Englischer Graf ist vermutlich nur ein dreister Schwindler

Nachrodt-Wiblingwerde - Der Fall erinnert an die – gar nicht guten – alten Heiratsschwindler: Im März 2012 suchte ein 28-jähriger Oberhausener Unterschlupf bei einer 28-Jährigen in Nachrodt, die er über das Internet kennengelernt hatte. Am Dienstag landete die Angelegenheit vor dem Amtsgericht.

Was die Frau nämlich nicht wusste, als sie ihren neuen Freund bei sich einziehen ließ: Der junge Mann versuchte durch sein Untertauchen einer Haftstrafe zu entgehen, die er in jenen Tagen hätte antreten müssen. Der Alltag gestaltete sich deshalb recht eintönig für den Untergetauchten: Weil nach ihm gefahndet wurde, habe er die Wohnung kaum verlassen können, erklärte der Angeklagte Dienstag im Amtsgericht Altena. Dort musste sich der Oberhausener wegen Betruges in 16 Fällen verantworten. Denn der 28-Jährige soll seine üppig zur Verfügung stehende Freizeit genutzt haben, um von seinem Unterschlupf aus Internet-Bestellungen aufzugeben. So wurden im Laufe des Jahres 2012 zwei Fernseher, ein Airsoft-Luftgewehr, ein Bett samt Lattenrost und Sieben-Zonen-Matratze, ein Apple-Notebook sowie teure Schuhe und Kleidung nach Nachrodt geliefert. Auch Damenbekleidung war dabei. In keinem Fall habe der Angeklagte die Absicht gehabt, die Rechnungen zu begleichen, warf die Anklage ihm vor. Der Gesamtschaden für die Lieferanten summiert sich auf einen Betrag im fünfstelligen Bereich.

„Theoretisch hätte ich die bestellen können“, räumte der Angeklagte mit Blick auf die Damenbekleidung ein, stritt die entscheidenden Vorwürfe aber ab. Das bestellte Bett habe er gar nicht mehr gebraucht, weil seine Haft bevorgestanden habe, Kleidung habe ihm nicht gepasst, weil er „in der Zeit der Flucht sehr zugelegt“ habe. Die 28-jährige Gastgeberin erklärte ihr nur mühsam nachvollziehbares Verhalten: „Ich habe ihn geliebt, und ich habe ihm vertraut. Er hat mir vorgespielt, dass er nur vorübergehend nicht an sein Geld kommen könne.“

Eine besondere Rolle bei der Erzeugung des Bildes eines phantastischen Reichtums spielte eine Erklärung, die der Zeugin vor Augen gekommen war: Einem „Gregory James Earl of Gloucestershire“, einem Grafen aus dem Südwesten Englands also, wurde der Besitz eines Vermögens in Höhe von gut zwei Milliarden Euro bestätigt. Kein Wunder, dass Richter Dirk Reckschmidt vermutete, dass diese Geschichte „für den einen oder anderen nicht sofort nachvollziehbar“ war. „Haben Sie mit Namen, Daten und Titeln gespielt?“, wollte er vom Angeklagten wissen und „Waren Sie der Earl von Gloucestershire?“ „Nein“, versicherte der Angeklagte.

Dass er die Vorwürfe umfassend zurückwies, beschert der Öffentlichkeit eine detaillierte Beweisaufnahme. Aufgrund von Terminschwierigkeiten wurde das Verfahren jedoch nicht unterbrochen, sondern ausgesetzt. Frühestens nach Ostern wird dann erneut nach dem Earl of Gloucestershire gefahndet werden. -  Thomas Krumm

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