„Vom Hegen und Pflegen sind wir weit entfernt“

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Akten über Akten, Auflagen über Auflagen. Da bleibt Dr. Bodo Reinke schon mal das Lachen im Hals stecken.

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein gegebenes Versprechen ist eine unbezahlte Schuld. Doch: Wirtschaftsminister Duin, der nach der Landtagswahl direkt seinen Abschied aus der Politik verkündete, hat zuvor noch Wort gehalten. Denn während eines Besuches bei den Walzwerken hatte er den Realitätscheck versprochen. „Woran liegt es, dass Unternehmen das Gefühl haben, nicht als Partner behandelt zu werden?“, wollte der Minister wissen. Vertreter von verschiedenen Behörden sollten nach Nachrodt kommen. Und sie kamen jetzt.

 Christel Bayer aus dem Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales, Dr. Michael Henze aus dem Wirtschaftsministerium und Bernd Müller von der Bezirksregierung Arnsberg besuchten auf Anregung des Ministers die Walzwerke. „Ich habe unsere Probleme geschildert und auch gesagt, dass wir frustriert sind, weil uns immer mehr Lasten aufgebürdet werden“, so Dr. Bodo Reinke, Geschäftsführer der Walzwerke, – und meint beispielsweise die Lasten der Energiewende. Das sind jährlich zusätzlich eine halbe Million Euro für das Nachrodter Unternehmen. „Wir müssen sieben Cent pro Kilowattstunde zusätzlich auf den Strompreis draufzahlen, obwohl wir selber Investitionen in Millionenhöhe getätigt haben, um unsere eigenen erneuerbaren Energiequellen zu entwickeln – wie zum Beispiel unsere Wasserkraftanlage“, erzählt Dr. Bodo Reinke im Gespräch mit dem AK.

Reinke hatte durchaus das Gefühl, dass die Gäste Verständnis für die Probleme des Unternehmens hatten. Aber er weiß auch: Die Verwaltungsorgane müssen gesetzliche Vorgaben umsetzen und „dann interessiert sich die Politik nicht mehr dafür.“ Die Umsetzung allerdings sei oft sehr verschieden. „NRW ist dafür bekannt, dass manchmal über das Ziel hinausgeschossen wird. Bei den Auflagen werden bei uns in Nordrhein Westfalen häufig viel höhere Maßstäbe angesetzt als in anderen Regionen Europas und auch in anderen Regionen Deutschlands“, sagt Dr. Bodo Reinke.

 Lösungen für all die Sorgen gab es im Rahmen des Behördenbesuchs nicht – und auch kein konkretes Ergebnis. Reinke würde sich wünschen, dass Behörden-Vertreter häufiger an der Basis wären und die Dinge ganzheitlich betrachten – „nicht nur ihr kleines Ressort“. Ob und welche Auswirkungen der Wechsel der Landesregierung für die mittelständische Industrie haben wird, ist auch für Dr. Bodo Reinke eine spannende Frage.

 „Offen gesagt bin ich nicht euphorisch. Ich glaube, dass wir noch viel Arbeit leisten müssen, um in weiten Kreisen der Bevölkerung Verständnis für Gesamtzusammenhänge zu schaffen. Wohlstand kommt durch Arbeit, die hier in NRW hauptsächlich vom Mittelstand bewerkstelligt wird. Und das muss die breite Bevölkerung noch stärker verstehen. Umweltschutz, Bildung und Inklusion sind wichtige gesellschaftliche Aufgaben, aber die können nur bewerkstelligt werden, wenn es in NRW auch jemanden gibt, der das finanziert. Und das muss die Wirtschaft sein, die dann Arbeitsplätze zur Verfügung stellt. Wenn das alles nicht ist, dann ist die Basis für unseren Wohlstand gefährdet. Das ist ein überparteiliches Thema.“

Die Industrie in NRW muss gehegt und gepflegt werden. So steht es in den aktuellen „Industriepolitischen Leitlinien“ vom NRW-Wirtschaftsministerium. „Vom Hegen und Pflegen sind wir aber momentan weit entfernt“, sagt der Walzwerke-Geschäftsführer. Reinke hat die Hoffnung, dass die neue Regierung „die Chance nutzt, um wieder ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Interessen herzustellen.“

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