Betagte Schönwetterautos sind unverkäuflich

Ralf Gottwald zeigt zwei seiner automobilen Schätze, einen VW-Kübelwagen und einen Käfer. Den Winter verbringen die Fahrzeuge in einer beheizten Garage und auch im Sommer startet Gottwald nur bei schönem Wetter zu Ausfahrten. Foto: Bröer

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Pausen kennt Ralf Gottwald nicht. Er muss immer irgendetwas „um die Hand“ haben. Dabei ist es im Grunde genommen schon fast egal, ob es sich um sein Arbeitsgerät, ein C-Rohr der Feuerwehr – Gottwald ist Löschgruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr in Wiblingwerde – oder einen Schraubenschlüssel handelt.

Von Hartwig Bröer

Mit einem dieser Arbeitsmittel trifft man ihn eigentlich immer. Daher weist sein Sessel im Wohnzimmer auch keine Abnutzungserscheinungen auf. Gottwald kommt – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht dazu, dieses Möbelstück zu benutzen. Nicht nur, dass ihn sein Beruf ganztägig beansprucht. Daneben ist er auch noch bei der Feuerwehr aktiv. Und in sein Hobby steckt er auch noch einmal eine ganze Menge Zeit. Denn Gottwald ist ein „Schrauber“, also jemand, der Fahrzeuge repariert oder – wie in diesem Fall – Oldtimer wieder herrichtet.

Selbst aus einem „Schrotthaufen“ macht Ralf Gottwald in aller Regel wieder ein fahrbereites und Tüv-abgenommenes Fahrzeug. Diese Arbeiten sind allerdings nichts für ein Wochenende. Zum Teil benötigt der Liebhaber einige Jahre für ein einziges Fahrzeug. „Natürlich arbeite ich nicht jeden Tag an dem Oldtimer“, sagt er. Aber die Stundenzahlen kann er schon nicht mehr zählen, die er in ein einziges Modell gesteckt hat. So hat er in der Vergangenheit schon einen Ford und ein Goggomobil restauriert. Seine absolut erklärten Lieblingsfahrzeuge sind jedoch drei Volkswagen. Dazu gehört zum Beispiel der so genannte Kübelwagen, ein VW Typ 181. „Damit hatte ich eigentlich nicht viel Arbeit. Den habe ich durch Zufall in einer offenstehenden Garage gesehen und mich dann mit dem Eigentümer in Verbindung gesetzt“, erzählt Gottwald. Das Fahrzeug sei noch in gutem Zustand gewesen.

Ganz anders sein 56er Käfer, noch mit Ovalfenster ausgestattet. „Der war rein technisch eigentlich auch noch in Ordnung“, sagt Gottwald. Aber der Vorbesitzer aus Letmathe habe das Fahrzeug „aufgemotzt“. Mit Stereo-Radio, Drehzahlmesser und Sportauspuff. „Und gelb war er auch noch“, schaudert es Gottwald noch heute. „Das hatte mit dem Original nichts mehr zu tun“. Aus diesem Grunde legte er Hand an und versetzte den Käfer wieder in den Originalzustand. Gottwald entfernte alles, was nicht zu dem Käfer gehörte: Stereo-Radio, Drehzahlmesser und Sportauspuff. Und natürlich wurde das Fahrzeug in der Original-Farbe Grau neu lackiert. Nun ist der Käfer wieder ein Käfer. Mit Blumenvase hinter der Frontscheibe und mit Original-Zeitschriften aus dem Jahr 1956. „Die habe ich aus einem Altpapiercontainer gefischt“, schmunzelt Gottwald. Sie schmücken jetzt die Hutablage.

Seit mehr als 18 Jahren befindet sich das Fahrzeug in seinem Besitz. Sein erklärter „Liebling“ jedoch stammt aus dem Baujahr 1972, ein VW-Käfer Cabrio. „Das habe ich in Bremen von einem Schrottplatz geholt“, erinnert sichGottwald. Das Fahrzeug sei total verrostet gewesen. Auch habe es einen heftigen Unfallschaden aufgewiesen. Die Überführung von Bremen nach Wiblingwerde sei richtig abenteuerlich gewesen. Im Verdeck des Cabrios habe sich ein großes Loch befunden, der Auspuff sei schon an der Autobahnauffahrt abgefallen und die Seitenscheiben seien durch den Luftzug in die Rasterungen zurück gedrückt worden. Aber das war noch nicht alles. Bis auf die letzte Schraube hat Gottwald das Auto damals auseinander genommen. Danach begann der Wiederaufbau. Dabei nahm das Schweißen des Rahmens einen Großteil der investierten Zeit in Anspruch. Die Sportsitze wurden ausgebessert, das Lenkrad erneuert und die Technik komplett überholt.

Seine Fahrzeuge, insbesondere das Cabrio, benutzt Gottwald nur im Sommer. Und auch nur dann, wenn er zuvor den Wetterbericht gehört hat. „Regen geht gar nicht“, sagt er. Derzeit ist er damit beschäftigt, seine Oldtimer winterfest zu machen. Dazu wird zunächst einmal der Luftdruck in den Reifen erhöht. Dadurch wird verhindert, dass die Reifen später Standflächen aufweisen. Und vollgetankt werden die Oldtimer auch. Denn die Fahrzeuge verfügen alle noch über einen Blechtank. Und wo kein Benzin ist, kann sich Rost ansetzen. Und danach werden die automobilen Schätzchen noch „eingetütet“ – mit ganz speziellen Staubschutztüchern. Darunter verbringen sie dann den Winter in einer gut temperierten Garage. Im nächsten Sommer werden sie wieder „ausgemottet“ und wenn das Wetter stimmt, auch wieder gefahren.

Bis es so weit ist benutzt Gottwald noch seinen alten VW-Golf der Baureihe eins aus dem Jahr 1981. Der hat nun auch schon gut 30 Jahre auf dem Buckel. Den Golf fährt Gottwald eigentlich bei jedem Wetter, obwohl er auch dieses Fahrzeug hegt und pflegt. Sein fortgeschrittenes Alter sieht man ihm deshalb nicht an. Man kann vielmehr den Klang des alten Mono-Radios genießen und die damals richtungsweisende Technik bewundern. Das Fahrzeug verfügt nämlich über ein Automatik-Getriebe, war damit ein Sondermodell. „Wer dieses Fahrzeug gekauft hat, der hat damals eine richtig gute Mark auf den Tisch legen müssen“, sagt Gottwald. Für Gottwalds Fahrzeuge müsste man heutzutage bestimmt auch tief in die Euro-Tasche greifen. Aber Interessenten haben keine Chance: Der Liebhaber verkauft keines seiner Modelle. „Da stecken viel zu viel Arbeit und viel zu viel Liebe drin“, erteilt er jeglichen Avancen eine Absage. - Hartwig Bröer

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