Nachrodter (66) arbeitet beim ambulanten Hospizdienst „Die Arche“

Alles andere als ein Tabu: Rolf Wacker begleitet Sterbende

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Rolf Wacker ist seit sechs Jahren Sterbebegleiter.

Nachrodt-Wiblingwerde - „Ich hoffe auf einen plötzlichen Tod. Er erspart Alter, Krankheit und dass man die Kellertreppe hinunter fällt“, soll der amerikanische Satiriker Bitter Pierce einmal gesagt haben. Humorvoll – wohl dem, der so mit dem Tod umgehen kann. Meist wird er lieber tabuisiert. Und nicht selten stirbt der Mensch im stillen Kämmerlein. Einer, der in der „finalen Zeit“ die Sterbenden begleitet, ist Rolf Wacker.

Der Nachrodter ist seit sechs Jahren bei der Arche, hat bisher mehr als einem Dutzend Menschen beigestanden, und geht dorthin, wo er gebraucht wird.

Was wünschen sich die Menschen, die bald sterben müssen? „Selbst wenn eine verbale Kommunikation noch möglich ist, wird eigentlich nie über die aktuelle Situation gesprochen. Die meisten Gespräche finden in der ‘Vergangenheit’ statt“, erzählt Rolf Wacker. 

Bei seiner aktuellen Begleitung nutzt er Berichte und Bilder von Reisen oder liest auch schon mal etwas vor. „Aber es ist immer anders und einzigartig“, sagt der 66-Jährige, der im Kreisblatt von der Arbeit der Arche gelesen und sich dann mit Ute Gall und Matthias Blum in Verbindung gesetzt hatte.

"Habe mir fast in die Hose gemacht"

100 Stunden dauerte die Ausbildung. Und als dann der erste Einsatz anstand, „hab ich mir wirklich fast in die Hose gemacht. Eine junge Frau, 44 Jahre alt mit drei kleinen Kindern war im Hospiz. Ihr Mann war hoffnungslos überfordert. Ich habe mir die fürchterlichsten Szenarien ausgemalt, doch bevor ich kam, verstarb die Frau“, erinnert sich Rolf Wacker.

Welcher Begleiter zu welchem Sterbenden geschickt wird, entscheiden die Koordinatorinnen von der Arche. „Wenn eine Anfrage kommt, fahren sie dorthin und können gut einschätzen, welche Person passt, wo die Chemie stimmen wird.“

Berührend: Das sind die Erlebnisse des Arche-Teams immer. Und manchmal gibt es auch kleine Wunder. „Eine alte Dame lag im Altenaer Krankenhaus, sterbenskrank und bewegungsunfähig. Aber dann hat sie sich erholt, ich habe sie vom Rollstuhl zum Rollator, zum Stock begleitet und nach neun Monaten habe ich sie in ihre Wohnung nach Gevelndorf gefahren. So etwas kommt aber leider extrem selten vor“, sagt Rolf Wacker.

Hilfe bei Trauercafé suchen

Für ihn spielt es keine Rolle, ob seine Hilfe im Altenheim oder in Privathaushalten benötigt wird. Bei den häuslichen Besuchen sind es oft die Angehörigen, die die Situation, dass ein lieber Mensch verstirbt, kaum aushalten können. Dann sind die Sterbebegleiter auch ein wenig als Sozialarbeiter gefragt. „Die Trauer fängt lange vor dem Sterben an“, versteht Rolf Wacker die Hilflosigkeit vieler Familienmitglieder. Manche können den Verfall nicht ertragen, sind im Kummer gefangen. Rolf Wacker empfiehlt, sich Hilfe zu suchen, zum Beispiel auch beim Trauercafé.

Die Einstellung zum Tod: Die hat sich bei Rolf Wacker durch seine Arbeit bei der Arche nicht geändert. „Wohl aber die Kommunikation.“ Der Nachrodter gestaltet seine Begleitungen so, wie er es sich selbst für sich wünschen würde. Mit der Beerdigung endet sein Einsatz. „Es ist eine Berufung und eine Herzensangelegenheit“, sagt Rolf Wacker, der als Informations-Elektroniker gearbeitet hat und im Ruhestand nach einer sinnvollen Tätigkeit suchte. „Nur Rasenmähen und mit dem Hund spazieren gehen, reichte mir nicht.“

Die Arche ist für den Nachrodter eine glückliche Fügung. Und auch, wenn er am Anfang Bedenken hatte, dass es vielleicht wichtig wäre, einer Religionsgemeinschaft anzugehören, weiß er heute, dass Empathie und Lebenserfahrung von großer Bedeutung sind. Die Arbeit schenkt ihm Zufriedenheit. Ein Lächeln des betreuten Menschen reicht, „um zu wissen, warum ich das tue.“

Dass die Begleitungen auch ans Herz gehen, dass man eine gewisse Distanz benötigt, um die Aufgabe der Sterbebegleitung leisten zu können, ist keine Frage. Und so sind auch die 14-tägigen Treffen des Arche-Teams und das Angebot der Supervision wichtig. „Ich bin mental sehr gefestigt“, sagt Rolf Wacker, der gerne Werbung für die Arche machen möchte. Mitstreiter, ganz besonders auch in Nachrodt-Wiblingwerde, werden dringend benötigt.

Kontakt zur Arche für Betroffene und angehende Helfer

Der ambulante Hospizdienst „Die Arche“ bietet eine Begleitung von Schwerstkranken und sterbenden Menschen. 59 Ehrenamtler sind aktuell in der Begleitung tätig. Sie alle sind in einem einjährigen Lehrgang auf ihre Arbeit vorbereitet worden. Kommunikation, Biografie- und Trauerarbeit, Sterbephasen, der Umgang mit den Angehörigen, aber auch ganz praktische Dinge gehören zum Unterricht.

Die Begleitung der Sterbenden findet in den Familien, aber auch beispielsweise im Nachrodter Hof, im Pertheshaus oder in Kooperation mit der Palliativstation im Klinikum Lüdenscheid statt. In Nachrodt-Wiblingwerde werden aktuell vier Menschen begleitet. Für die Familien ist es kostenlos.

Wer Hilfe in Anspruch nehmen möchte, sollte zuerst den Kontakt zur Arche suchen (Telefon: 02351/905280). Wer sich vorstellen kann, als Sterbebegleiter tätig zu sein, kann sich ebenfalls unter dieser Telefonnummer melden.

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