Die letzte Bastion fällt: Rastatt wird geschlossen

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Die Traditionsgaststätte Rastatt wird geschlossen.

Nachrodt-Wiblingwerde - Es ist der Augenblick des Abschieds: Die letzte Bastion fällt. Die Rastatt wird geschlossen. Anke Ahlers verlässt die Traditions-Gaststätte bereits Ende Mai. Da der Saal geschlossen werden muss, wird ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. „Ich kann nicht mehr“, sagt die Pächterin.

 „Wir haben im Dezember noch einmal Raumluftmessungen durchführen lassen“ , so Bauamtsleiter Dirk Röding. Die Schimmelproblematik am Dach direkt über dem Saal hat sich verstärkt. Die Ergebnisse der Raumluftanalysen zeigen sowohl für den Saal als auch für den Nebenraum das Vorhandensein der Gattung „Penicillium und Aspergillus versicolor“.

Das ist aktuell nicht gesundheitsschädlich, aber lässt sich augenscheinlich nur wirklich bekämpfen, wenn man den ganzen Dachstuhl erneuert. Und: Während in den Wintermonaten der Saal frei von Sporen ist (auch, weil der Saal jetzt immer geheizt wird), und die aufsteigende Wärme nach oben und ‘’rauszieht, kehrt sich die Situation an warmen Tagen um und der Schimmel ist nicht mehr aufzuhalten.

 „Wir lüften regelmäßig, wir reinigen regelmäßig“, sagt Anke Ahlers und betont: „Im Moment muss überhaupt niemand Angst haben.“ Die Schließung des Saales Ende Mai ist eine reine Vorsichtsmaßnahmen, die allerdings der Pächterin jegliche Möglichkeit nimmt, noch wirtschaftlich zu arbeiten. Am 12. Mai findet die letzte Veranstaltung im Saal statt. Zum 1. Juni wird – wenn nicht noch ein Wunder geschieht – die Rastatt geschlossen. Aber wie sollte das Wunder aussehen?

Kosten wachsen der Pächterin über den Kopf

Das Kneipenleben hat sich sehr verändert. Es gibt kaum noch Thekenbetrieb. Das Rauchverbot schreckt nach wie vor viele ab. Und: Viele Vereine haben ihr eigenes Vereinsheim. Aber was ist mit dem MGV Frohsinn, den Bürgerbus-Fahrern, den Schlesiern und mit der Kompanie Kelleramt? Was ist mit den Stammtischen, den TuS-Treffen, den Klönnachmittagen der KFD und anderen Nachrodtern, die sich regelmäßig in der Rastatt treffen?

Dennoch: Die Kosten bleiben – und wachsen der Pächterin über den Kopf. Die Pachterhöhung, die kurz vor Weihnachten ins Haus flatterte, und die damit verbundene Nachzahlung für 2017 haben ihr den Rest gegeben. „Niemand will Anke Ahlers ruinieren“, sagt Bauamtsleiter Dirk Röding und sieht die Pächterin aufgrund der Veränderung des Pachtgegenstandes (kein Saal mehr) in einer guten Position, sich ohne finanziellen Schaden vorzeitig zu verabschieden. Die Verhandlungen dazu laufen aktuell.

Doch das gesellschaftliche Leben in Nachrodt könnte zusammenbrechen. Die allerletzte Gaststätte wird geschlossen. „Herr Ferreau hat mir erzählt, dass es zwischen dem Amtshaus und Einsal einmal zehn Kneipen gegeben hat“, sagt Dirk Röding, „und heute machen wir die letzte auch noch zu.“

Der Abschied fällt schwer

Der Bauamtsleiter redet die Situation nicht schön: In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurden die Gebäude der Gemeinde niemals von Grund auf untersucht. Man habe immer nur auf Probleme reagiert. Das Wort Flickschusterei nimmt er nicht in den Mund. „Aber es durfte alles nichts kosten.“ 2003 wurden 360.000 Euro in das Rastatt-Hotel investiert. Und schon damals gab es Diskussionen, ob sich die Investitionen denn wirklich lohnen würden.

Seit neun Jahren ist Anke Ahlers Pächterin. Sie stemmt die Rastatt als alleinerziehende Mutter. „Es wird heftig für mich, wenn ich gehe“, sagt die 51-Jährige, „aber auf der anderen Seite freue ich mich auch auf ein normales Leben. Ich stehe hier mit allem allein. Und auch, wenn der liebe Gott am Tag 48 Stunden zaubern könnte, hätte ich keine Schnitte, es zu schaffen. Ich bin fleißig, ich will arbeiten, ich werde schon etwas anderes finden.“

Bürgermeisterin Birgit Tupat bedauert die Situation sehr. „Worst case. Aber auch, wenn Anke Ahlers gesagt hätte, dass sie weitermacht, so hätte man bei laufendem Betrieb nicht sanieren können.“ Die Entscheidung, ob die Rastatt überhaupt saniert werden soll (eine Million Euro sind dafür im Haushalt), oder ob jetzt ein Abriss folgt, ist eine Entscheidung der Kommunalpolitik. Bürgermeisterin Birgit Tupat hat Kontakt mit einem Experten, der Standortanalysen und Konzepte für die Gastronomie in ganz Deutschland macht. Und in Nachrodt hat er sich bereits umgesehen.

Kommentar zur Schließung der Rastatt:

Das ist nicht nur schade, das ist eine Katastrophe: Nachrodt ohne Rastatt? Keine einzige Gaststätte weit und breit? Die Versäumnisse der Vergangenheit müssen heute ausgebadet werden. Fühlt sich irgendjemand verantwortlich? Hätte man sich die gemeindeeigenen Gebäude mal vor 20 oder 30 Jahren genau angeschaut, müsste heute nicht ein Haus nach dem anderen abgerissen werden. Für den Iserlohner (Bauamtsleiter Dirk Röding) und den Altenaer (Ingenieur Holger Selve) ist das nur eine logische Konsequenz – ihnen fehlt auch jegliche emotionale Bindung.

Doch die Rastatt ist viel mehr als nur ein sanierungsbedürftiges Gebäude. Es ist ein Herzstück der Gemeinde. Wie wenig das heute zählt, haben die Debatten in den vergangenen zwei Jahren bewiesen. Von der unsäglichen Pachterhöhung mitten im Dilemma ganz zu schweigen. Ade glückliches Händchen. Aber vielleicht kommt ja am Rastatt-Standort nun ein schickes Verwaltungsgebäude hin. Fragt sich, wer das benötigt.

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