In der Ökumene ist mehr möglich als getan wird

Im CVJM-Familienkreis sind die Meinungen über den neuen Papst und die katholische Kirche durchaus verschieden. Manche sehen in Franziskus den weltnahen Veränderer, andere beäugen skeptisch sein konservatives Umfeld.  Foto: Krumm

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein entschiedenes Plädoyer für die Ökumene zwischen evangelischen und katholischen Christen hielt am Freitag Hans-Jörg Richter als Gast des Familienkreises des CVJM Nachrodt-Obstfeld.

„Feiern wir miteinander. Erinnern wir uns an unsere gemeinsame Mitte in Jesus Christus“, beschwor der ehemalige Nachrodter, der katholische Religionslehre und Deutsch an einem Gymnasium in Krefeld unterrichtet, eine vertiefte Zusammenarbeit auf Gemeindeebene: „Es ist vieles möglich – wir tun es aber viel zu wenig.“ Hans-Jörg Richter spielte damit vor allem auf den seiner Meinung nach unbefriedigenden Besuch ökumenischer Gottesdienste an. „Vieles geht. Vieles wird durch Trägheit verhindert.“ Trotz vielversprechender Signale vom neuen Papst setzte Richter dabei aber weniger auf eine grundlegende Wandlung von oben: „Fortschritte aus Rom zu erwarten, wird uns wohl eher frustrieren.“

Dabei gebe es vielversprechende Signale auch auf der kirchenpolitischen Ebene. So vertrat das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) nicht mehr die Position der allein-selig-machenden katholischen Kirche und erkannte andere Wege zum Heil grundsätzlich an. Es gebe eine „vielfältige Verbundenheit mit Christen anderen Glaubens“ hieß es damals. Und auch der lutherische Weltbund beharrte 1999 nicht mehr auf Maximalpositionen. In einem Kompromisspapier mit der katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre fanden beide Kontrahenten einen „Konsens in Grundwahrheiten“ und sahen keinen Anlass mehr für Kirchentrennungen. Hans-Jörg Richter sah darin einen Schritt in die richtige Richtung – gegen überholte Lehrverurteilungen und kontroverse Deutungen, die trennen, was eigentlich zusammengehöre: „Das Zeugnis der Christen in der Welt ist viel zu wichtig, um uns in Klein-klein-Fragen aufzureiben.“

Das heiße aber nicht, dass im theologischen Dialog nicht über Meinungsverschiedenheiten diskutiert werden solle. Hans-Jörg Richter nannte noch einmal die entscheidenden Differenzen: Die Rechtfertigungslehre mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen „Werkgerechtigkeit“ gegen „Glaubensgerechtigkeit“, die Bedeutung der guten Werke für das Heil der Menschen, die Art der Präsenz Jesu Christi im Brot des Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie und vor allem das Amtsverständnis. Hier stehe die katholische Ansicht, dass Priester, Bischöfe und der Papst durch ihre Weihe als herausgehobene Menschen zu den kirchlichen Aufgaben berufen werden, gegen das protestantische Amtsverständnis, dass Menschen auf Zeit für diese Aufgaben gewählt werden und grundsätzlich austauschbar sind.

Viel diskutiert wurde nach dem Vortrag nicht, doch gab es einige Zwischenbemerkungen, die deutlich machten, wie die Besucher vor allem über den Vatikan und den Papst denken. „Franziskus’ Auftreten deutet darauf hin, dass er die Kirche verändern will“, zeigte sich Hans-Jörg Richter optimistisch. Als „weltnah“ empfand eine Besucherin den amtierenden Papst. Doch es gab auch skeptische Stimmen, die auf den konservativen Apparat in Rom – „die Umgebung des Papstes“ – abzielten. Hans-Jörg Richters entschlossener Appell zur Ökumene fand jedoch viel Zustimmung: „Jesus Christus hat auch nicht gefragt: ‚Wer bist du?’“, lautete das Argument aus dem Publikum. - Thomas Krumm

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