Rudi Draheim trotzdem wieder werden, doch er hätte die Unterstützung von der UWG benötigt. Letztlich wurde Friedhelm Schröder (CDU) Bürgermeister. „Und dann habe ich den nächsten Fehler gemacht und habe das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters angenommen. Doch ich war es gewohnt, immer das erste Wort zu haben. Das sah man in der Fraktion nicht so gerne. Von den zehn waren fünf gegen mich. Man hat mir gesagt, dass ich zurücktreten soll. Man warf mir Selbstherrlichkeit vor. Ich sprach mich nicht mit den Fraktionskollegen ab, wenn ich etwas bewerkstelligen wollte. Und so sagte man mir, dass man im Rat den Antrag stellen wollte, mich abzuwählen, wenn ich nicht freiwillig zurücktreten würde. Dann bin ich nach Hause gefahren, habe geschimpft wie ein Rohrspatz und habe am nächsten Tag beide Mandate niedergelegt.“ Heute ist Rudi Draheim Beisitzer im SPD-Vorstand. Manchmal kommt er noch zu Ratssitzungen, wenn etwas Spannendes auf der Tagesordnung steht. Und immer noch ist er ein Mann der deutlichen Worte. Und einer, der seine Erfahrungen und seine Lehren, die er gezogen hat, auch weitergeben kann.

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